Morgenandacht, 06.01.2018

von Monsignore Klaus Pfeffer aus Essen

Einem Stern folgen

Kennen Sie sich am Sternenhimmel aus? Ich finde es beeindruckend, wenn mir Menschen in einer sternenklaren Nacht den Himmel erklären können. Ich selbst kann ja gerade noch mit etwas Mühe den „Großen Wagen“ entdecken. Aber es soll ja Leute geben, die alle möglichen  Sternkreiszeichen ausmachen können. Und manche von ihnen können sich sogar an ihnen  orientieren. Die berühmtesten Stern-Experten feiern wir am heutigen Tag.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

die Sterndeuter aus dem Matthäusevangelium orientierten sich an einem einzigen Stern. Er führte sie über weite Wege aus dem asiatischen Raum bis nach Palästina, zum Stall von Betlehem. Ich versuche, mir das konkret vorzustellen. Es mag ja möglich sein, sich nach den Sternzeichen zu orientieren – aber einem einzigen Stern zu folgen?  

Das kann nicht so einfach funktionieren. Ein Stern ist weit weg – er mag ja eine grobe Richtung angeben, aber an  Wegkreuzungen und –gabelungen wird er mir die Entscheidung kaum abnehmen können.

So wird es den Sterndeutern des Evangeliums auch ergangen sein. Sie waren lange unterwegs. Nie waren sie sich hundertprozentig sicher. Und sie hatten überhaupt keine Ahnung, wohin der Stern sie führen würde. Vielleicht verliefen sie sich sogar manches Mal. Das Matthäusevangelium erzählt zumindest von einem Beinahe-Irrtum, als sie zu König Herodes laufen. Der sucht auch nach dem Kind, zu dem die Sterndeuter unterwegs sind – aber mit einem ganz anderen Motiv: Er will es ermorden. Und die Sterndeuter als Helfershelfer einspannen. Es braucht einen Engel im Traum, damit die Sterndeuter nicht in diese Falle laufen. 

Nein, es gibt keine Garantie, wie im Leben der richtige Weg zu finden ist. Im Gegenteil: Vorsicht ist geboten, wenn die Besserwisser daherkommen – mit ihren guten Ratschlägen und sicheren Empfehlungen. Denn niemand kann mir so genau sagen, was richtig ist, wie ich mich entscheiden soll, wohin ich gehen soll. Es gibt in den meisten Fragen des Lebens nie die klaren und sicheren Antworten.

Die Sterndeuter haben keinen Plan, in dem alles im Voraus sicher geregelt ist. Sie folgen einem Stern - und einer Stimme in ihren Träumen. Es geht also um etwas, das sich nicht so einfach in erklärende Worte kleiden lässt. Gott zeigt sich und spricht in der Sprache des Geistes, des Herzens. Und das ist nicht immer „rational“ zu verstehen. Es braucht einen inneren Spürsinn, ein Herz- und Bauchgefühl, das der inneren Stimme vertraut.

Antoine de Saint-Exupery hat das einmal so gesagt: „Einzig die Richtung hat einen Sinn. Es kommt darauf an, dass du auf etwas zugehst. Nicht, dass du ankommst.“ Ein Satz, der dazu ermutigt, im Leben loszugehen, einer Richtung zu folgen – ohne gleich schon klar vor Augen zu haben, wie das Ziel am Ende aussieht. 

Der Glaube an Gott ist für mich wie ein Stern, der mir die Richtung weist. Aber er ist kein Navigationssystem, das mir eine sichere Route vorgibt. Oft habe ich geglaubt, genau zu wissen, wie mein Leben werden soll. Aber meist verlief es dann anders: Meine Vorgesetzten hatten andere Pläne als ich. Vermeintlich „ewige“ Freundschaften zerbrachen. Immer wieder gab’s Irrungen und Wirrungen, kleine und große Erschütterungen, die mich durcheinander warfen. Aber auf meinem ganzen Weg habe ich nie den Glauben aufgegeben, dass ich geführt werde. Die Pläne, die nicht meine waren, haben sich trotzdem als gut erwiesen. Den verlorenen Freundschaften sind ganz neue gefolgt. An den kleinen und großen Erschütterungen im Leben bin ich gewachsen. Das Leben mit all seinen Verrücktheiten ist ein Weg unter einem guten Stern. Ich werde geführt.

Und wann und wo komme ich an? Das Ankommen ist immer nur von kurzer Dauer. Die Sterndeuter kamen beim Kind in Betlehem an. „Große Freude“, heißt es, erfüllte sie in diesem Moment. Aber dann zogen sie weiter, heim in ihr Land. Das Ankommen wird uns in diesem Leben immer nur für kurze Augenblicke geschenkt. Sie sind nur ein Vorgeschmack auf das, was uns in der Welt Gottes erwartet. Bis dahin bleiben wir Gehende.


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Dieser Beitrag wurde am 06.01.2018 gesendet.


Über den Autor Monsignore Klaus Pfeffer

Msgr. Klaus Pfeffer, Jahrgang 1963, ist aufgewachsen im sauerländischen Neuenrade. Nach einer Ausbildung zum Redakteur bei einer kleinen Tageszeitung im Sauerland folgte das Theologiestudium in Bochum und Innsbruck. Die Priesterweihe erhielt er 1992. Seit 1995 ist er Autor und Sprecher von Verkündigungssendungen im Hörfunk. Seit 2012 ist er Bischöflicher Generalvikar im Bistum Essen.
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Klaus.Pfeffer@bistum-essen.de