Morgenandacht, 11.12.2014

von Beate Hirt, Frankfurt

Die Freude des heutigen Tages

Der Satz hat mich natürlich angesprochen: „Warum auf Weihnachten warten, wenn man sich schon jetzt eine Freude machen kann?“ So stand es in einer Werbung von der Bahn, die bei mir vor kurzem in den Briefkasten geflattert ist. Und die Freude wurde freundlicherweise tatsächlich gleich mitgeliefert: ein 10 Euro-Gutschein. Klar hab ich mich über den gefreut, und ich werd ihn sicher bald einlösen. Ich finde auch: Der Satz trifft was Wahres: „Warum auf Weihnachten warten, wenn man sich schon jetzt eine Freude machen kann?“. Es muss, find ich, nicht alles auf Weihnachten konzentriert werden – eigentlich ist der Advent eine gute Möglichkeit, Weihnachten etwas zu entzerren und sich kleine Freuden auch schon vorher zu gönnen. So wie eben beim Adventskalender: Der sagt ja auch nicht einfach nur: Du musst warten, in dreizehn Tagen ist Weihnachten, dann erst gibt’s die große Freude. Sondern: Er schenkt eine Freude schon hier und jetzt.

Ich habe mir dieses Jahr gleich zwei Adventskalender gegönnt und genieße sie jeden Morgen. Ich mache ein Türchen auf und finde Schokolade dahinter – und ich blättere ein Blatt um und freue mich über ein wunderbares Bild oder einen inspirierenden Text. Diese beiden Adventskalender: Ich habe sie dieses Jahr auch öfter verschenkt, an Patenkinder und gute Freunde. Ich finde die Idee einfach schön, gerade im Advent jeden Tag ein bisschen etwas zum Genießen und Freuen zu haben. Der Advent ist für viele ja oft erst recht stressig. Da tut es gut, nicht alles von Weihnachten zu erwarten – sondern schon in den Wochen vorher etwas geschenkt zu bekommen. 

Natürlich – auch warten können ist eine Kunst und ein Ideal. Und auch dafür steht ja der Adventskalender: Ich soll auch Geduld haben, nicht alles jetzt und sofort haben wollen. Wartenkönnen ist in unserer Gesellschaft ja etwas, was vielen schwer fällt. Wir wollen die Dinge am liebsten sofort, ohne Warten, auf der Stelle. In gewisser Weise sogar das Weihnachtsfest selbst: Auf den Plätzen und in manchen Wohnzimmern stehen schon seit Wochen die Weihnachtsbäume und Krippen. Das find ich wiederum schade: Es hat auch etwas, sich auf etwas zu freuen und etwas gespannt zu erwarten. Große Geschenke und große Freuden: Die sind für mich wirklich erst am 24. dran. Und trotzdem: Die kleinen Freuden dürfen auch schon vorher sein.

Ich will nicht alle Freude und alles Glück auf später verschieben, auf das große Fest oder den Tag X. Auch sonst im Leben ist das ja eine gute Idee. Ich soll nicht alles Glück und alle Erholung auf später verschieben. Auf den Feierabend, die Ferien oder gar: die Rente. Ich kann ja nicht einmal wissen, ob ich das alles überhaupt noch erleben kann. Ich soll und darf deshalb heute mein Glück leben und genießen. Jeder Tag hat nicht nur seine eigene Sorge – ich finde: er hat auch sein eigenes Glück, seine eigene kleine Freude. Die muss ich natürlich auch sehen und genießen.

Es gibt in der Bibel ein schönes Zitat dazu. Ich habe es dieses Jahr entdeckt im Schreiben von Papst Franziskus über die „Freude des Evangeliums“ – darin geht es übrigens auch um die großen und kleinen Freuden des Lebens. Papst Franziskus zitiert da aus dem Buch Jesus Sirach im Alten Testament den Satz: „Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages!“ (Sir 14,14 / EG Nr. 4) Das ist eine wunderbare Aufforderung, finde ich. Das Glück des heutigen Tages – es gibt also jeden Tag ein Glück. Und: Ich soll es mir nicht versagen. Ich soll es nicht übersehen oder mir gar verbieten. Sondern: Ich darf heute glücklich sein. Einfach so und nicht zuletzt: Weil auch Gott möchte, dass ich glücklich bin. Selbst, wenn ich Sorgen habe oder auf ein größeres Glück noch warte – es gibt auch heute etwas, was mir heute Freude bereiten will. Vielleicht ist es jetzt am Morgen auch erst mal einfach nur: der Adventskalender mit dem nächsten Bild oder dem Stück Schokolade.


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Dieser Beitrag wurde am 11.12.2014 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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