Wort zum Tage, 01.12.2017

Maria-Anna Immerz aus Augsburg

Letzte Chance

Anfang November war es. Ich schlage morgens die Zeitung auf. Im Lokalteil ist ein prominent aufgemachter Artikel. Mit riesigem Foto vom  Augsburger Rathausplatz in weihnachtlichem Glanz. Und beinahe seitenfüllend der Text. Überschrieben: „Der Christkindlesmarkt als letzte Chance“. Zuerst denke ich: Kann nicht sein, Anfang November! Hat die Redaktion versehentlich schon die Weihnachtsseite in Druck gebracht? Peinlich! Doch nach ein paar Zeilen Lektüre wird klar: Es geht um die Frage, ob an Heilig Abend, der in diesem Jahr ein Sonntag ist, die Geschäfte öffnen dürfen; aus Rücksicht auf Last-Minute-Kunden. Bei uns in Augsburg ist das inzwischen geklärt: an Heilig Abend sind die Läden zu; Bäckereien und Floristen ausgenommen. Bleibt also, was meine Tageszeitung schon Anfang November getitelt hat: „Der Christkindlesmarkt als letzte Chance“.

Jetzt eröffnen sie erst mal – die Christkindlesmärkte im Land, heute Abend der berühmte in Nürnberg. Gute drei Wochen zum Bummeln, Schauen, Kaufen. Für manche eine Zeit für gesellige Glühwein-Runden mit Kollegen oder Freunden; andere schätzen den Markt als wohltuendes Intermezzo zwischen dem Einkaufsdruck in Kaufhäusern. 

„Der Christkindlesmarkt als letzte Chance“. Dieses anachronistische Motto von Anfang November geht in diesem Jahr mit, wenn ich demnächst eine Runde auf unserem Markt drehe. Obwohl wir das Schenken im kleinen Rahmen halten und selten Panik war, werde ich wohl unweigerlich mit dem aufmerksamen Blick durch die Budenstraßen gehen, was zur Not noch passen könnte, wenn ich – last minute – auch noch für jemanden eine Weihnachtsüberraschung bräuchte. Vielleicht werde ich an Heilig Abend sogar mal noch über den Markt spazieren, um etwas von der besonderen Atmosphäre am Sonntag aufzufangen. Um 14 Uhr werden aber auch dann die Buden schließen – die Marktleute lassen eilig die Läden herab, auch sie wollen den Weihnachtsabend daheim feiern. Dann ist auch die prophezeite „letzte Chance“ vorbei. Nichts mehr zu kaufen. Alles zu!

Stimmt nicht: Eine Hütte wird noch offen haben zwischen verschlossenen Buden und Abfallbergen: Es ist die mit der großen Krippe für alle – das Christkind zwischen Maria und Josef, Ochs, Esel und einem Hirten. Gott sei Dank – Gott hält sich nicht an Marktgesetze. Da wo Chancen vertan, Fristen abgelaufen, wo Türen ins Schloss fallen: Da stößt Gott die Tür zu uns erst ganz auf – ein Kind breitet die Arme aus und lächelt. Das Christkind – echt meine letzte Chance! Gott: kalender-unabhängig.


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Dieser Beitrag wurde am 02.12.2017 gesendet.


Über die Autorin Maria-Anna Immerz

Maria-Anna Immerz, geboren 1959, studierte Philosophie und Theologie in München und in Freiburg im Breisgau. Seit 1985 ist sie Pastoralreferentin im Bistum Augsburg und somit aktiv in verschiedenen Tätigkeitsbereichen auf gemeindlicher und diözesaner Ebene. Frau Immerz ist Beauftragte für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Augsburg sowie für den Fachbereich Schwangerenberatung. Seit 2011 ist Frau Immerz Diözesanbeauftragte für den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk und seit 01.09.2013 Theologische Referentin im Generalvikariat. Frau Immerz lebt in Augsburg.

Kontakt
maria-anna.immerz@bistum-augsburg.de