Wort zum Tage, 16.04.2018

Andreas Brauns aus Schellerten

In-mich-Gehen

Immer, wenn ich mich für ein paar Tage zurückziehe und die Stille suche, dann staune ich, welche Strecken ich bei Wanderungen zurücklege. Da ist mir kein Weg zu weit, kein Berg zu hoch. Befreit vom Ballast des Alltags geht es sich offensichtlich federleicht.

Doch in den Tagen der Stille bin ich nicht nur zu Fuß unterwegs, nein, ich versuche mich auch in mir selbst fortzubewegen. Das probiere ich dann jeden Tag, obwohl ich weiß: Die unbequemste Art der Fortbewegung ist das „In-sich-Gehen“.

Das aber liegt nicht nur am Ziel, auf das hin ich unterwegs bin: zu mir selbst. Während ich mich auf Wanderungen vorbereiten kann, indem ich mir etwas Proviant einstecke und die richtigen Schuhe trage, die Wanderkarte studiere, ist es beim Weg in mein Inneres völlig anders. Da kann ich mir eigentlich nur Zeit nehmen und gefasst sein auf Überraschungen: Positiver wie negativer Art. Ich habe keine Ahnung, wie steinig der Weg ist, wo sich ein Abgrund auftut, wo es plötzlich tief hinuntergeht. Wo Felsen steil aufragen und kein Weg in Sicht ist. Manchmal fällt jeder einzelne Schritt schwer.

Auf dem Weg zu mir selbst ist es gut, nicht allein unterwegs zu sein, sondern unterwegs zu sein mit Gott. Einem Gott, der selbst Mensch geworden ist. Der mir eine Ruhe schenkt, die ich nicht aus mir selbst kommt. Die mir manchmal sogar unheimlich ist.

Ich habe erfahren: Mit Gott an der Seite geht es sich leichter, obwohl der Weg unbequem bleibt, weil ich oft noch vor dem stehe, was ich manchmal über Monate mehr oder weniger erfolgreich verdrängt habe. Doch es entlastet, wenn ich weiß: Du bist jetzt nicht allein. Da ist jemand, der es gut mit dir meint. Der nicht sagt: „Schwamm drüber, sondern: Schau noch einmal hin! Was genau siehst du?“ Und da ist dann diese Ruhe, die fast zu einer Gelassenheit wird, die ich im Alltag überhaupt nicht kenne.

„Schau noch einmal hin“.  Ja, und beim zweiten Blick sehe ich tatsächlich mehr. Ich muss allerdings zugeben: Das tut manchmal weh.  

Und in solchen Augenblicken, die mir meist bei Pausen auf meinem Wanderweg geschenkt werden, möchte ich sofort den Rucksack aufsetzen und mich wieder auf den Weg machen, auf den ich mich konzentrieren muss.

Doch dann ich sehe vor meinem inneren Auge ein Lächeln. Und so bleibe ich sitzen, schaue genau hin. Ich kann nichts ungeschehen machen, aber ich kann Verletzungen und Enttäuschungen bei mir und anderen noch einmal anschauen - und sie meinem Begleiter hinhalten.

Wenn ich in mich gehe, dann spüre ich die große Diskrepanz zwischen der Sehnsucht nach einem gelingenden Leben und dem, was sich tatsächlich ereignet hat. Das „In-mich-Gehen“ lohnt sich.


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Dieser Beitrag wurde am 16.04.2018 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

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andreas.brauns@bistum-hildesheim.de