Wort zum Tage, 12.01.2018

Martin Kalinowski aus Berlin

(K)ein Durchkommen

Kein Durchkommen. Der Stau auf den Straßen ist so lang, wie das Auge reicht. Die U-Bahnen so voll, dass es schier unmöglich scheint, zur Tür zu gelangen, um auch nur auszusteigen und etwas Platz zu machen. Platz für die, die auf dem überfüllten Bahnsteig stehen. Alltagsszenen in den Großstädten unserer Tage. Wer hat sich da nicht schon einmal gewünscht, an allen vorbei oder über alle hinweg weiterkommen zu können. Aber so einfach ist es nicht.

Schon die Bibel berichtet von einer ähnlichen Situation. Als Jesus öffentlich auftrat, kamen mit der Zeit immer mehr Menschen. Es entstand um ihn herum ein ähnliches Gedränge wie wir es aus den Großstädten kennen. Es heißt im Evangelium, dass es einige Männer gab, die in einer solchen Situation tatsächlich einen besonderen Weg einschlugen, um zu Jesus zu gelangen. Sie ließen sich durch den Stau auf dem Weg zur ersehnten Begegnung mit Jesus nicht abschrecken und stiegen auf das Dach des Hauses, in dem er war. Daraufhin deckten sie kurzerhand das Dach ab, um einen Gelähmten auf seiner Trage von dort zu Jesus abzuseilen. Erstaunlich: Sie nahmen eine große Mühe in Kauf und sie legten dabei sogar noch Hand an fremdes Eigentum. Aber das Ziel war es ihnen wert.

Mir gibt diese Erzählung einiges zu bedenken: Ich muss mich immer wieder vergewissern, was oder wer eigentlich mein Ziel ist. Dann kann ich auch wissen, was es wert ist, an mein Ziel zu gelangen. Im morgendlichen Berufsverkehr muss ich dann vielleicht nicht mehr drängeln, denn zur Arbeit komme ich schließlich noch schnell genug. Spannender wird es, wenn mein Ziel ein gelingendes Leben und geglückte Beziehungen sind. Da stellt sich stets die Frage: Was bin ich bereit zu investieren, nicht nur für mich, sondern auch für andere? Kann ich jemand anderes vielleicht sogar zum Ziel seines Daseins befördern – am Stau vorbei?

Und dann fällt mir in der biblischen Erzählung noch der Gelähmte auf: Er ist ja verständlicher Weise zunächst passiv. Aber er verlässt sich auf die, die ihn tragen, und darauf, dass sie einen Weg finden werden. Manchmal bin ich vielleicht auch in Situationen, in denen ich nichts mehr tun kann, und dann vertrauen muss auf die Hilfe anderer: Auf wen kann ich mich dann verlassen? Und: wage ich es, diesen Menschen zu vertrauen?

Am Ende der biblischen Erzählung sind alle Beteiligten beschenkt durch die Begegnung mit Jesus. Ohne ihren Einsatz und ohne ihr Vertrauen wären sie Jesus nicht nahe gekommen. So aber kann Jesus am Ende heilen. Das gibt mir die Hoffnung: Es gibt immer ein Durchkommen zu einem guten Ende.


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Dieser Beitrag wurde am 12.01.2018 gesendet.


Über den Autor Martin Kalinowski

Martin Kalinowski, geboren 1971, ist gelernter Elektroniker. Nach dem Zivildienst hat er in Erfurt, Dublin und Rom Theologie studiert und wurde im Jahr 2000 in Berlin zum Priester geweiht. Seit 2008 ist er Pfarrer und Dekan in Berlin-Neukölln.