2. Sonntag der Osterzeit, 08.04.2018

Predigt des Gottesdienstes aus dem St.-Paulus-Dom zu Münster


Predigt von Domkapitular Dr. Klaus Winterkamp

Die Jünger sind gut dran, liebe junge und erwachsene Christen, sie haben ihren Frieden. Dass der elende Tod, das brutale Ende Jesu sie aus der Bahn geworfen hatte, können wir uns nach den gestrigen Geschehnissen hier in unmittelbarer Nähe zum Dom nur zu gut vorstellen. Mit den paar Hammerschlägen am Kreuz nämlich stirbt nicht nur auf brutalste Weise Jesus von Nazareth – mit ihm wird auch ihr eigenes Leben zerschlagen; alles, was die Jünger geplant und ersehnt, worauf sie gesetzt und gebaut hatten. Für viele Menschen gilt nach der schrecklichen Tat gestern Ähnliches. Das Leben ist mit einem Mal auf den Kopf gestellt. Vieles, das angesichts dessen absolut sinnlos, oberflächlich, banal erscheint. Das Verhalten der Jünger können wir daher gut verstehen: zurückgezogen haben sie sich und sich perspektivlos, entmutigt und verängstigt eingeschlossen.

Doch mit einem Schlag kriegen sie ihren Frieden wieder: „Der Friede sei mit euch!“ das sind nicht nur die ersten Worte, es sind – wie wir eben im Evangelium hörten – das sind auch gleich die zweiten Worte des Auferstandenen an seine Jünger. Er will ihren Frieden – unbedingt. Das ist die Gabe des Auferstandenen schlechthin. Der jüdische Friedensgruß wünscht dem Begrüßten nicht weniger als Heil und Ganzsein. Und der Auferstandene bringt, was er ansagt. Er löst das Herz der Jünger von ihrer Angst, Enttäuschung und Wut, indem er ihnen gibt, was er ihnen geben kann: seinen Frieden, seinen Geist des Friedens und der Versöhnung mit Gott und untereinander, und den Auftrag, diesen Geist weiter zu geben. Der Geist des Friedens und der Versöhnung soll in ihnen am Werk sein. Er soll neues Leben schaffen, zuerst in ihnen, dann durch sie in anderen Menschen, ja in der ganzen Welt. Davon können sie fortan leben. Versöhnt mit Jesus, mit seinem und ihrem Gott, mit sich selbst und ihrer Geschichte haben sie Frieden. Das ist und meint Ostern.

Wie gesagt, die Jünger sind gut dran. Sie haben ihren Frieden. Wir sind heute Morgen angesichts dessen, was gestern bei uns in Münster geschah, eher in der Rolle des Thomas. Wir haben ihn nicht, unseren Frieden, aufgewühlt, verstört, unruhig, zutiefst geschockt und getroffen sind wir – wie Thomas damals. Und dann kommen da diese Anderen mit ihrer haarsträubenden Geschichte, Jesus gesehen zu haben. Das sind Worte, auf die ich zumindest in einer solchen Situation gut hätte verzichten können. Die schroffe Entgegnung des Thomas, den Herrn und seine Wundmale zu sehen, bevor er auch nur irgendwas glaube, hätte auch von mir kommen können. Dahinter steckt doch auch nichts anderes als die Sehnsucht nach Frieden. Ist der Auferstandene wirklich der Gekreuzigte? Nur so nämlich bekommt nicht nur Jesu Leiden und Sterben einen Sinn, sondern auch sein eigenes Leben und Leiden. Wie hätte es sonst heil und ganz sein können? Wie Frieden finden in solch einer Situation? Worauf sein Leben setzen? Auf die Hirngespinste und Träume seiner möglicherweise traumatisierten Kollegen? Da braucht’s Sicheres, Verlässlicheres, Fundamentaleres, um halbwegs in Frieden mit sich und anderen leben zu können.

Das war auch das Problem der Adressaten, an die der Evangelist Johannes das eben gehörte Evangelium richtete. Für sie damals, in der zweiten oder dritten christlichen Generation, denen der Auferstandene nie erschienen war, und die sich für ihren Glauben an ihn auf die Erzählungen von seinen Erscheinungen verlassen mussten, ging es um viel mehr als allein um die Frage, ob die Auferstehung tatsächlich stattgefunden hat oder nicht. Es ging damit grundsätzlich um die Frage nach Jesus selbst, ja mehr noch um die Frage nach Gott, nach seiner Stellung und Gestalt, seinem Anspruch: Ist dieser Jesus wirklich eins mit Gott, sein Sohn, der Erlöser und Messias? Ist Gott so, dass er seinen Sohn erst sterben lässt, um ihn dann von den Toten zu erwecken. Kann so Gott so sein? Fragen, die auch nach den grausamen Geschehnissen gestern ganz ähnlich auf den Lippen liegen.

Es sind über die damaligen Adressaten des Johannesevangeliums und selbst über die schrecklichen Ereignisse gestern hinaus typisch christliche Fragen. Sie gehören bleibend zum Christsein. Das haben wir mit den Adressaten des Evangelisten damals gemeinsam: Wie ihnen ist es auch uns heute Morgen leider nicht gegeben, dem Auferstandenen so wie Thomas begegnen zu können und damit alle Zweifel und Fragen hinweggefegt zu bekommen, eine unzweifelhafte Antwort auf die Frage nach Gott zu finden, nach Gestalt und Stellung des Auferstandenen, ja mehr noch: Frieden. Was wir finden – auch und gerade in unserem Versuch, zu glauben – ist nie die letzte Antwort, die alle Fragen verstummen lässt und uns jenen Frieden schenkt, den wir uns wünschen. Wir finden immer „nur“ neue Wege, neue Perspektiven, wie unsere Suche weitergehen kann. Unter dem Leitwort „Suche Frieden“ möchte der Katholikentag, der vom 9. bis 13. Mai bei uns in Münster stattfindet, auf solche neuen Perspektiven und Wege hinweisen. Doch werden wir – solange wir leben – Antworten und Frieden suchen. Und erst dann, wenn wir – wie es in der Sprache unseres Glaubens zuweilen formuliert wird – erst wenn wir in den „ewigen Frieden“ eingehen, hat unsere Suche ein Ende, finden unsere Fragen ihre endgültige Antwort.

Bis dahin bleiben alle, die auch trotz solcher Sinnlosigkeiten wie der gestrigen zu glauben versuchen, angewiesen auf das, was er den Jüngern damals schon gegeben hat: auf sein Wort, seinen Geist der Versöhnung und des Friedens, seine Zeichen, nicht zuletzt das Zeichen des Brotbrechens. Der Evangelist Johannes terminierte die Begegnungen des Auferstandenen im Evangelium eben ja nicht umsonst immer am ersten Tag der Woche! Da sollten schon seine Adressaten an ihre sonntägliche Versammlung denken. Das ist für den Evangelisten der Ort, an dem die Gegenwart des Auferstandenen erfahren werden kann.

Demzufolge ist das selbst hier so, heute Morgen in unserer geschockten Stadt und immer, wenn wir uns zum Zeichen des Brotbrechens versammeln. Wie damals unter den Jüngern im Saal von Jerusalem tritt der Auferstandene in unsere Mitte. Er richtet sein Wort an uns und will uns – wie ihnen damals – nichts Geringeres als seinen Frieden schenken. Mag uns diese Erfahrung heute auch irreal oder surreal vorkommen, mag sie uns nicht genauso möglich sein wie ihnen oder Thomas, bleibt es dennoch richtig: Wem Jesus als der Auferstandene begegnet, dem werden die Augen aufgehen; der wird die Versöhnung, den großen Frieden erfahren, den er durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen für die Welt erwirkt hat und der wird begreifen, dass es darauf ankommt, diesen Frieden gerade in Zeiten und Momenten wie den jetzigen als die neue Lebenschance für jeden Menschen und alle Welt anzubieten. Genau dazu werden auch wir am Ende dieser Messfeier wieder hinausgesandt: „Gehet hin Frieden“. Das heißt: Macht den Frieden, den Euch der Auferstandene hier schenken wollte, als die neue große österliche – will sagen: als Leben verheißende Wirklichkeit erfahrbar. Amen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 08.04.2018 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Dr. Klaus Winterkamp

Domkapitular Dr. Klaus Winterkamp, geboren 1966, studierte Theologie in Münster und Wien. Nach seiner Priesterweihe 1992 folgten Stationen als Kaplan in Ahlen und Recklinghausen. Danach war Winterkamp Pfarrer und Dechant in Bocholt. Seit 2011 ist er in Münster tätig. Zunächst als Domvikar und seit 2013 als Domkapitular am St.-Paulus-Dom. Zudem ist Winterkamp Diözesenbeauftragter für den Deutschen Katholikentag 2018 in Münster.