Morgenandacht, 13.02.2018

von Pastoralreferent altfried g. rempe aus Trier

Zehn Minuten Gesellschaft

Vielleicht ist es nur ein neues Geschäftsmodell für die Post. Aber egal – es trifft offenbar auf einen gesellschaftlichen Bedarf. Jedenfalls bietet La Poste in Frankreich es schon an: Veiller sur mes parents – Auf meine Eltern achten heißt es – und kostet ab knapp 20 Euro die Woche. Bestellen sollen das vor allem Töchter und Söhne, die zu weit weg leben, um die Alten regelmäßig zu besuchen.

Für die 20 Euro klingelt einmal pro Woche der Briefträger oder die Zustellerin beim alten Vater oder bei der alten Mutter oder Tante, auch wenn es keinen Brief auszuliefern gibt. Für gut zehn Minuten sprechen sie mit dem alten Menschen, erzählen kleine Geschichten, helfen, amtliche Post zu verstehen und zu beantworten – oder schreiben einfach den Einkaufszettel. Das Wichtigste aber: zehn Minuten Gesellschaft für jemand, die oder der ansonsten sieben Tage die Woche einsam ist. Den Service gibt‘s auch zwei- oder dreimal die Woche oder sogar jeden Tag – dann kostet’s ein bisschen mehr. Und da kommen wohl nur Postleute zum Einsatz, die wenigstens eine bescheidene Einführung bekommen haben; die also wissen, worauf sie achten und was sie tun und lassen sollten. Und schließlich: Nach jedem Zehn-Minuten-Besuch bekommen die Angehörigen einen kurzen Bericht über eine Smartphone-App – sie bleiben also im Bilde. Und werden ja hoffentlich außerdem auch weiterhin telefonieren und zu Besuch kommen…

Geht’s noch, habe ich mich gefragt – auf den ersten Blick ist es doch wohl absurd. Andererseits: Dass immer mehr Menschen einsam sind, das ist offensichtlich ein Problem. In Großbritannien gibt es jetzt einen Minister for Lonelyness – eine Ministerin für das Thema Einsamkeit. Und auch in den Verhandlungen zur Regierungsbildung in Berlin lag das Thema auf dem Tisch. Einsamkeit, soll ein Gesundheitspolitiker gesagt haben, Einsamkeit reduziert bei Menschen über sechzig die Lebenserwartung genau so sehr wie starkes Rauchen.

Einsame alte Menschen essen und trinken zu wenig, bewegen sich kaum noch, greifen immer seltener selbst zum Telefon; und dann verstärkt sich die Einsamkeit immer mehr. Nur: Ob da wirklich die Ministerin in London was dagegen tun kann – oder irgendwelche politischen Maßnahmen der künftigen Bundesregierung?

Was jedenfalls helfen könnte, wäre so etwas wie eine neue Kultur in dieser Gesellschaft: Dass die Menschen wieder mehr darauf achten, wie es ihnen selbst und wie es den anderen geht. Dass der Briefträger einfach wieder ein bisschen mehr Zeit bekommt und bei manchen Menschen klingelt, statt nur die Post in den Briefkasten zu stecken. Dass Nachbarinnen auch mal ein bisschen mehr als nur „guten Morgen“ sagen, statt im Treppenhaus oder auf der Gasse aneinander vorbeizulaufe. Die Einsamkeit zu stoppen, geht viel einfacher, als manche fürchten.

Gut wäre es natürlich, schon früh gegen die drohende Vereinsamung anzugehen. Ich kann das ja üben: Schon heute Interesse haben an anderen Menschen – und zulassen, dass sie sich für mich interessieren. In der Nachbarschaft, auf der Arbeit, beim Einkaufen zum Beispiel. Ich finde es schön, dass die eine Verkäuferin an der Theke schon ungefähr meinen Geschmack einschätzen kann und mir diesen neuen Käse hier mal zu probieren vorschlägt.

Schade, dass manche Menschen jetzt schon für ihren ganz kleinen Einkauf Hilfe brauchen. Aber das kleine Gespräch über’s Wetter oder über die kranke Katze: das kriegen sie doch vielleicht auch, wenn der Lieferservice beim Liefern gerade eben noch hilft, die Einkäufe in den Kühlschrank zu sortieren oder so.

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt – sagt Gott in der Bibel ganz am Anfang. Wer Gott ähnlich sein soll, braucht ein Gegenüber. So gibt Gott ihm die Tiere; aber der Mensch braucht Partnerschaft auf Augenhöhe. Einen anderen Menschen – ein anderes Wesen, mit dem er Kontakt aufnehmen kann, das mit ihr spricht und ein Stück des Lebens teilt.

Es muss ein anderer Mensch sein. Richtig erkannt – schon in der Bibel. Und wenn heute kein Gott im Spiel ist, der Eva dem Adam zuführt oder den Enkel der Oma, müssen die Menschen wohl selbst aktiv sein. In den ganz alltäglichen und normalen Beziehungen; in Familie und Nachbarschaft, im Bus oder im Stadion müsste eine neue Art von Interesse füreinander entstehen. Und wo immer noch Einsamkeit droht, müssen eben die Profis ran – im Zweifel auch die von der Post.


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Dieser Beitrag wurde am 13.02.2018 gesendet.


Über den Autor altfried g. rempe

altfried g. rempe wurde 1953 in Essen geboren wurde. Er ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Mehrere Jahre hat er mit Studentinnen und Studenten in der Trierer Hochschulgemeinde Leben und Glauben immer wieder neu und aus neuen Perspektiven entdeckt. Eine journalistische Ausbildung hat er beim SR in Saarbrücken und im „Theologenkurs“ (1995) beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München absolviert. Seit 1999 ist er Redakteur von www.bistum-trier.de. Außerdem macht er Verkündigungssendungen beim SWR und SR.

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