Morgenandacht, 13.12.2014

von Beate Hirt, Frankfurt

Lucia und das Licht

Noch eine Woche, dann ist es geschafft! Nein, ich meine nicht die Zeit bis zu Ferien oder Urlaub. Ich meine die Woche bis zur Wintersonnenwende. In einer Woche ist endlich die längste Nacht des Jahres – und dann werden die Nächte wieder kürzer und die Tage länger! Darauf freue ich mich fast genauso wie auf Weihnachten. In den letzten Wochen hat mir die Dunkelheit wirklich zu schaffen gemacht.  Morgens krabbele ich im Dunkeln aus dem Bett, tagsüber schaue ich hinaus in den Dauernebel – und am Nachmittag um vier wird‘s auch schon wieder richtig düster. Mir raubt das Energie. Und ich bin nicht die Einzige im Kollegenkreis, die bei so viel Dunkelheit oft sagt: Oh Mann, bin ich müde. Die Stimmung ist bei so viel Düsternis auch oft ziemlich düster.

Vor ein paar Jahrhunderten, vor der Kalenderreform 1582, da war heute, am 13. Dezember, sogar schon der kürzeste Tag des Jahres, die Wintersonnenwende. Und deshalb passt die Heilige, die heute im Kalender steht, besonders gut: die heilige Lucia. Licht steckt schon in ihrem Namen, denn der kommt vom lateinischen Wort „lux“. Man erzählt sich: Lucia brachte im dritten Jahrhundert während der Christenverfolgung ihren Glaubensgefährten Lebensmittel in die Verstecke. Damit sie beide Hände frei hatte zum Tragen der Speisen, setzte sie sich einen Lichterkranz aufs Haupt und konnte so in der Dunkelheit den Weg finden. Vor allem in Skandinavien knüpft man mit Bräuchen an diese Legende an: In Schweden zum Beispiel bringen Mädchen mit einem Lichterkranz im Haar der Familie das Frühstück ans Bett.

Frühstück ans Bett mit Lichterkranz auf dem Kopf: Das wird’s bei mir heut eher nicht geben. Aber ich könnte mir vorstellen: Ich lege ein gemütliches und ausgiebiges Frühstück an meinem Küchentisch ein, und zwar am besten erst dann, wenn es draußen schon hell wird, und ich zünde dazu die Kerzen auf meinem Adventskranz an. Vielleicht lasse ich mir auch ein paar lichtvolle Sätze schenken: Im Moment lese ich morgens gerne ein paar Minuten in meinem Lieblings-Adventskalender oder in der Bibel. Auch über das Licht ist dort viel zu finden. Es heißt da zum Beispiel: „Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor“ (Epheser 5,9).

Da hat die Bibel wirklich recht: Licht, das bringt nicht nur meine Stimmung zum Leuchten. Es bringt mich auch dazu, gütiger und gerechter in den Tag zu starten, milder mit den Menschen um mich herum umzugehen. Wenn ich selber Licht getankt habe, dann kann ich auch Licht weitergeben. Licht: Das steht für mich für alles, was ich zum Leben brauche: Auch für Zuwendung, für Freundlichkeit, ja, sogar für gutes Essen und einen starken Kaffee. In der Legende von der heiligen Lucia wird das für mich deutlich: Sie kam mit dem Lichterkranz auf dem Kopf in die Verstecke ihrer Gefährten. Damit hat sie Licht gebracht, aber eben auch etwas zu essen und die Zusage: Ich bin für euch da, ich riskiere etwas für euch, ich bringe euch meine Liebe und die Liebe Gottes. Dafür steht Licht ja nicht zuletzt auch: für die Liebe.

Es ist ja kein Zufall, dass nächste Woche Wintersonnenwende und Weihnachten zusammenfallen: Auch Gott kommt an Weihnachten sozusagen mit einem Lichterkranz in unsere Verstecke und Dunkelheiten. Schon zu antiken Zeiten wurde Ende Dezember die Geburt eines Sonnengottes gefeiert – die Christen haben dieses Datum für Jesu Geburt übernommen. Im Weihnachtsevangelium heißt es: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (Johannes 1,9) Jesu Geburt: Sie will Licht und Liebe und neue Energie in jedes Leben bringen. Und deswegen freue mich auf dieses Fest nächste Woche, auf Weihnachten – und auch auf die Wintersonnenwende. Auf mehr Licht!


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 13.12.2014 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche