Morgenandacht, 07.12.2017

von Dr. Detlef Ziegler aus Münster

Christus: der neue Orpheus

Hauptsache die Stimmung war gut! Und wehe dem, der für schlechte Stimmung sorgt. Abstoßend finde ich politische Stimmungsmacher, die mit den Gefühlen und Sorgen der Menschen spielen und Ängste schüren. Stimmungskanonen dagegen sind die beste Voraussetzung für eine gelungene Party.

Von dem Soziologen Hartmut Rosa stammt die Zeitdiagnose, dass die Moderne insgesamt „verstimmt“ ist, weil sie immer weniger für die Menschen Resonanz-erfahrungen ermöglicht. Denn offensichtlich haben wir Menschen das elementare Bedürfnis, dass unser Leben auf Resonanz stößt und nicht durch Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung grundlegend verstimmt wird.

Resonanz und Stimmung: Wenn ich Menschen frage, was sie an der Advents-und Weihnachtszeit besonders anspricht, höre ich oft: die Stimmung! Vielleicht spielt dabei auch der Wunsch eine Rolle, dass es wieder stimmt mit mir und uns, dass es wieder stimmig wird in der Welt, die so sehr verstimmt und stumm, also ohne Resonanz erscheint.

Ich suche dabei nicht unbedingt nach lauten Stimmungskanonen. Die tun manchmal gut, aber nicht auf Dauer. Faszinierend sind dagegen Menschen, die sich mit verweigerter Resonanz nicht abfinden und Stimmung für ein erfülltes Leben machen. Ein solch guter Stimmungsmacher ist für mich die mythische Gestalt des Orpheus. Er galt als begnadeter Sänger. Wenn er sang, verzauberte er nicht nur Menschen, sondern auch die Natur. Die Tiere kamen und lauschten seinen Liedern. Die Bäume neigten ihre Wipfel, um besser hören zu können. Derselbe Orpheus war unsterblich verliebt in seine Eurydike. Als diese durch einen Schlangenbiss jung verstirbt, ist Orpheus untröstlich. Nach unendlicher Klage wagt er das Unmögliche: Er steigt in die Unterwelt hinab und singt vor den Göttern des Totenreiches sein hohes Lied der Liebe. Die Götter des Todes lassen sich vom Gesang des Orpheus betören und geben Eurydike frei, unter einer Bedingung: Solange sie hintereinander auf dem Weg zur Oberwelt sind, darf Orpheus sich nicht zu seiner Frau umdrehen. Doch kurz vor dem Ausgang ins Licht dreht Orpheus, von Sehnsucht getrieben, sich um, und alles ist vergeblich. Eurydike muss zurück ins Schattenreich.

Dieser Mythus ringt mit der Frage, was letztlich stärker ist als der Tod. Gegen den Tod, der jedes Leben resonanzlos zu machen droht, wird die stärkste menschliche Kraft ins Feld geführt: die Leidenschaft der Liebe. Und doch, so das bittere Fazit, ist auch menschliche Liebe nicht stark genug, um gegen den Tod zu bestehen. Selbst Orpheus, der wie kein anderer singen und lieben konnte, unterliegt.

Das drückt auf die Stimmung, zu allen Zeiten! Und ausgerechnet an einem Ort des Todes, in den unterirdischen Katakomben Roms, entdecke ich ein stimmungsvolles Bild gegen den Gestank und die Kälte des Todes. Dort begegnet mir Christus in der Gestalt des Orpheus; wie Orpheus gekleidet, mit einem Instrument in der Hand. Umgeben von Natur und Tieren singt Christus sein Liebeslied. Das Lied einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Christus, der neue Orpheus! Was dem mythischen Orpheus misslingt, trauten die frühen Christen in ihren Bildern dem Menschensohn aus Nazareth zu: dass er uns, mit seiner Liebe und seinem Liebeslied aus dem Tod herausführen kann und dabei nicht wie Orpheus kurz vor dem Ziel scheitert.

Wenn ich Christus so im Bild des Orpheus betrachte, geht mir auf, was es bedeutet, wenn wir Weihnachten als das Fest der Liebe bezeichnen. Dabei geht es nicht nur um Kerzenschein und säuselnde Glühweinstimmung, sondern um eine grundlegende „Einstimmung“. Gott möchte uns einstimmen auf sein Kommen, seine Menschwerdung, die aus einem einzigen Grund heraus sich ereignet: Weil wir Menschen Gottes große Leidenschaft sind! Weil mit dem Gotteskind von Betlehem in dieser Welt ein neuer Ton angeschlagen wird, das Lied einer Liebe, die uns Menschen sucht und retten will. Und die nicht wie Orpheus kurz vor dem Ziel scheitert.


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Dieser Beitrag wurde am 07.12.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.