Wort zum Tage, 10.02.2018

Pastoralreferentin Maria-Anna Immerz aus Augsburg

Sinn für Humor

„Guter Gott, gib uns Kraft in dieser schweren Entscheidung“. So lese ich im Anliegenbuch einer Kirche. Menschen notieren hier, was sie dem Himmel und dem Gebet anderer Leute anvertrauen wollen. „Ich bitte um Genesung für meinen Mann“ steht da. Und jemand fleht, dass der Streit in der Familie ende. Ein nächstes Gebet im Anliegenbuch fällt aus der Reihe. Da hat jemand in feiner Handschrift geschrieben: „Herr, schenke mir Sinn für Humor!“ Die Bitte tut gut zwischen all dem Belastenden, das aus vielen Einträgen spricht. Und zugleich verbietet sich der Gedanke: „Hat der Mensch sonst keine Sorgen?“  

„Herr, schenke mir Sinn für Humor.“ Wer schreibt so ein Anliegen in ein öffentliches Buch? Wohl eine Person, die auch erfahren hat, wie viel im Leben bedrücken, nach unten ziehen und sich schwer aufs Gemüt legen kann; und nur jemand, der eine Ahnung davon hat, dass die entscheidende, ja oft die einzige Stellschraube, damit  klar zu kommen, in einem selber liegt. Nicht jedem ist in die Wiege gelegt, das Leben mit all seinen Facetten stets von der leichten Seite zu nehmen und humorvoll sogar noch das  Tragische zu drehen. Aber ein Gespür in diese Richtung zu entwickeln und seine Sinne für diese Möglichkeit zu schärfen, das kann man. Nicht um Humor, sondern um den Sinn für Humor bittet der Schreiber im Anliegenbuch schließlich.  

Das kann damit beginnen, dem Wortsinn von „Humor“ nachzugehen. Beim ersten Hören mag man an „Humus“ denken, den guten Erdboden. Wer sich Sinn für Humor wünscht, will nichts „Abgehobenes“ – der will auf dem Boden der Tatsachen bleiben und dem Ernst des Lebens nicht mit seichtem Schabernack entfliehen. Sinn für Humor ist  aber die Brille, die in allen Widerfahrnissen die Chance sehen hilft, dass daraus etwas wachsen könnte. Und Sinn für Humor ist der Sensus für das Humide, das den Boden durchfeuchtet wie Regen und Tau. Den kann man nicht ordern, sondern den lässt man sich zufließen. Sinn für Humor hat darum, wer die Welt nach oben offen sieht und vertrauen kann, dass von dort Wendungen möglich sind, die alles nochmals in neues Licht stellen. In einem Gebetbuch ist die Bitte um Humor also bestens aufgehoben.

Sie steht übrigens auch im Gebet des jungen Soldaten Thomas Webb aus dem Jahr 1917. Der sagt es so: „Herr, lass nicht zu, dass ich mir allzuviel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich ‚Ich‘ nennt... Schenke mir Sinn für Humor, gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.“[1]     


[1] Zit nach: Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch, Katholische Bibelanstalt Stuttgart, 1975, S. 35


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 10.02.2018 gesendet.


Über die Autorin Maria-Anna Immerz

Maria-Anna Immerz, geboren 1959, studierte Philosophie und Theologie in München und in Freiburg im Breisgau. Seit 1985 ist sie Pastoralreferentin im Bistum Augsburg und somit aktiv in verschiedenen Tätigkeitsbereichen auf gemeindlicher und diözesaner Ebene. Frau Immerz ist Beauftragte für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Augsburg sowie für den Fachbereich Schwangerenberatung. Seit 2011 ist Frau Immerz Diözesanbeauftragte für den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk und seit 01.09.2013 Theologische Referentin im Generalvikariat. Frau Immerz lebt in Augsburg.

Kontakt
maria-anna.immerz@bistum-augsburg.de