Feiertag, 08.04.2018

von Stephan Wahl aus Trier

„Das Schweigen Gottes"

Autor
"Du hast mich aus dem Frieden herausgestoßen. Ich habe vergessen, was Glück ist..." So klagt der Beter im biblischen Buch der Klagelieder. Seine Klage richtet sich an Gott, den er nicht versteht, der das Unglück, das ihm zugestoßen ist, zugelassen hat. Wir wissen nicht, was damals genau passiert ist, aber die Frage nach dem Warum ist in allen Jahrhunderten nicht verstummt. Bis heute, bis in diese Stunden. Immer wieder diese Frage, die ohne Antwort bleibt: "Warum? Warum kannst Du Leid zulassen, Gott sag warum? Hast Du nicht die Welt – Deine Welt – in der Hand? Alles Leben? Oder ist Dir alles aus der Hand geglitten? Spielt der Tod auch mit Dir sein grausames Spiel? Dir gegenüber? Das kann doch nicht sein...Du überforderst mich, lässt mich nicht in Deine Karten schauen, lässt mich gegen die Wand rennen, an Dir verzweifeln, trocknest nicht meine Tränen. Ich hoffe, Du spürst, wenigstens, mein Wut, die so große..."

Solche oder ähnliche Klagen werden immer wieder in den Himmel geschleudert, es hört nicht auf. "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege", spricht der Herr. So steht es beim Propheten Jesaja (Jes 55,8-9). Und das soll jetzt trösten? Das hilft wenn's konkret wird nicht weiter. Aber es stimmt. Leider. „Wenn du ihn verstehst, dann ist er nicht Gott“, schreibt Kirchenvater Augustinus und er hat Recht. Wie sollte ich Gott je verstehen? Warum erträgt er es, wenn Menschen Kriege führen, Bomben legen, andere entführen und umbringen? Warum räumt er den ganzen „Saustall Welt“ nicht auf? Er könnte es doch ... Warum bändigt er nicht seine Schöpfung wenn sie wieder mal außer Kontrolle gerät und unermessliches Leid verursacht? Das ewige Warum schreit durch die Geschichte. Hört Gott es überhaupt noch? „Wenn Du ihn verstehst, dann ist er nicht Gott.“ Soll mich das trösten? Ich füge mich eher. Gott bleibt undurchschaubar, sprengt alle unsere Muster, Attribute und Bilder. Auch die Namen, die wir ihm verpasst haben, können ihn nicht erklären. Gott ist der Barmherzige, ja, aber auch der Allmächtige. Er ist der Ewig-Treue, ja, aber auch der Geheimnisvolle. Er hat sich für uns in der Krippe erniedrigt und kleingemacht, ist Mensch geworden mit allem Drum und Dran und doch ist er es der Berge versetzen und Felsen erschüttern kann. Gott ist groß. Unfassbar, größer als alle unsere Vorstellungen. In seinem Roman Josef und seine Brüder schreibt Thomas Mann: „Gott ist nicht das Gute. Er ist das Ganze. Und er ist heilig.“ Das Wort hilft mir. Nicht immer. Aber manchmal schon. „Gott ist nicht das Gute. Er ist das Ganze. Und er ist heilig.“ Davon sprechen auch die Psalmen. In ihnen kommt die Spannung zwischen Gott und Mensch, zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit zum Ausdruck. Zum Beispiel im Psalm 139. Der Dichter Arnold Stadler hat ihn auf seine Weise und in seiner Sprache übertragen.

Sprecher
Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen!
Warum bist du fern
meinem Schreien und Klagen, meinem Aufschreien,
meiner Sprachlosigkeit!
Mein Gott!
Ich schreie! wenn es hell ist, und du hörst mich nicht,
wenn es dunkel ist, und du antwortest mir nicht.

Und doch bist du der Heilige, der Lebendige,
der über den Liedern Israels wohnt.
Auf dich setzten unsere Väter ihre Hoffnung.
Sie hofften auf dich und kamen davon.
Zu dir hin schrien sie und wurden befreit.
Dir trauten sie und wurden nicht beschämt...
Ach,
du bist es doch, der mich
aus dem Bauch meiner Mutter gezogen hat! der mich
daheimsein ließ an der Brust der Mutter.
Vom Licht der Welt an bin ich auf deinem Boden
Vom Bauch der Mutter an
bist du mein Gott.

Sei nicht so fern!
Ich liege im Dreck.
Keiner hilft mir...

Und du, Herr!
Hilf doch!
Schreite ein!
Du,
meine Stärke,
komm jetzt!

(aus Arnold Stadler, „Die Menschen lügen. Alle.“ und andere Psalmen, Insel Verlag 2002, S.22ff)

Autor
"Warum bist du fern, Gott..." Mein Rucksack ist gefüllt mit Fragen, die ich Gott gern stellen würde, später in dem Zustand den wir mit schwachen Worten "Himmel" nennen. Wird Gott dann die Rätsel der Welt und unsere eigenen endgültig enthüllen? Wie so oft ist es wieder ein Dichter, der in seiner Sprache eine Antwort versucht. Besser: seine eigene Hoffnung in Worte bringt. Antoine de Saint-Exupéry wendet sich direkt an die richtige Adresse:

Sprecherin
"O Gott, wenn du unsere Schöpfung heimbringst, dann öffne das große Tor für die geschwätzige Rasse der Menschen. Dann wird die Zeit vollendet sein, und unsere Fragen werden ihren Sinn verlieren, wir werden von ihnen geheilt sein wie von einer Krankheit...Ich habe die Weisen dieser Erde befragt. Sie haben auf die Fragen des vergangenen Jahres keine Antwort gefunden. Die aber zu dir heimkehrten, lächeln heute über sich selbst, denn als sie die Wahrheit erkannten, waren alle ihre Fragen wie ausgelöscht. 

Wenn Gott dich aufnimmt, Mensch, so heilt er dich. Er nimmt deine Fragen mit seiner Hand von dir wie ein Fieber. Gott, wenn du deine Schöpfung eines Tages heimbringst, so öffne das doppelte Tor und lass uns eintreten in dein Haus, wo wir nicht mehr nach Antworten suchen, weil wir glücklich sind. Denn die Seligkeit ist das Ende der Fragen. "

Autor
"Denn die Seligkeit ist das Ende der Fragen..." so hieß es im Wort des Dichters Antoine de Saint-Exupery. Eine erlösende Perspektive - aber soweit sind wir, die wir hier und jetzt leben, noch nicht. Es bleiben die Fragen, es bleiben die Situationen, in denen Menschen von der einen Minute auf die andere der Boden entzogen wird, sich das ganz Leben verändert, alles zusammenbricht. Dann hilft keine fromme Rede, dann hilft kein Hinweis auf den Himmel so wie Exupéry sich ihn vorstellt, dann hilft nur eine Schulter an die man sich anlehnen kann, oder die den Schmerz zumindest etwas lindert. Es gibt aber auch Menschen, die das Schicksal so getroffen hat, das sie nichts mehr aufrichten kann. Ich kannte eine Mutter, die ihren einzigen 19jährigen Sohn durch den Krebs verloren hatte und deren Trauer auch nach über 20 Jahren die gleiche Wucht hatte wie am ersten Tag. Bis zu ihrem eigenen Tod. Dann gibt es Menschen, die sich trotz allem nicht aufgeben, die bis ins Mark verwundet, trotzdem nach vorne schauen. "Sei erschütterbar und widersteh", formuliert wieder ein Dichter, Peter Rühmkorff. An diesen Satz musste ich denken als ich zum ersten Mal den bewegenden Brief von Antoine Leiris gelesen habe, den er an die IS-Mörder seiner Frau richtete. Sie war eines der Opfer des furchtbaren Terroranschlags vom 13. November 2015 in Paris. Die Überschrift des offenen Briefes lautete: „Ihr bekommt meinen Hass nicht“.

Sprecher
„Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.

Ich habe sie heute morgen gesehen. Endlich, nach Nächten und Tagen des Wartens. Sie war genauso schön wie am Freitagabend, als sie ausging, genauso schön wie damals, als ich mich vor mehr als zwölf Jahren hoffnungslos in sie verliebte. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein. Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet. Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen."

(aus: Antoine Leiris, Meinen Hass bekommt ihr nicht, S.59-61)

Autor
...dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in Gottes (wörtlich: sein) Herz gerissen haben." So schreibt Antoine Leiris. Vielleicht ist es so... Nein ich glaube, hoffe, dass es so ist. Einen Gott, den das Leid seiner Geschöpfe nicht berührt kann ich mir nicht vorstellen. Trotz seines Schweigens, trotz des vergeblichen Wartens auf ein Zeichen. So sehr ich mir das wünsche - ich werde ihn hier auf Erden, in diesem Leben nicht verstehen. „Wenn Du ihn verstehst, dann ist er nicht Gott". Leider stimmt das Wort von Augustinus. Aber es befreit auch. Es befreit davon, sich mit der Suche nach Antworten zu quälen, die mir jetzt nicht gegeben werden. Die Fragen bleiben und die Hoffnung, dass sie später einmal und endgültig beantwortet werden - dann wenn Gott die Rätsel der Welt enthüllt in jener anderen Welt, von der wir so wenig wissen und so viel erhoffen. Etwas zögernd, wie auf dünnem Eis, glaube ich aber auch, besser will ich glauben, dass Gott auch jetzt und hier nicht abwesend ist. Vielleicht wirkt seine Kraft mit - in solch unglaublichen Reaktionen, wie die des jungen Franzosen. Vielleicht ist er die Kraft, die aushalten lässt, die vor dem Verzweifeln bewahrt, die den Hass als Antwort verhindert, der manchmal so verständlich wäre. Vielleicht wirkt seine Kraft in der Nähe von Menschen, die dann da sind, wenn einem der Boden unter den Füssen wegbricht. Vielleicht. Ich weiß es nicht, kann es auch nicht beweisen, aber ich will es glauben. Und kann aber auch gut verstehen, dass das nicht jedem möglich ist. Halt findet meine Glaube immer wieder in den Psalmen der Bibel, in denen verdichtete Lebenserfahrung von Menschen formuliert ist. Erfahrungen von guten Tagen wie von furchtbaren, von Gottes Nähe und Gottesferne. So wie im Psalm 22. Daraus einige Verse. Noch einmal in der Übertragung von Arnold Stadler:

Sprecher
Ja: Gott, auf dich habe ich gehofft
Lass mich nicht untergehen,
in alle Ewigkeit nicht.
Rette mich! Bist du nicht gerecht?
Hör mich! Komm doch endlich!
Sei mein Fels und mein Rettungsanker!
Die Schlingen, die sie mir heimlich gelegt haben,
wirst du wie Spinnweben zerreißen, du, meine Zuflucht.

Ich lege mich dir in die Hände
Du hast mich erlöst, treuer Gott.
Du verabscheust alle, die ihre Götzen haben.
Ich habe mich ganz dir überlassen. Ich werde jubilieren,
ein Glücksschrei deinetwegen, dass du gekommen bist zu mir
und dir mein ganzes Elend angesehen hast.

Herr, hilf noch einmal, denn es ist wieder eng geworden.
Schon sehe ich mich zerfallen - Augen, Seele und Leib.
Meine Zeit verrinnt als Klagelied....
Ich aber, Herr setze meine ganze Hoffnung auf dich.
Ich sage: mein Gott. In deiner Hand liege ich mit Haut und Haar...
Zeig dich in deiner Herrlichkeit, mir, der am Boden liegt...
Lass mich nicht untergehen.

(aus Arnold Stadler, „Die Menschen lügen. Alle.“ und andere Psalmen, Insel Verlag 2002, S.34-37)

Autor
"Zeig dich, Gott. Lass mich nicht untergehen..."
Diese Bitte des Psalms habe ich auch. Immer wieder. Und dabei die Bitte um seinen Segen:
Sei du Gott, der Boden, den ich nicht mehr spüre.
Sei du Gott, die Schulter, die ich so nötig brauche,
sei du Gott, das Licht, nach dem ich mich sehne.
Zeig dich in Menschen, die uns Mitmensch und Engel sind.
Immer wieder.
Schweigender Gott,
du bist wirklich nicht einfach das Gute.
Du bist das Ganze.
Und du bist heilig.


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Dieser Beitrag wurde am 08.04.2018 gesendet.


Über den Autor Monsignore Stephan Wahl

Monsignore Stephan Wahl ist Seelsorger in der Pfarreiengemeinschaft Waldrach in Rheinland-Pfalz.
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