Spurensuche, 10.02.2018

von Christian Feldmann aus Regensburg

„Wo warst du, Gott?“

Warum lässt Gott das zu? Christian Feldmann von der katholischen Kirche fragt nach dem gnädigen Schöpfer, der bei unfassbarem Leid und himmelschreiender Ungerechtigkeit scheinbar schweigt.

Die Nachricht hat wohl jeden erschüttert, der sie gelesen oder im Radio gehört hat: Dichter städtischer Feierabendverkehr Anfang Dezember am Münchner Rotkreuzplatz. Ein Bus der Linie 53 muss im Stau anhalten, genau dort, wo sich die Haltestelle der Trambahnlinie 12 befindet. Ein 51-jähriger Obdachloser wartet auf die Trambahn, verwechselt offenbar den Linienbus – der hier normalerweise nicht hält – mit der Tram, will einsteigen und wird in dem Moment, als der Bus wieder anfährt, von dem Fahrzeug erfasst. Er stürzt, gerät unter die Räder, wird von dem schweren Anhänger überrollt und eingeklemmt.

Die entsetzten Augenzeugen handeln vorbildlich: Passanten setzen unverzüglich einen Notruf ab. Den zahlreichen Helfern gelingt es, mit vereinten Kräften den Anhänger so weit anzuheben, dass der Verunglückte darunter hervorgezogen werden kann. Zwei Krankenschwestern, die sich im Bus befanden, beginnen sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen, vom nahe gelegenen Rotkreuz-Klinikum läuft ein medizinisches Team zur Unfallstelle und intensiviert die Reanimation. Trotzdem stirbt der Mann noch am Unfallort.

In wieviel Not

Besonders tragisch aber ist, was die Polizei tags darauf bekannt gibt: Der Tote ist jener Obdachlose, den wenige Wochen zuvor am Münchner Hauptbahnhof zwei junge Männer beinahe angezündet hätten. Um sich einen Spaß zu machen – so ihre Aussage nach der Verhaftung –, hatten sie Selfies mit dem tief schlafenden 51-Jährigen gemacht und dann seine Habseligkeiten mit einer Zigarette in Brand gesteckt. Aufmerksame Passanten zogen die brennenden Papiertüten weg und retteten dem Mann damit vermutlich das Leben – das nur noch wenige Wochen dauern sollte.

Auch für Menschen mit einem starken Glauben sind solche Schicksale eine harte Nuss. Es gibt Lebensgeschichten, bei denen sieht Gott scheinbar hartnäckig weg. Es gibt so viel unfassbares Leid und himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass sich jede Rede von einem gütigen Schöpfer erst einmal verbietet.

„In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet?“ Wer wagt das so einem armen Menschenwesen am Grab zu singen? Auch Päpste haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder verzweifelt gefragt: „Wo warst du, Gott?“ Paul VI., als die Roten Brigaden seinen Freund, den Politiker Aldo Moro, entführten und ermordeten.

Wenn Gott allmächtig ist, warum lässt er all das Leid zu? Wenn er aus lauter Respekt vor der Freiheit seiner Geschöpfe auf das Eingreifen verzichtet, ist er dann noch ein guter Gott? Die Frage ist nicht totzukriegen. Gottes Mysterium stehen lassen, sich eingestehen, dass der Mensch nicht alle Rätsel der Welt zu lösen vermag – wer kann das schon?

Der Romancier und Talmud-Gelehrte Elie Wiesel, er war als Halbwüchsiger im KZ Auschwitz, berichtet von einem Jungen, der dort gehängt wurde, weil er Untergrundnachrichten von Baracke zu Baracke geschmuggelt hatte. Alle Blockinsassen mussten der Hinrichtung zusehen, und einer rief anklagend: „Wo ist jetzt Gott, wo ist er?“ Wiesel hörte eine Stimme in sich antworten: „Dort, dort hängt er, am Galgen.“

Die Tränen in den Augen Gottes

Hilft das wirklich weiter? Lässt sich aus solchen Geschichten Kraft beziehen, im Namen des am Kreuz Getöteten gegen die Mächte des Todes zu kämpfen? Weil das Kreuz unübersehbar zeigt, dass Gott auf der Seite der Unterdrückten und Gewaltopfer steht? Kann ein Gescheiterter, ein Hingerichteter Hoffnung geben?

1973 war das Premierenpublikum in der New Yorker Carnegie Hall Zeuge, wie die Glaubensväter der Bibel im Himmel Klage über den Holocaust führen – in Elie Wiesels bedrückender, von Darius Milhaud vertonter Kantate „Ani Maamin – Ich glaube“. Abraham, Jakob, all die Patriarchen halten Gott die verbrannten Kinder und die trauernden Mütter vor, die Chöre der Engel brechen in Tränen aus, aber Gott schweigt. Die Patriarchen kehren zur Erde zurück, um den Juden die Nachricht zu bringen, dass Gott sein Volk verlassen hat.

Keiner der Patriarchen bemerkt beim Verlassen des Himmels die Tränen in den Augen Gottes. Keiner sieht, dass Gott sie begleitet.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 10.02.2018 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasst er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.