Morgenandacht, 14.04.2018

von Dr. Silvia Katharina Becker aus Bonn

Das Bonbon des Drusen

Zu Hause auf meinem Schreibtisch liegt ein Bonbon. Seit Wochen schon. Ich werde es nicht essen, obwohl ich Süßigkeiten liebe. Was macht dieses Bonbon für mich so unantastbar? Es ist seine Geschichte, die sich schon andeutet durch die hebräischen und arabischen Schriftzeichen auf dem Bonbonpapier.

Im November letzten Jahres war ich zusammen mit einigen Kollegen in Israel. Unser Auto ist voll besetzt mit sechs Personen, als wir einen Ausflug auf die Golanhöhen machen. Er führt uns vorbei an einen Skiort, der mit Plastikschneemännern für Skiurlaub wirbt - nur wenige Kilometer entfernt vom Kriegsgeschehen in Syrien. Absurdistan lässt grüßen. Wir aber wollen nicht Skilaufen, sondern ein etwas weiter entferntes Drusendorf besuchen. Ein Dorf, in dessen unmittelbarer Nähe erst am Vortrag ein schrecklicher Anschlag stattgefunden hat. Entsprechend mulmig ist mir zumute. Die Drusen, so erzählt mir mein Israel erfahrener Kollege, gehören einer sehr seltenen Religion an, über die man bis heute nicht allzu viel weiß. Es gibt Ähnlichkeiten mit dem Islam, aber auch gravierende Unterschiede, wie etwa der Glaube an die Wiedergeburt. 

Mittlerweile hat sich die Landschaft verändert. Wir kommen vorbei an Feldern, wo gelbe Schilder vor Minen warnen, die noch immer im Boden lauern. Wenige Meter weiter weiden Kühe und es gibt immer wieder hübsche Obstplantagen. Eine bizarre Mischung.

Als wir schließlich das Dorf erreichen und ich – etwas zögernd - aus dem Auto steige, kommt mir ein alter Druse entgegen. Zu erkennen an der typischen Pluderhose. Er ist von der Last der Jahre tief gebeugt und mindestens einen Kopf kleiner als ich. Was er wohl von mir will, frage ich mich. Da lächelt er mich mit tausend Fältchen an, hebt seinen Stock und schenkt mir ein Bonbon. Einfach so.

Später schlendere ich über den Markt. Es gibt buntes Plastikzeug für die Küche, Teppiche und jede Menge Büstenhalter in allen nur erdenklichen Farben. Ich nehme das Angebot nur halbherzig wahr, denn ich Gedanken bin ich noch bei dem alten Herrn mit dem Bonbon, das ich fest in meiner Hand halte.

Warum hat mich diese schlichte Szene so sehr berührt? Es gibt sicher mehrere Gründe. Einer davon ist das Gefälle von Armut und Wohlstand, das durch dieses winzige Geschenk quasi für ein paar Sekunden außer Kraft gesetzt worden ist. Entscheidend ist aber wohl auch der Überraschungsmoment, der mein eigenes Denken, meine eigene Erwartungshaltung komplett auf den Kopf gestellt hat. Ich habe dieses Dorf betreten mit dem mulmigen Gefühl, mich hier auf gefährlichem Terrain zu bewegen. Und genau hier kommt es zu einer Begegnung, die völlig harmlos, ja, zutiefst menschlich ist. 

Das Bonbon auf meinem Schreibtisch erinnert mich aber nicht nur an eine nette Begegnung, sondern es soll mich vor allem darauf aufmerksam machen, dass es  meine eigenen Gedanken sind, die in starkem Maße darüber entscheiden, wie ich die Welt wahrnehme. Der alte Mann hat durch seine freundliche Geste die Weltlage nicht verändert, aber er hat mir geholfen, meine besorgten Gedanken in den Hintergrund zu rücken und stattdessen andere Aspekte der Realität wahrzunehmen. Zum Beispiel, dass es in diesem Dorf zugewandte Menschen gibt, die freundlich sind, ohne etwas von einem zu wollen. 

Ein kluger Mensch hat einmal geschrieben: Es gibt keine größere Macht auf der Welt, als die der Gedanken. Oder so ähnlich. Auch wenn die Aussage vielleicht ein bisschen übertrieben ist, stimme ich ihr im Wesentlichen zu. Viel Gutes und viel Böses hat einmal als Gedanke angefangen, als kleine Schwingung im Gehirn. Es ist also keineswegs gleichgültig, was ich über Situationen, Menschen und Orte denke oder auch über den alten Drusen und mich selbst.


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Dieser Beitrag wurde am 14.04.2018 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker ist Hörfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für den Deutschlandfunk. Sie studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige. Kontakt
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