Wort zum Tage, 14.11.2017

Hans-Joachim Ditz aus Berlin

Satt an Leben

Mein so hoffnungsvolles Leben – es wäre schon fast zu Ende gewesen, kaum dass es begonnen hatte. Und das kam so: Es war Anfang Juni im Jahr des Herrn 1961. In meinem sauerländischen Dorf wurde Schützenfest gefeiert, nach Weihnachten und Ostern der höchste Feiertag im Jahr. Wie immer drei Wochen nach Pfingsten und wie immer bei dieser Angelegenheit war das ganze Dorf besoffen. Und meine Mutter, die zierliche Person, in Wehen mit mir, zu schmal, um mich auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Also: Kaiserschnitt. Und nur ein Arzt für alles: Gynäkologe, Anästhesist und was weiß ich noch alles in einer Person. Irgendwas mit der Dosierung des Narkosemittels muss schiefgelaufen sein. Meiner Mutter jedenfalls ging's gut, nur mir nicht: Ich kam blitzblau mehr tot als lebendig auf die Welt. Akuter Sauerstoffmangel. So wurde der Arzt mein Lebensretter indem er mir förmlich den Lebensodem einblies: Mund zu Mund oder Mund zu Nase, so genau weiß ich das nicht mehr. 

„Ist ja doch noch was aus dir geworden“, spottet die junge Kollegin und schmunzelt. Aber was hätte nicht alles aus mir werden können unter normalen Umständen meiner Geburt: bestimmt Nobelpreisträger. Ja, höchstwahrscheinlich sogar.

Wie viel Leben darf ein Mensch erwarten? „Unser Leben währet siebzig Jahre“, - so heißt es in einem alttestamentlichen Psalm – „und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ 

Die Lebenszeit, sie verrinnt so schnell. Häufig meinen wir, eine bestimmte Lebenszeit sei uns geschuldet, so 70 Jahre und alles, was darüber hinaus geht, das seien dann die geschenkten Jahre. Irgendwann ist mir aufgegangen, dass es bei mir anders ist: ich lebe von Anfang an, seit meiner Geburt in einer geschenkten Lebenszeit. Wenn man eigentlich nichts zu erwarten hatte, dann ist jeder Lebenstag ein großartiges Geschenk. Und wenn ich jetzt gleich aus dem Leben scheiden müsste, ich will es ohne Grämen tun. Es war köstlich. Mit Freud und Leid, mit Liebe und Sorgen, unglaublich spannend und mitunter auch todlangweilig. Nichts davon will ich missen. So will ich mich freuen an jedem neuen Tag, den ich noch erleben darf. Und wer weiß, vielleicht ist es mir ja vergönnt zu sterben wie einst Hiob im Alten Testament, der nach allem Auf und Ab in seinem Leben, die Freiheit gefunden hat, am Ende alles in Gottes Hände zu legen. Und so konnte er sterben: hochbetagt und satt an Lebenstagen. (Ijob 42,17) 


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Dieser Beitrag wurde am 14.11.2017 gesendet.


Über den Autor Hans-Joachim Ditz

Hans-Joachim Ditz ist verheiratet und hat sechs Kinder. Er studierte katholische Theologie und Sozialarbeit in Paderborn, Innsbruck und Berlin. Seit 1987 arbeitet er als Pastoralreferent im Erzbistum Berlin mit wechselnden Aufgaben (unter anderem Jugendarbeit und Stadtteilseelsorge). Zur Zeit ist er außerdem Geschäftsführer des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin und Geschäftsführer des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg (ÖRBB).