Feiertag, 29.05.2016

von Joachim Opahle aus Berlin

Seht, da ist der Mensch. Das Thema von Leipzig

Autor
Es ist eine armselige und elende Gestalt, die mir in der Kirche begegnet. Fast nackt, nur mit einem knappen Lendenschurz umhüllt, die Hände gefesselt, einen Kranz von Dornen auf dem Kopf, so steht sie vor mir, in der katholischen Herz Jesu-Kirche in Berlin-Tempelhof: ein Bild des leidenden Jesus, eine hölzerne Figur.

Sie ist alt, so um 1600 herum geschaffen von einem unbekannten Künstler. Um die Schultern trägt der Schmerzensmann einen eigenartig feierlichen Umhang in rot, wie Könige ihn tragen. Aber sein Blick ist nicht selbstbewusst und herrschaftlich, sondern gesenkt, der Mund leicht geöffnet wie wenn ihm ein stummer Schrei entfahren wollte. Er schaut den Betrachter nicht an, ist selbst den Blicken der Betrachter ausgesetzt, frontal und öffentlich.

Musik: G.Fauré: Pie Jesu 

Sprecherin
Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen, den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie stellten sich vor ihn hin und sagten. Heil dir, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht. Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus, ihr sollt wissen, dass ich keinen Grund finde, ihn zu verurteilen. Jesus kam heraus, er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: „Seht, da ist der Mensch!“ (Johannesevangelium 19)

Autor
Dieser Satz, auf lateinisch: „ecce homo“, hat Berühmtheit erlangt. Friedrich Nietzsche hat eine autobiographische Schrift danach benannt. Untertitel: Wie man wird, was man ist! Dichter haben Gedichte unter diesem Motto veröffentlicht. Auch andere Übersetzungen sind vorgeschlagen worden. Nicht: „Seht, da ist der Mensch“, sondern: „Seht den Menschen!“ oder „Seht, welch ein Mensch!“, mit einen heroisierenden Beiklang.

Mir leuchtet aber die klassische Version am ehesten ein: „Seht, da ist der Mensch!“ Pilatus geht auf Distanz: Nicht ich, sondern: „Der da“ ist der Betroffene. Ist ihm die Sache nicht geheuer? Spürt er, dass hier Unrecht geschieht? Der Betrachter der Statue in der Kirche nimmt die Position des Volkes ein. Jesus wird vorgeführt, uns vorgeführt, zur Schau gestellt, nackt und gefoltert, mit einem stechenden Kranz aus Dornen auf dem Haupt, der weh tut und zugleich lächerlich machen soll. Hinzu kommt der pseudo-königliche Mantelumhang, der zu nichts als Spott und Hohn taugt: Seht, hier ist er, der König der Juden. Dabei ist er in Wirklichkeit eine Elendsgestalt, ein lebender Toter.

Er wird auf kirchlichen Altären oft mit seinem Gegenstück, der leidenden Maria, dargestellt. Sie war bei der Hinrichtung ihres Sohnes dabei und steht schmerzgegrämt unter dem Kreuz. Es ist die Mater Dolorosa, die leidende Muttergottes. Auch auf sie passt das Motto: Seht der Mensch! Denn auch sie verkörpert etwas zutiefst Menschliches: die Trauer um den geliebten sterbenden Sohn. In der Figur der Pietà, der stumm trauernden Mutter, die den toten Sohn auf dem Schoß hält,  kommen sie schließlich wieder zusammen.

Musik: G.Fauré: Pie Jesu

Autor
Es sind eher düstere und traurige Zusammenhänge, aus denen das Motto des Leipziger Kirchentages genommen wurde, der heute zu Ende geht. „Seht, da ist der Mensch“! Es soll ein Motto sein, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Es wurde bewusst kein frommer oder euphorischer Slogan gewählt, kein Appell an die Solidarität oder eine beschwörende Formel der Gemeinschaft und des Zusammenhalts. Sondern dieser eine, nüchterne Satz; offen für vielfältige Interpretation: „Seht, da ist der Mensch!“

„Bei der Suche nach Antworten auf die zahlreichen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen unserer Gegenwart geht es immer um den Menschen.  Sein Wert und seine Würde müssen der Maßstab unseres Handelns und Gestaltens sein“, so begründeten die Veranstalter des Katholikentags, warum sie gerade dieses biblische Zitat als Leitwort ausgewählt hatten. Denn das gegenwärtige Verständnis von dem, was der Mensch ist und worin seine Würde besteht, bestimmt darüber, wie wir Fragen der modernen Biologie und Medizin, der Wirtschafts- und Finanzwelt, der Globalisierung, des Friedens und der Entwicklung, des Klimaschutzes und der Umwelt beantworten. Und es ist kein Zufall, dass mit dem Leitwort besonders der Blick auf die Leidenden, Benachteiligten, Verfolgten, auf die Schwachen gelenkt werden soll.

Musik: G.Fauré: Pie Jesu 

Autor
Die biblische Tradition denkt groß vom Menschen. Und zugleich realistisch: Kurz nur ist die Zeit des Paradieses, alsbald zeigt sich, dass der Mensch fehlbar und eitel, eifersüchtig und gewalttätig ist, dem anderen zum Wolf wird. Dennoch hält der Psalmist an seiner optimistischen Sicht fest, wenn er über den Menschen staunt: "Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt" (Psalm 8,6).

Herrlichkeit und Ehre, sind das die angemessenen Bezeichnungen für den Menschen unserer Tage? Ende der 70er Jahre schrieb der Österreicher Matthias Mander einen Roman mit dem Titel „Der Kasuar“. Kasuare gehören zur Familie der Straußenvögel und leben in Australien in freier Wildbahn. In der Erzählung geht es um Probleme der modernen Industriegesellschaft wie die Zerstörung der Umwelt oder ein möglicher Atomkrieg; aus einer Zeit, als das Wort Globalisierung noch nicht in aller Munde war. Die Erzählung vom Kasuar ist ein gutes Beispiel dafür, wie man in einer zunehmend weniger überschaubaren und von technologischen Sachzwängen beherrschten Welt den Menschen und das Leben ernst nehmen kann, auch wenn man eigentlich vor dem Elend der Welt resignieren müsste. Immer geht es um den Menschen, seine Schwächen und Stärken, wie er sich selbst sieht und wie er gern von anderen gesehen werden will. Verwirrend, oft widersprüchlich wie das Leben auch, lässt uns der Erzähler an seinen Gedanken teilhaben. Erfahrungen des Scheiterns sowie Hoffnungen und Visionen stehen unvermittelt und scheinbar planlos nebeneinander. Einziger Bezugspunkt sind die Kinder: ihnen will der Erzähler weitergeben, was das Leben ausmacht, wie sie es in ihrer Generation vielleicht besser machen können.

Dabei verzichtet der Erzähler auf jede vereinfachende Utopie. Umso deutlicher wird dagegen die Grundwahrheit des Romans. Sie lautet: Nur ein wirkliches Miteinander aller Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik wird die Industriewelt menschlicher machen. Der Einzelne kann wenig tun. Er findet sich angesichts der Verhältnisse vor wie ein Kasuar, also wie ein Laufvogel, der das Fliegen verlernt hat. Seine Flügel sind nur noch angedeutet. Ein Kasuar, der nicht mehr fliegen kann, sich aber dennoch mühevoll und unter vielen Rückschlägen und Umwegen durch das Gestrüpp der Realität schlagen muss. Genau so, sagt der Roman, ist auch der Mensch. Ein Wesen, das zwar Flügel hat, die ihn daran erinnern, dass man fliegen können müsste. Allein, er kann es nicht. Der Mensch: Ein Laufvogel, aber einer mit Flugseele.

Musik: herrlicher, Bilder des Heils 

Autor
„Seht, da ist der Mensch“ – unter diesem Leitwort haben sich in Leipzig in den vergangenen Tagen zehntausende von Gästen aus allen Teilen Deutschlands getroffen. Noch nie waren so viele Katholiken in der Stadt. Für den einen wurde das Treffen zu einem Impuls, über das eigene Leben nachzudenken und zu sehen, wie andere leben. Andere wollten sich austauschen über konkrete Themen, die derzeit auf den Nägeln brennen. Die Erwartungen an die Menschen, die man sehen wollte, waren jedenfalls ganz unterschiedlich:

Besucher
Für mich bedeutet das in einer so unchristlichen Gegend wie Leipzig, oder hier im Osten, dass man auf den christlichen Mensch den Fokus legt, dass man sagt: seht, da ist der Mensch, der christlich is, seht, da ist die Gemeinschaft auch, und...ja.

Besucher
Allen in ihrer Buntheit und Vielfalt. Jung und alt, Frauen und Männer,  egal welcher Nation sie angehören, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Ich finde, Gottes Botschaft ist für alle Menschen da. Diversität, Vielfältigkeit, das hoffe ich spiegelt sich  in Leipzig auch wieder. Und ich glaube, Christen haben  eine Botschaft nicht nur für eine Sorte Menschen sondern für alle.

Besucher
Also ich treff dort andere Menschen, die vielleicht der selben  Gesinnung sind wie ich, das alles in der Öffentlichkeit sozusagen, meinen Glauben, meine Kirche, mal zu präsentieren,  zu sehen, sich ein bisschen zu bestätigen und zu zeigen: Man, wir sind eigentlich toll.

Musik: herrlicher, Sieh dir das an   

Autor
Nicht nur fromme und erbauliche Themen kamen in Leipzig zur Sprache. Auf zahlreichen Foren und Diskussionen ging es um soziale und gesellschaftliche Fragen: Wie weit reicht unsere Verantwortungsbereitschaft, Friedfertigkeit und Barmherzigkeit? Spielen Christen eine besondere Rolle, wenn es um die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen geht, die hierzulande eine neue Heimat suchen? Kann uns die sprichwörtliche biblische Gastfreundschaft heute noch als Handlungsanleitung dienen?

Besucher
Für mich ist "seht, der Mensch" vor allem mein Nächster und die Menschen, die jetzt grad zu uns kommen hier in großen Scharen, muss man sagen, die so ein bisschen im Blick zu haben und zu gucken, was da so passiert, und  wie auch sich die Situation in der Gesellschaft sich ändert. Zu so versteckten Unmenschlichkeiten, wo man sagt, was wird dem Menschen denn noch gerecht, unsere Mieten, oder unser Lebensstil, oder: wie wir uns hier so hin und her bewegen auf dieser Seite des Planeten; das wird ner Menge Menschen nicht mehr gerecht, vor allem die, die wir halt nicht so sehen, oder die wir jetzt neu sehen, weil sie zu uns kommen.

Besucher
Ja auf der einen Seite politischer Diskurs, aber eher im Sinne von: wie können wir mit den Menschen gemeinsam unterwegs sein, die von Kirche vielleicht nicht so viel erwarten. Und hinzugucken und wahrzunehmen, wie wir als Menschen unterwegs sind. Vorgestern sagte mir jemand am Gartenzaun: Wie dienen Gott doch am ehesten, wenn wir einander gut achten und miteinander gut umgehen. Ich glaube, darum  gehts: einander wahrzunehmen, vielleicht auch ein Stück darin eine Gottesbegegnung zu erleben, dass im anderen der Mensch sich sichtbar wird, und damit auch Gott als Mensch sichtbar wird.

Besucher
Da sind wir alle gemeint, so wie wir sind und so wie wir sein könnten und sein möchten,  und ich denke mal, gerade in so einem  Ort wie dem Katholikentag, wo man wirklich viele Menschen kennenlernen kann, kann man sich auch von anderen abgucken, wie man sein kann und möchte, und vielleicht auch was für sich nach Hause nehmen, für seine eigene menschliche Zukunft.

Musik: herrlicher, Sieh dir das an

Autor
Denkt man an Leipzig, fällt einem zuerst die friedliche Revolution von 1989 ein, als Christen in der Nikolai-Kirche die Machthaber mehr als irritierten, weil sie friedlich, nur mit Kerzen und Gebeten, gegen das Unrechtssystem aufstanden. Aber Leipzig ist mehr: es ist die Stadt, in der Johann Sebastian Bach wirkte. In jüngster Zeit machten Protestgruppen von rechts und links mit lautstarken und auch gewalttätigen Demonstrationen von sich reden. Christen sind in Leipzig, wie überall im Osten Deutschlands, eine Minderheit. Eine Rückbesinnung auf christliche Wurzeln und ein neu erblühtes Christentum, das manche nach 1989 am Horizont dämmern sahen, blieb aus. Man darf gespannt sein, ob mit dem Reformationsjubiläum im kommenden Jahr eine kulturelle Wiederentdeckung des Christentums einhergeht. Für den gastgebenden Bischof Heiner Koch war jedoch von Anfang an klar, dass der Leipziger Katholikentag anders sein musste, als bisherige Treffen dieser Art:

Erzbischof Heiner Koch
Vor allem bin ich daran interessiert, dass es auch ein Katholikentag ist, der die Menschen anspricht, die nicht zur Kirche gehören, die in Leipzig leben und vielleicht keiner Konfession oder Religion sich zugehörig fühlen. Ich hoffe, dass es dem Katholikentag gelingt, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich hoffe, dass es gelingt, dass diese Menschen mit uns ins Gespräch kommen, dass wir uns begegnen. Das ist nicht nur eine Frage des Wortes, auch des Mitfeierns Teilnahme an kulturellen Dingen, auch der Teilnahme vielleicht an Gottesdiensten, die wir ein wenig auch auf sie hin gestaltet haben. Es gibt einen Tag eins nach dem Katholikentag und dann hoffe ich, dass die katholische Kirche in Leipzig beschwingt von diesem Katholikentag auf eine offene Leipziger Gesellschaft hin wieder ihren Alltag gehen kann.

Autor
Vor der Partei „Alternative für Deutschland“, um deren Ausladung vom Katholikentag es im Vorfeld einige Diskussionen gegeben hatte, ist dem Bischof nicht bange. Auch nicht vor den Chaoten vom rechten und linken Rand des politischen Spektrums, die seit Wochen die Polizei in Atem halten.

Erzbischof Koch
Wir wissen um die Problematik, die gerade in Leipzig leider Gottes immer wieder auch manifest wird, in den Demonstrationen im rechten und linken Rand unserer Gesellschaft. Es ist völlig klar: von gewissen Thesen und Verhaltensweisen können wir uns nur distanzieren. Andererseits möchten wir gerade mit diesen Menschen auch ins Gespräch kommen, denn hinter ihrer Positionierung und manchmal auch aggressiven Grundhaltung und einer Haltung, die wir nicht teilen können, steckt oftmals eine Geschichte und eine Sorge, die der Grund ist, für diese Aggressivität. Wenn wir nicht an diese Entwicklung herankommen, an diese Tiefe, auch das sehen, wahrnehmen, was diese Menschen bewegt, dann werden wir auch nicht unseren Beitrag leisten können zu einer friedvollen Gesellschaft.

Musik: Ch.W.Gluck: Reigen seliger Geister  

Autor
„Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst….Du hast ihn nur wenig niedriger gemacht als die Engel…mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt“ – so heißt es im biblischen Psalm 8. Andreas Knapp, ein Ordensmann der in Leipzig lebt, hat den achten Psalm im Blick auf die Menschen seiner Umgebung neu gedichtet. Beim ersten Hinhören klingt es skeptisch, am Schluss aber überwiegt die Zuversicht:

Psalm 8

Mensch

Herrscher der welt

Wie gewaltig ist dein name

Auf der ganzen erde

Über den himmel breiten sich

Die kondensstreifen aus

Aus lautsprechern schaffst du dir eigenlob

Aller weisheit zum trotz

Das gotteslob aber muss verstummen

Seh ich den himmel den du eroberst

Die wolkenkratzer die du befestigt

Wer ist gott dass wir noch an ihn dächten

Der sohn gottes dass sich jemand für ihn interessierte

Der aber hat sich geringer gemacht als der letzte mensch

Und sich aller ehre entkrönt

Hat sich als diener unter alle gestellt

Und sich zu den füßen anderer hinabgebeugt

Du gott bist ganz anders als alle herrscher

Gewaltfrei mache dein name

Die ganze erde

(aus: Andreas Knapp, Heller als Licht, Echter Verlag Würzburg)

 

Verwendete Musik:

(1)   Gabriel Fauré: Titel: Pie Jesu, Schola Cantorum of Oxford, Oxford Camerata, Jeremy Summerly; aus CD: Engelsstimmen. Festliche Vokal- und Orchesterwerke; HNH International Ltd., Naxos LC 05537

(2)   Herrlicher. Titel: Bilder des Heils; aus CD: herrlicher. Der neue Anfang; Gitarre und Gesang: Mathias Pinkawa; Pallotti Media; www.pallotti-media.de

(3)   Herrlicher. Titel: Sieh dir das an; aus CD: herrlicher. Der neue Anfang; Gitarre und Gesang: Mathias Pinkawa; Pallotti Media; www.pallotti-media.de

(4)   Christof W.Gluck, Titel: Reigen seliger Geister; Nora  Shulman, Flöte; Judy Loman, Harfe;  aus CD: Engelsstimmen. Festliche Vokal- und Orchesterwerke; HNH International Ltd., Naxos LC 05537


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Dieser Beitrag wurde am 29.05.2016 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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