Feiertag, 26.11.2017

von Bischof Helmut Dieser aus Aachen

"Himmel muss aus Erde werden" – Auf der Suche nach neuen Zugängen zum Ablass

Der Ablass ist von der Geschichte her schwer belastet, das ist gerade im Reformations-jubiläumsjahr in unserem Land nochmal in Erinnerung gerufen worden. Und doch hält die katholische Kirche ja nachwievor daran fest - zuletzt sogar sehr prominent im vom Papst Franziskus ausgerufenen Jahr der Barmherzigkeit. Der Aachener Bischof Dieser meint: Der Ablass als geistliche Übung kann den Sinn für Barmherzigkeit stärken und Hoffnung in Umlauf bringen. Im Feiertag versucht er einen neuen Zugang zum Ablass zu legen.

Was genau ist eigentlich ein Ablass?

Jetzt im 500. Jahr der Reformation stoßen wir hier und da wieder darauf, dass ja vor allem der Ablass damals der Stein des Anstoßes war und Luther gegen diese kirchliche Praxis kämpfte. Er kämpfte vor allem gegen die Vorstellung, dass sich ein Mensch Gottes Vergebung verdienen oder gar erkaufen könnte. Aber: Kann ein Mensch wirklich seinen Kopf aus der Schlinge ziehen wollen durch irgendwelche billigen äußerlichen Ersatzleistungen? Muss nicht wirkliche Versöhnung ein viel größeres Gegengewicht entfalten im Leben eines Menschen, der schuldig wurde, wie auch im Leben derer, die er schwer belastet hat?

Ablass, das ist bis heute eine Frömmigkeitsübung, die die katholische Kirche konkret umschreibt und empfiehlt - und das zu bestimmten Anlässen im Kirchenjahr oder wie zuletzt im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Einen Ablass können die Gläubigen für sich selbst oder für einen Verstorbenen gewinnen, indem sie ein konkretes Ablasswerk vollziehen. Dazu gehören der Empfang der Sakramente der Buße und der Kommunion, bestimmte Gebete, der Besuch einer Kirche, der Besuch der Gräber der Verstorbenen oder anderes mehr.

Ganz sicher gehört nun heute der Ablass nicht zu den geistlichen Übungen, die große Konjunktur hätten. Den meisten in und außerhalb der Kirche ist er wohl eher fremd und dazu völlig unverständlich. Das hängt auch damit zusammen, dass er von der Geschichte her sehr belastet ist. Denn leider wurde die Ablassfrömmigkeit tatsächlich immer äußerlicher und beschränkte sich phasenweise sogar auf bloße Geldleistungen ohne eine innere Anteilnahme. Das große Missverständnis entstand, als ob eine eigene Leistung mich oder einen Verstorbenen erlösen könnte. Dadurch kam es in der Geschichte des Ablasses zu schwersten Ärgernissen und Verzerrungen, die bis in die Kirchenspaltung hineinführten.

Der Ablass war immer auch von Missverständnissen umgeben

Wie aber kann man den Ablass als geistliche Haltung und Übung heute begreifen? Denn abgeschafft hat ihn die katholische Kirche nie. Im Gegenteil:

In seiner Ankündigung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit schreibt Papst Franziskus:
„Den Ablass des Heiligen Jahres zu leben heißt, sich der Barmherzigkeit des Vaters anzuvertrauen in der Gewissheit, dass seine Vergebung sich auf das gesamte Le¬ben der Gläubigen auswirkt. Der Ablass bedeutet, die Heiligkeit der Kirche zu erfah¬ren, die teilhat an allen heilbringenden Früchten der Erlösung durch Christus und die diese in der Vergebung weitergibt bis in die letzte Konsequenz hinein, denn die Liebe Gottes reicht auch dorthin.“ (1)

Den Ablass leben, wie der Papst sagt, das meint viel mehr als eine bestimmte Tat oder ein Werk. Es kommt auf meine Haltung im Leben an, meine Haltung vor Gott. Ich will nun versuchen, den Ablass als eine geistliche Übung zu erklären, die das Bewusstsein in uns verstärken kann, dass alles in meinem Leben zusammenhängt mit dem Leben aller anderen, ja sogar noch mit den Verstorbenen.

Beim Menschen gibt es keine „Reset-Taste“

Wer sich mit einem Computer auskennt weiß, dass man ihn durch ein Reset in seinen Ausgangszustand zurückversetzen kann. Auf diese Weise können Fehler  bereinigt werden und wirken sich nicht mehr schädlich aus. Doch Computer sind Maschinen, sie haben keine Lebensgeschichte. Menschen hingegen schon. Sie sind, was sie sind immer auch durch alles das, was sie erlebt und getan haben, gelernt und durchkämpft, versäumt oder auch erlitten haben. Menschen lassen sich nicht zurückversetzen in frühere Lebensumstände. Das heißt: Auch wenn ich es noch so sehr wünschte, ich könnte nichts im Leben ungeschehen machen! Und deshalb kann ich auch die Zukunft nicht befreien von den Auswirkungen meiner Vergangenheit. Helles und Gutes ziehen aufbauende und beglückende Spuren im Leben, Dunkles aber und Böses breiten Gift aus und bringen weiter Böses hervor.

Dass das Leben keine Reset-Taste hat, gilt nicht nur für alles Irdische, sondern sogar noch darüber hinaus! Auch vor Gott, auch in seiner Ewigkeit, im Himmel, bin ich der Mensch, zu dem ich durch meine irdische Geschichte geworden bin.

Was wir Christen im Glauben das Ewige Leben nennen, das kann deshalb nichts völlig Anderes sein als das gelebte Leben auf Erden. Dieses Leben soll aber ganz zu Gott und zu seinem Leben gelangen und daran teilnehmen! Mein künftiger Himmel und meine jetzige Erde hängen untrennbar zusammen. Niemand trennt sie voneinander, auch Gott nicht. Denn damit würde Gott doch den Menschen zerstören: Wer mir meine Geschichte nimmt, nimmt mir alles, nimmt mir mich selbst! Gott aber nimmt uns als die, die wir auf Erden geworden sind, ganz ernst - ohne unsere Geschichte zu klittern! Denn nur so bin ich Ich und nicht beliebig. Doch wie kann aus Erde einmal Himmel werden? Erde, das ist doch viel zu oft mehr Leid als Glück, mehr Spaltung als Liebe, mehr Schuld als Guthaben! Und wie schwer wirkt das Böse und Giftige nach, das ein Mensch in Umlauf gebracht oder selber erlitten hat!

Zum christlichen Glauben gehört die Überzeugung: Gott allein kann und will erlösen. Doch das ist etwas ganz anderes als Reset. Es bedeutet: In meine Wege, helle wie dunkle, kommt sein Mitgehen hinein. Mein Weg soll zu einem gemeinsamen Weg werden mit Gott und mit der Geschichte, die er in Gang gebracht hat.

Gott will die Geschichte zum Guten führen – doch der Mensch muss mittun

Die wichtigste Botschaft der Bibel über Gott lautet: Er ist kein Zuschauer. Sondern: Er kommt und geht mit. Er wirkt hinein in die Geschichte der Menschheit. Er handelt immer uns zugut. Die Kirche nennt das Heilsgeschichte – geheimnisvoll geht Gott mit und voran in der Geschichte der Menschheit.

Die Geschichte Gottes mit den Menschen, die Heilsgeschichte, beginnt nicht erst mit Jesus von Nazareth. Sie läuft schon, seit es Menschen gibt. Die Bibel nennt dafür Namen, durch die Gott Einfluss nimmt und Geschichte in Gang setzt: Adam und Eva, Noah, Abraham und Sara, schließlich Israel, aus dem das erste Gottes-Volk entsteht. Jesus aber, der Sohn der Jungfrau Maria, ist im christlichen Empfinden der größte Spross aus dieser heiligen Wurzel Israel, und er ist der Höhepunkt der Geschichte Gottes mit uns Menschen. In Jesus Christus dehnt Gott sein Wirken  auf alle Menschen aus, die je waren und die je leben werden.

Das einmalige Leben Jesu auf Erden ist mehr als eine beliebige Biographie. Die Bibel zeigt ihn als den Auserwählten Gottes schlechthin. Das heißt alles in seinem Leben hat Bedeutung für alle anderen Menschen. Denn in Jesus wirkt Gott. Das größte Wunder seines Lebens: Jesus ist gestorben, doch gerade dadurch hat er den Tod verändert. Er ist auferstanden von den Toten und aufgefahren in den Himmel – so sagt es die Bibel. Das bedeutet, Jesus ist der erste Mensch, bei dem aus seiner gelebten Erde Himmel geworden ist. Sein gesamtes Erdenleben ist zu Gott emporgestiegen. Deshalb bleibt er aller weiterlaufenden Geschichte nahe, nicht mehr sichtbar sondern durch den Heiligen Geist. Es liegt doch ein großes Geheimnis darin, dass Jesus von Nazareth nicht in der Vergessenheit versunken ist. Im Gegenteil: immer mehr Menschen berufen sich auf ihn. Mit den Augen des Glaubens gesprochen: Es ist der Heilige Geist, der die Menschen aller Zeiten mit dem einmaligen Leben Jesu zusammenbringt, mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Was dadurch im Leben von Menschen möglich wird, ist so etwas wie ein Schatz, ein unerschöpfliches Guthaben, den der Heilige Geist in Umlauf bringt. In der traditionellen Sprache der Kirche heißt er: Kirchenschatz.

Damit ist all das Gute gemeint, das Jesus selber für die Menschen ist und in deren Leben bewirkt. Die Aufgabe der Kirche ist es, diesen Schatz „Jesus“ jedem Menschen zuzusprechen, Ihnen damit zu helfen, selber Gutes zu tun.

So zeigt sich dieser Schatz in der Liebe zu den Nächsten, im Eintreten für die Armen, wenn Menschen einander Trost und Vergebung schenken, weil sie von einer Hoffnung getragen sind, die über den Tod hinausgeht. Die Kirche glaubt, dass sie diesen Schatz am meisten austeilt in den Sakramenten.  Wer die Sakramente im Glauben empfängt, ist angeschlossen an Jesus und sein endgültig gelungenes, Himmel gewordenes Leben: ein echtes Miteinander und Ineinander. Solange dieses Leben währt, bis zum letzten Atemzug, steht darum die Einladung des Herrn an mich: Kehr um, wende dich dem zu und glaube, denn das Reich Gottes ist nahe! Denn darum geht es ja: auch aus meiner Erde soll durch Jesus Himmel werden.

Doch diese Einladung muss ein Mensch auch annehmen.

Und das bedeutet: Es geht nicht ohne unser, ohne dein und mein Mittun.

Alles hat Auswirkungen – Gutes wie Schlechtes

Kehr um – das ist eine dauernde Einladung Gottes, damit Gutes in meinem Leben geschehen kann: Ich könnte auch nein sagen zu dieser Einladung Gottes. Er wartet auf mein Ja und überrumpelt meine Freiheit nicht. Ich muss selber Ja sagen und mittun. Zuallererst indem ich meine Haltung ändere: Nicht ich schaffe das Entscheidende, sondern Gott mit mir. Diese Haltungsänderung im Leben nennt die Kirche Buße. Die grundlegende Veränderung im Leben liegt in der Taufe. Da sagt der Mensch ja zu Gott. Und da nimmt Gott mich an als Sohn, als Tochter. Jesus selbst hat seine Jünger beauftragt, die Menschen zu taufen. Denn durch die Taufe nimmt Gott mich in seine Geschichte mit der Welt hinein. In seine Heilsgeschichte: in Jesu Leben, Tod und Auferstehung. In der Taufe fließt das Leben Jesu in meins, sein Sterben wird die Tür zu Gott auch für mich, und seine Auferstehung hat die Kraft, dass aus meinem Erdenleben Himmel wird. Dazu sage ich im Glauben Ja. Und wenn ich schon als Kind getauft wurde, dann kommt es darauf an, dass ich dieses Ja-Sagen im Leben bewusst einhole. Ich muss es sogar an vielen Stellen im Leben wieder neu sagen, weil ich oft auch unbewusst oder – wer weiß – vielleicht sogar wissentlich Nein zu Gott sage: Nein, ich weiß es selber besser und brauche keinen Gott! Nein, ich mache erst mal mein Ding, Gott kann noch warten! Nein, du, mein Mitmensch, bist mir egal, ich will den besten Teil für mich und hab ein verdammtes Recht darauf. Nein sagen zu Gott in mir, Nein zu Gott im anderen Menschen, der mein Nächster ist, und in dieser Ablehnung leben: das heißt in der Sprache der Kirche Sünde.

Niemand ist davon frei aus eigenen Stücken, deshalb brauchen wir die Buße, solange wir leben. Wer Buße lebt, bittet immer wieder Gott um Verzeihung seiner Sünden und darf glauben, dass Gott ihm und ihr vergibt. Ist damit alles getan? Nein, denn was durch mich kaputt gegangen ist, zieht Kreise: was in der Seele eines anderen gärt, den ich beleidigt oder verletzt habe, oder was ich in Umlauf gebracht habe zum Beispiel an Lügen, an schädlichen Halbwahrheiten, an Empörung und Enttäuschung. Sünden wirken nach.

Auch diese Auswirkungen müssen überwunden werden, damit aus Erde Himmel werden kann. Wie könnte ich sonst im Himmel einem anderen in die Augen sehen, den ich auf Erden betrogen, enttäuscht oder um sein ganzes Glück gebracht habe! Und wie könnte ein Mensch, der auf Erden unter einem anderen und seiner Grausamkeit gelitten hat, diesem Menschen im Himmel wieder begegnen, ohne dass er neu anfinge zu leiden?

Bei den Opfern und bei den Tätern muss das Erdenleben, wie es wirklich war, ganz aufgedeckt werden. Sonst bleibt Himmel eine Farce!

Gott aber will den Himmel für uns und mit uns! Das Reich Gottes soll und wird kommen. Denn dafür ist Jesus gestorben. Die älteste Erzählung darüber steht im Markusevangelium:

„Als die sechste Stunde kam, brach eine Finsternis über das ganze Land herein – bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab Jesus zu trinken. Jesus schrie mit lauter Stimme: Dann hauchte er den Geist aus. Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Markusevangelium 15, 33-39)

Am Kreuz spürt Jesus, wie verloren wir sind, wie aussichtslos dunkel das Nein zu Gott unser Leben macht, wie vernichtend Lieblosigkeit und Grausamkeit sich auswirken.  Er spürt, was die Opfer fühlen. Und er spürt, was den Tätern droht: Gottverlassenheit.

Doch der Hauptmann sagt: Dieser Mensch war Gottes Sohn. Gott ist in Jesus, auch in seinem Sterben. Jesus hat das Böse, Grausame und Kaputte aller Menschen selber erfahren. Deshalb aber kann er zu jedem sagen: Ich weiß! Ich weiß, was bei dir los ist, weil ich es in mir selber durchlitten und zu Ende gebracht habe. Ich kenne dich von innen. Deshalb weiß ich, was los ist. Deshalb kann ich dich ganz erlösen. Ich kann dein Friede werden, dein Himmel.

Willst du das?

Warum die Beichte wichtig bleibt

Damit aus unserer Erde Himmel wird, brauchen wir alle Jesus. Welche Rolle spielt dabei nun der Ablass? Der Weg dahin führt über die Beichte.

Beichte bedeutet: Ich erkenne, dass Sünde liegt in dem, was von mir ausging. Und ich spüre, dass ich das nicht will! Deshalb spreche ich es aus vor Gott. Schütte mein Herz aus in der Beichte. So gut ich kann. Der Priester hört mir zu an Jesu Stelle. Er spricht mich los.

Doch damit aus unserem ganzen Leben wirklich gemeinsamer Himmel werden kann, müssen auch die Konsequenzen der Sünde, ihre negativen Auswirkungen überwunden werden. Dabei hilft der Ablass, der in seinem Innern ein Tun aus Liebe ist. Was die Kirche als Ablasswerk vorschlägt, soll meiner Liebe konkrete Handlungsmöglichkeiten zeigen. Was immer wir, ohne uns damit selber groß machen zu wollen, vor Gott aus Liebe tun, will er uns ja vergelten. Denn Jesus selbst sagt: Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

So wie Jesus an unsere Stelle getreten ist für uns alle, so kann Gott auch unsere guten Werke für andere verwenden. Nicht nur im Bösen gibt es echte Ursache-Wirkungen-Zusammen-hänge, auch im Guten. Oder wie es der Apostel Paulus sagt: Gott lenkt alles zum Guten bei denen, die ihn lieben.

So wird der Ablass zu einer liebevollen Fürbitte für mich selbst und für Verstorbene, damit bei mir und auch bei ihnen die negativen Auswirkungen der Sünde abgebaut werden.

Das Leben der Verstorbenen war, wie es war. Wir denken gerne an das Gute. Wir wissen aber auch, dass nicht alles gut war in ihrem Leben. Zu unserem Glauben an die Auferstehung gehört es deshalb, dass wir für die Verstorbenen bitten. Es kann sein, dass Gott noch „Arbeit mit ihnen hat“. Das Harte ihres Lebens muss noch weich werden. Das Verdrängte muss zum Vorschein kommen dürfen. Wir bitten deshalb für die Verstorbenen, dass sie ganz gereinigt und befreit werden - auch von all dem, was sie aus Schwäche oder sogar aus Härte nie als böse erkannt haben. Auch aus ihrer Erde soll doch Himmel werden!

Hinter dieser Hoffnung steht die Überzeugung, dass das auch nach dem Tod noch möglich ist. Dieses innere Geschehen, wie das gelebte Leben nach dem Tod eines Menschen ganz bloßliegt vor Gott und von seiner Barmherzigkeit erfasst wird, heißt in der traditionellen Sprache der Kirche: Fegfeuer oder Läuterung. Was damit gemeint ist, das betrifft alle Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, die sich durch unser ganzes Leben ziehen.

Den Ablass erbitten: eine Weise seine Liebe zum Verstorbenen auszudrücken

Einen Ablass für einen Verstorbenen erbitten, das bedeutet in dieser Sicht: ihm damit helfen wollen, dass wirklich alles offengelegt wird von seinem Leben, dass in alles hinein die Barmherzigkeit Gottes gelangt. Dass er schneller und leichter in dieses Gebeichtetwerden hineingelangt, dass er es an sich geschehen lässt und seine Widerstände überwunden werden. Zugegeben, das ist schwer vorstellbar, aber vielleicht darf man es sich so vorstellen: Die Täter werden geläutert, indem sie das Leid selber spüren, das sie ihren Opfern angetan haben. Und die Opfer erleben, wie die Täter ihren Schmerz endlich kennenlernen.

Wenn aber dieses Gebeichtetwerden dazu führt, dass im Sünder sein Ja zu Gott, sein Ja zu sich selbst und zu jedem Menschen doch noch unter allem Schutt freigelegt werden kann, dann beginnt der Himmel. Und dabei lässt Gott uns, die wir noch auf Erden leben, mithelfen eben auch durch den Ablass. Bei alledem aber bleibt die innere Einstellung unverzichtbar, dass ich die konkrete Wirkung, die mein Mittun hat, ganz Gott überlassen muss.

Einen Ablass zu erbitten für einen Verstorbenen, das wird so zu einer Weise, über den Tod hinaus den Verstorbenen weiter zu lieben im Vertrauen auf Gott. Wer liebt, will dem Geliebten Gutes tun. Wer liebt, will alles auffüllen, was einem Geliebten noch fehlt, damit Gott auch bei ihm alles zum Guten führt.

Den Ablass leben, wie Papst Franziskus sagt, das vertieft in uns den Sinn für die Barmherzigkeit, das bringt Hoffnung in Umlauf, das wirkt sich heilend aus zwischen Himmel und Erde: Damit aus der Barmherzigkeit Gottes heraus aus unserer Erde Himmel wird immer mehr – bis zum großen und letzten Tag, an dem der auferstandene Jesus allen sichtbar wiederkommt. So ist der Ablass ein bleibender Ausdruck unerschütterlicher christlicher Hoffnung.

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

Zitat

(1) Papst Franziskus: Bulle „Misercordiae Vultus“ zum Hl. Jahr der Barmherzigkeit, zitiert nach Internetseite: http://de.radiovaticana.va/news/2015/04/11

 

 

 

 

 

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 26.11.2017 gesendet.


Über den Autor Bischof Dr. Helmut Dieser

Bischof Dr. Helmut Dieser, geboren 1962, ist seit 2016 Bischof von Aachen. Nach seiner Priesterweihe 1989 in Trier war er zunächst in der Seelsorge im Bistum Trier tätig. Von 1996 bis 2004 war er Lehrbeauftragter für Homiletik am Institut für Pastoralpsychologie und Homiletik des Bischöflichen Priesterseminars Trier und leitete zudem die Berufseinführung der Kapläne (ab 1997). Von 2004 bis 2011 war er Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Adenau, zusätzlich Dozent für Homiletik am Studienhaus St. Lambert in Lantershofen. Im Juni 2011 wurde er in Trier zum Bischof geweiht, war dort über 5 Jahre Weihbischof bevor er im September 2016 von Papst Franziskus zum Bischof von Aachen ernannt wurde. In der Bischofskonferenz ist Helmut Dieser Mitglied der Glaubenskommission und der Pastoralkommission.