Am Sonntagmorgen, 11.02.2018

von Dr. Johannes Schießl aus München

Sinn im Unsinn. Der Jesuit Albert Keller über den Humor

Autor
Eigentlich bin ich eine Fehlbesetzung für eine Sendung in der Karnevalszeit. Denn mit Karneval, oder wie man bei uns in Bayern sagt, mit dem Fasching kann ich nicht viel anfangen. Maskeraden aller Art sind mir zuwider, denn es ist doch so schon schwer genug, die eigene Identität durchzuhalten. Und verordnete Fröhlichkeit mag ich auch nicht recht. Da sperrt sich bei mir die Individualität, deren ganz unterschiedliche Schattierungen sich nur schwer in die vermeintliche Stimmung einer Gruppe einordnen wollen.

Mit Humor hingegen kann ich eine ganze Menge anfangen. Wenn eine unerwartete Bemerkung einem Gespräch eine ganz neue Wendung gibt, wenn ein kleiner Satz den verkrampften Ernst einer Situation plötzlich aufbricht, dann wirkt das für mich oft wie eine kleine Erlösung. Und es macht mir Freude, nach einem solchen Wortwitz zu suchen, der mir allerdings oft erst viel zu spät in den Sinn kommt – leider.

Vor einiger Zeit ist mir ein kleines Büchlein des verstorbenen Münchner Jesuiten Albert Keller wieder in die Hände gefallen. Es trägt den Titel „Sinn im Unsinn. Worüber Jesuiten lachen“. Pater Keller war ein kluger Mann und ein ziemlicher Individualist. Ich habe ihn während meines Studiums als Professor für Erkenntnislehre und Sprachphilosophie kennengelernt, zudem war er der wohl beliebteste Prediger in meiner Heimatstadt München. Seine Predigten in St. Michael hatten Kultstatus. Auch zum Thema Humor hat er – ohne jeden falschen Respekt – Grundlegendes beizutragen:

Sprecher
„Die klassische Wurzel des Wortes "Humor" belegt, dass Klassik recht blödsinnig sein kann, denn es stammt vom lateinischen „humores“, den „,Körpersäften“, die angeblich Temperament und Charakter prägen. Wie im meisten Blödsinn steckt auch darin ein Quäntchen Sinn, denn Hormone … tragen zu unseren bisweilen absonderlichen Launen bei, was die Medizin weiß und der Volksmund bestätigt, wenn er von einem Wütenden behauptet, dem laufe die Galle über. Humor ist aber mehr als eine Laune; der Duden erklärt jedenfalls, Humor sei die Gabe eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen“.

Autor
Humor ist also nicht eine nette Randerscheinung, die es geben kann oder auch nicht. Humor ist eher eine Grundeinstellung, eine Haltung, die einem hilft, mit der Unfertigkeit der Welt, philosophisch gesprochen: mit ihrer Kontingenz, umzugehen. Und mit den kleinen und großen Fehlern von uns Menschen zurechtzukommen – mit den eigenen
und denen anderer. Das heißt nicht, das Leben auf die leichte Schulter zu nehmen, sehr wohl aber, nicht unnötig schwer an ihm zu tragen.

Ehe man sich‘s versieht, ist der Humor so zu einer existenziellen Frage geworden. Von Otto Julius Bierbaum stammt der berühmt gewordene Satz: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ An diesem eigentlich paradoxen Satz stimmt einiges, vor allem die Einstellung. Und doch hat Albert Keller auch da noch ein paar weitergehende Anfragen:

Sprecher
„Leider ist da nicht angegeben, trotz wem oder wessen wir lachen sollten. Muss die Lage ernst sein und die Umstände traurig, damit wir trotz ihrer lachen können, oder lachen wir, obwohl die Situation lächerlich ist? Man muss wohl unterscheiden zwischen einem Lachen, das in eine allgemeine Ausgelassenheit einstimmt – oft ohne den Grund zu kennen – und aus einer unklaren, angeheiterten … Vergnügtheit ausbricht, und einem, das aus dem Humor stammt, der die Nase noch hebt, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, um den Mund frei zu haben zum Lachen.“

Autor
Also, es kommt darauf an, den Kopf über dem Wasser zu halten, wie ich gerne sage. Bevor wir uns nun aber der Frage zuwenden, was Humor mit der Religion, dem Glauben, in unserem Fall mit dem Christentum zu tun haben könnte, müssen wir noch einen Blick darauf werfen, was guten Humor überhaupt ausmacht. Nicht, dass wir uns da falsch verstehen: Es geht in unserem Zusammenhang nicht um das Erzählen von Witzen,
was oft genug nicht sonderlich lustig ist und ziemlich anöden kann, zumal wenn es zu einem Monolog ausartet. Vielmehr geht es darum, was einen guten Witz ausmacht. Albert Keller meint dazu:

Sprecher
„Das Unvermutete gehört nämlich zum Witz; seine Pointe muss unerwartet kommen. Deshalb verlieren auch beste Witze an Qualität, wenn sie wiederholt werden … Witze bleiben überhaupt nur witzig, wenn sie unpassend sind, also der Schlusseffekt wenig zu dem stimmt, was das zuvor Erzählte oder die Gesamtsituation erwarten ließen. Aber diese unpassende Spitze muss dann doch einen ungeahnten Sinn ergeben, darin liegt der Witz der Sache. Der unvermutete Sinn im Unsinn des Witzes ist wie neuer Wein, der die alten Schläuche platzen lässt.“

Autor
Da ist er also, der Sinn im Unsinn: das Unerwartete, das einen neuen Zusammenhang aufreißt und so doch wieder Sinn herstellt. Und da ist auch die Religion nicht weit. Dass Fröhlichkeit und Lachen uns Christen gut anstehen oder besser vielleicht: anstünden, dafür bürgt schon der Psalm 126, in dem es heißt:

„Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte
man unter den Völkern: Der Herr hat an ihnen Großes getan. Ja, Großes hat der Herr
an uns getan. Da waren wir fröhlich.“

Das Volk Israel schreibt seine Befreiung aus der Ausweglosigkeit der babylonischen Gefangenschaft seinem Gott zu. Und dieser Gott bringt die Menschen so zum Jubeln, ja und auch zum Lachen. Für Albert Keller kommt hier die christliche Seite von Humor ins Spiel…

Sprecher
„… eines Humors, der wirklich „trotzdem“ lachen kann. Nicht weil er Trübes, Bedauerliches und Trauriges nicht wahrhaben will, sondern weil er glaubt, dass nichts davon die Oberhand behält, dass im Gegenteil aus all dem … neuer Sinn erwachsen wird. Gerade auch wenn wir jetzt trauern: Wir werden lachen. Das Lachen übersteht alles Weinen, und Trauriges ist nichts Endgültiges.“

Autor
Wahrscheinlich fragen Sie sich schon länger, ob wir uns da nicht auf einem Holzweg befinden. Religion ist schließlich eine ernste Sache, da geht es um die letzten Dinge, mit denen nicht zu spaßen ist. Damit wir uns recht verstehen: Natürlich stellen Leben und Glauben ernste Anforderungen an uns Menschen. Die Frage ist nur, wie man diesen  Anforderungen begegnet, wie man sich diesen Herausforderungen stellt. Und noch eine Frage soll hier aufgegriffen werden: Soll man Witze über den Glauben machen? Darf man das überhaupt? An dieser Stelle wird der Rationalist Keller geradezu poetisch:

Sprecher
„Alles in der Welt kann Gegenstand des Lachens sein, und der Himmel lacht über alles; nur ist sein Lachen so laut, dass es unsere Hörfähigkeit übersteigt und wir es nur hundertmal gebrochen im Funkeln kleiner Witze auffangen können, so wie wir das Sonnenlicht am angenehmsten im Blitzen von Tautropfen sehen, während unsere Augen den Blick direkt in die Sonne nicht verkraften.“

Autor
In guten Witzen kann also sogar Göttliches aufscheinen, meint Pater Keller. Doch Gottes Bodenpersonal scheint sich schwer damit zu tun. Allzu oft trifft man bei Christen auf bitter ernste Mienen. Dabei passen die so gar nicht zum Evangelium.

Albert Keller hat schon recht, wenn er fragt, ob „die Freude der ,Frohen Botschaft‘ so unter Verschluss gehalten werden muss, dass sich ja kein Lächeln aufs Gesicht dessen stiehlt, der sie vernimmt?“ – Oder auch dessen, der sie verkündet, ist man versucht hinzuzufügen. Pater Keller geht im Blick auf die zweite Gruppe noch einen Schritt weiter. Und wer ihn kannte, der weiß, dass er dabei durchaus auch an allzu strenge Mitbrüder dachte:

Sprecher
„Allerdings gibt es ein Merkmal, das es erlaubt, finstere Verschwörer und religiöse Fanatiker auszusondern, nämlich den Humor. Denn der gedeiht kaum bei fanatischen Eiferern. Die fürchten auch kaum etwas so sehr wie Lächerlichkeit, da diese tödlich ist
für alle Haltungen, die ihr nicht selbst mit Humor zu begegnen vermögen.“

Autor
Aufs Heute hin gelesen, kommen einem da gleich islamistische Extremisten in den Sinn, die – im doppelten Sinn – keinen Spaß verstehen. Aber man muss gar nicht so weit ausholen: Auch christliche Fanatiker, ja, Fanatiker jeglicher Religion, können sich da einreihen. Humor kann also auch ein Kriterium der Unterscheidung sein. Wer hätte das gedacht? Der Jesuit Albert Keller wird dabei nicht müde, gerade auch die eigene Zunft, die christliche Theologie, in den Blick zu nehmen. Gerade sie werde oft genug von einem falschen Ernst heimgesucht:

Sprecher
„Vielleicht ist deshalb in der Theologie etliches kaum zu verstehen, weil es ihr an Humor fehlt. Sie stapft seriös und schwerfällig einher, wo eine leichtere und heiterere Gangart angebracht wäre. Man frage sich einmal, warum Jesus kein Dogmatik-Lehrbuch geschrieben hat …, sondern Geschichten aus dem Leben erzählte, von Blumen und Vögeln, vom verlorenen Goldstück oder vom verirrten Schaf, von den Öllampen, dem Sauerteig und dem Turmbau.“

Autor
Theoretische Lehrgebäude versuchen, die Welt in ein System zu bringen. Das ist durchaus ehrenwert und sogar notwendig angesichts der Unübersichtlichkeit unserer Welt. Doch die Gelehrten müssen sich gleichzeitig dessen bewusst sein, dass sie das nicht schaffen werden. Diesen Gedanken des Scheiterns mit einzubeziehen, würde ihnen vielleicht eine Art heiterer Zuversicht verschaffen, mit der man weiterkommt als mit Bier-Ernst.

Jesus dagegen erzählt Geschichten, Gleichnisse, und er vollbringt Wunder. All das ist
– anders als Systeme das vorgaukeln – unabgeschlossen, es ermöglicht Deutung, Anwendung aufs eigene Leben. Und es verwandelt. Wunder scheinen selten geworden zu sein in unseren Tagen. Auch darüber macht sich Albert Keller in seinem Büchlein „Sinn im Unsinn“ ein paar Gedanken und zieht, wen wundert’s, eine Parallele zu einem guten Witz:

Sprecher
„Wenn es irgendwo keine Wunder mehr gibt, kann das auch daran liegen, dass man dort nicht mehr staunen kann. Wunderbar ist das, was man erstaunlich findet, und das kann je nach Lage der Dinge, je nach der herrschenden Überzeugung ganz verschieden sein. Ob wir Wunder erleben, hängt demnach nicht zuletzt von uns ab, nämlich davon, ob wir entdecken, wie wenig selbstverständlich und wie viel erstaunlich, ja wunderbar ist. In diesem Sinn ist sogar ein guter Witz – ein Wunder!“

Autor
Das Staunen und das Lachen hängen also eng zusammen. In beiden Fällen tritt etwas Unerwartetes in unser Leben, und wir reagieren darauf. Lachen könnte man als die positive Seite des Staunens bezeichnen, die negative wäre dann die Angst. Und wenn man sich zwischen beiden entscheiden kann, ist Lachen jedenfalls die bessere Alternative.

Die ganze Sendung über habe ich es mir verkniffen, Witze aus dem Buch von Albert Keller zu zitieren – und darin finden sich viele gute. Einen will ich Ihnen am heutigen Faschingssonntag jedoch nicht vorenthalten, auch weil er zeigt, dass ein guter Witz eine unerwartete Pointe haben muss und nichts und niemanden lächerlich macht, sondern vielmehr einen neuen Horizont eröffnet:

Sprecher
„Ein Pfarrer entdeckt eines Morgens, dass man ihm den Kirschbaum im Pfarrgarten erheblich geplündert hat. Er hängt ein Warnschild auf, Inschrift: “Gott sieht alles!“ Am nächsten Tag hat einer dazugeschrieben: „Aber er verpetzt niemanden!‘


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Dieser Beitrag wurde am 11.02.2018 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.