Morgenandacht, 12.12.2014

von Beate Hirt, Frankfurt

Besinnlicher Advent

Es ist wie jedes Jahr: Da reden alle – nicht zuletzt in Morgenandachten wie dieser – vom besinnlichen Advent, von Kerzenschein und ruhigen Momenten. Und zugleich ist der Advent bei vielen die hektischste Zeit überhaupt im Jahr. Je näher Weihnachten rückt, desto mehr wird gerannt. Da gibt’s die Weihnachtsfeiern im Verein und in der Firma, Weihnachtspost und Weihnachtsgeschenke müssen organisiert werden, und dann soll ja bis zum Jahresende auch sonst noch so einiges fertig werden. Also lieg ich schon morgens im Bett unruhig da und hab all die vielen Dinge im Kopf, die ich tagsüber erledigen will. Und ahne schon wieder: Es wird nichts aus Besinnlichkeit und Langsamkeit.

Jedenfalls nicht, wenn ich mich nicht sehr aktiv darum kümmere. Ich habe mich in diesem Jahr für eine Doppelstrategie entschieden: Zum einen: Ich will nicht zu viel erwarten vom Advent. Warum soll er denn unbedingt die ruhigste und bedeutungsvollste Zeit des Jahres sein? Für mich ist das utopisch, bei all den Dingen, die vor Weihnachten anstehen und die ich auch nicht alle ausfallen lassen kann und will. Ich will ein bisschen gelassener werden in meinen Ansprüchen an den Advent. Aber zum andern: Ganz aufgeben will ich sie auch nicht. Ab und zu hätte ich sie eben doch ganz gerne, die ruhigen und besonderen Momente, die es sonst ja kaum so gibt im Jahr. Mit Kerzenschein und Sternen am Fenster und Adventskranz. Und deshalb lasse ich tatsächlich ab und zu etwas ausfallen. Setze noch aktiver als sonst Prioritäten. Und reduziere morgens meine Liste für den Tag – oder auch das Wochenende -, so gut es geht.

Eine Freundin hat mich dazu ermutigt. Sie hat erzählt: Sie hat ganz radikal Termine gekürzt im Advent, es gibt in ihrer Familie weniger Krippenspiele, Konzerte, Weihnachtsfeiern – und die Plätzchensorten werden auch auf zwei reduziert. Und sie hat mir erklärt: Natürlich tut das auch ein bisschen weh. Man enttäuscht andere, und man hat immer mal wieder das Gefühl, etwas zu verpassen. Aber – alle in der Familie haben so auch mehr Zeit.   Und können dadurch langsamer machen oder sich wirklich auch mal eine Pause gönnen.

Mich hat das beeindruckt. Mir ist bewusster geworden: Natürlich ist vieles an diesem Adventsstress meine eigene Entscheidung. Ich bin es ja in der Regel selbst, die die Termine ausmacht, die hier noch etwas zusagt und dort noch unbedingt dabei sein will. Und die vor dem Weihnachtsurlaub noch eine riesige Liste an To-do‘s abarbeiten möchte. Ich bin es vor allem, die das Tempo bestimmt, das ich morgens vorlege. Und ich kann das Tempo auch ein gutes Stück rausnehmen. Das fällt auch mir schwer. Aber wenn ich es mir morgens schon bewusst vornehme, klappt es öfters mal.

Ich sage dann so Sätze wie: Tut mir sehr leid, aber das wird mir zu viel. Oder: Vielleicht können wir uns ja im Januar mal in Ruhe treffen. Und ich versuche auch ganz buchstäblich, das Tempo zu reduzieren: Ich versuche einfach, weniger zu rennen im Advent. Bewusst gemächlicher durch die Stadt zu laufen oder durch die Geschäfte. Ich lasse auch das Fahrrad öfter stehen oder den Bus und gehe zu Fuß. Manchmal staune ich darüber, was auch das schon ausmacht. Wenn ich mich langsamer fortbewege, bewusster die Sterne in den Fenstern sehe, die Lichterketten oder die Weihnachtsbäume auf den Plätzen – dann stellt sich schon dadurch manchmal ganz unverhofft Besinnung ein.

Und weil ich den ein oder anderen Termin ausfallen lasse, gibt es sie dann eben auch: Die Minuten zuhause, in denen ich den Advent wirklich genieße, mir einen Tee koche, die Lichter am Adventskranz anzünde und Musik von Bach auflege. Oder die Minuten in einer Kirche, in denen ich mitten am Tag die Ruhe genieße und ein Adventslied aus dem Gesangbuch vor mich hin summe. Oder auch die Minuten zum Feierabend auf dem Weihnachtsmarkt, mit guten Freundinnen und Glühwein und Brezeln. All das macht für mich den besinnlichen Advent aus. Wenn ich mich bewusst dafür entscheide – dann kann ich ihn tatsächlich ab und zu genießen.


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Dieser Beitrag wurde am 12.12.2014 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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