Spurensuche, 07.04.2018

von Dr. Christine Hober aus Bonn

„Dein Wille geschehe“

„Herr, Dein Wille geschehe“ – wie lässt sich dieser Vers aus dem Vaterunser in einer von Individualismus und Selbstbestimmungsdenken geprägten Zeit verstehen? fragt sich Dr. Christine Hober von der katholischen Kirche.

Alljährlich kommt meine Familie zum Jahrgedächtnis meines Vaters zusammen. Erst steht der Besuch am Grab auf dem Programm, danach gehen wir gemeinsam in den Gottesdienst und treffen uns anschließend zum Abendessen im Haus meiner Mutter. An diesem Tag – vor allem während der heiligen Messe – kreisen meine Gedanken besonders um die letzten, von schwerer Krankheit geprägten Monate meines Vaters. Viele der schmerzhaften Erinnerungen sind nach mittlerweile zehn Jahren verblasst, andere sind umso lebendiger.

„Ich kann nicht mehr beten ,Herr, Dein Wille geschehe‘. Ich kann nicht begreifen, dass der Weg, den ich jetzt gehen muss, der Wille Gottes sein soll“, diese Worte meines Vaters in einem der wenigen Gespräche, die wir zuletzt führten, klingen immer dann in meinen Ohren, wenn das „Vaterunser“ an der Reihe ist. Seit dieser Zeit bleibe ich jedes Mal, wenn ich das Vaterunser spreche, an dieser Zeile hängen…

Die ganze Tragweite des Verses

Wie oft bete ich das Vaterunser und wie oft „Herr, Dein Wille geschehe“ ... Flüchtig bleiben meine Gedanken an diesen Worten hängen – ein kurzes Innehalten, vielleicht. Aber manchmal auch nur eine Sekunde lang versuche ich mir die Bedeutung des „Herr, Dein Wille geschehe ...“ in seiner ganzen Tragweite vor Augen zu führen. Doch so schnell kommt man dem Willen Gottes nicht auf die Spur. Das „Vaterunser“ zu beten, auch mal gedankenlos – so meine ich – wird schon in Ordnung sein. Zu schnell folgt Vers auf Vers, Zeile auf Zeile – und dann ist es auch schon zu Ende und ich bin froh, an etwas anderes denken zu können.

In jedem Gottesdienst, beim Rosenkranz, bei Tauf- und  Hochzeitsfeiern bete ich: „Herr, Dein Wille geschehe“ –  und natürlich bei Beerdigungen. Wie schwer fällt es uns, „Dein Wille geschehe“ zu beten, wenn wir Sterben und Tod nahestehender oder gar geliebter Menschen erfahren mussten. Resigniert, traurig, hilflos, oft hoffnungslos stehen wir dem Erlebten gegenüber. Ist das nun der „Wille Gottes“ oder ist es einfacher, das Unbegreifliche Vorsehung zu nennen? Heißt „Herr, Dein Wille geschehe“ sich machtlos der Unverfügbarkeit des Schicksals zu beugen? Ist alles, was uns Menschen geschieht, auf den Willen Gottes zurückzuführen? Oder bedeutet „Herr, Dein Wille geschehe“ nicht eigentlich etwas ganz anderes?

Nach dem Gottesdienst sitzen wir bei meiner Mutter zusammen und reden über alles Mögliche, natürlich auch über meinen Vater. Nach zehn Jahren möchte ich endlich mein „Vaterunser-Problem“ loswerden und frage alle Familienmitglieder, was für sie „Dein Wille geschehe“ bedeutet. „Ich bestimme selber darüber wie ich leben möchte, da ist für den Willen Gottes kein Platz“, meint mein Neffe. Die anderen haben anscheinend keine Meinung oder keine Lust, darüber zu reden… Die Worte meines Neffen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Natürlich – manchmal möchte auch ich einfach mal nur das machen, was ich will, ohne Rücksicht auf andere, meinen Mann, meine Kinder. Und wenn ich dann wirklich einmal nur nach meinem Willen handele, fühle ich mich nicht unbedingt gut dabei. 

Für den Willen Gottes kein Platz?

Wenn ich meinen von eigenen Interessen und Bedürfnissen gesteuerten Willen gegen den Willen Gottes setze, dann kann ich nicht mehr beten „Herr, Dein Wille geschehe“. Dann ist meine Verbindung zu Gott unterbrochen, weil ich selber zum Maßstab meines Wollens und Handelns werde.

„Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm 12,2), so schreibt der Apostel Paulus an die römische Gemeinde. Das aber scheint  genau das Gegenteil von dem, was mein Neffe gesagt hat. „Wandelt euch und erneuert euer Denken“ erinnert mich an den Beginn der Verkündigung Jesu mit den Worten „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Umkehr und der Glaube an Jesus Christus sind der Schlüssel zum Verständnis des Willens Gottes. Gottes Wille wird nirgends sichtbarer als in Leben und Verkündigung Jesu. Wenn wir Jesus und seine Botschaft im Blick haben, kann es gelingen, dem Willen Gottes im persönlichen Leben auf der Spur zu bleiben. 


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Dieser Beitrag wurde am 07.04.2018 gesendet.


Über die Autorin Christine Hober

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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