Morgenandacht, 11.11.2017

von Thomas Macherauch aus Bruchsal

Was gute Partnerschaft ausmacht

Ich habe oft mit Paaren zu tun, die heiraten möchten. Einen Tag lang nehmen sie sich Zeit für sich und ihren Partner und beschäftigen sich damit, was sie von einander erwarten. Sie überlegen sich, was eine Partnerschaft ausmacht und wie ihre Beziehung gut werden kann.

Die Vorstellungen der Paare sind ganz unterschiedlich: Für die einen gehört zu einer guten Beziehung, sich zu fetzen und auch mal heftig zu streiten; andere halten das für ungut. Manche betonen die gemeinsamen Interessen und wollen möglichst viel zusammen erleben; anderen ist es wichtiger, dass jeder für sich sorgt und seinen Freiraum hat.

Es zeigt sich dann schnell, dass es weder das eine noch das andere Extrem ist: Alles gemeinsam zu tun, fördert eine Partnerschaft ebenso wenig, wie wenn jeder nur die eigenen Wege geht. Nähe und Distanz sollten gut ausbalanciert sein. Ebenso Streit und Harmonie. Das ist wie in der Musik: Sie wird erst richtig interessant, wenn sie nicht nur harmonisch und auch nicht nur dissonant klingt. Die Mischung macht‘s. Genauso ist es in der Partnerschaft: Zu viel Streit schadet, zu wenig aber auch. Wer immer nur friedlich und höflich ist, fördert einen falschen Frieden, eine „Friedhöflichkeit“, die – wie der Name schon sagt – Beziehungen sterben lässt. Ideal ist ein Mittelweg: Wer sich ab und zu konstruktiv und fair streitet, macht sich Luft und klärt die Fronten.

Den Paaren fallen meist noch mehr Dinge ein, die gut ausbalanciert sein sollten und die zu einer guten Beziehung gehören: So sollte jeder die Stärken und Schwächen des anderen gleichermaßen annehmen. Keinem tut es gut, ständig auf seine Schwächen angesprochen zu werden. Und wer ständig idealisiert wird, muss hohen Erwartungen genügen. Auch das geht auf Dauer schief. Eine Beziehung gelingt eher, wenn beide Partner um ihre Ecken und Kanten wissen, aber auch darum, was den anderen auszeichnet und besonders macht.

Beziehungen leben außerdem davon, dass die Partner einbringen können, was sie von früher her geprägt hat; Werte und Vorstellungen aus ihrer Familie, die sie leben und vielleicht sogar an ihre Kinder weitergeben möchten – und die decken sich ja nicht immer mit denen, die der andere mitbringt. Gleichzeitig darf das aber nicht alles sein: Es sollte auch genug Platz bleiben für das, was die Partner gemeinsam entwickeln. Auch hier kommt es darauf an, einen guten Mittelweg zu finden.

Bisher habe ich übrigens noch nie erlebt, dass ein Paar die Qualität seiner Beziehung an Äußerlichkeiten festgemacht hat. Keiner hat gesagt, dass er nur dann mit dem anderen glücklich sein kann, wenn der nicht zunimmt. Keinem ging es darum, was der andere verdient, ob er gesund bleibt oder attraktiv. Es ging tatsächlich immer darum, dass die Beziehung tragfähig sein soll, ein Raum also, der stabil ist, weil er die Balance hält zwischen Nähe und Distanz, Streit und Harmonie, zwischen Festhalten und Loslassen, Reden und Schweigen und zwischen Annehmen und Verändern.

Der Theologe Paul Michael Zulehner hat einmal gesagt, dass Menschen ein „Obdach der Seele“ brauchen und suchen. Und ich glaube, er meint damit genau das, was sich diese Paare wünschen und was sie mit ihren Worten umschreiben: ein „Obdach der Seele“, das nicht an Äußerlichkeiten hängt, sondern von Liebe getragen ist. Mir gefällt dieser Begriff, denn er deutet an, wie sich Menschen beim anderen wohl und geborgen fühlen, Wurzeln schlagen und wachsen können, weil sie angenommen sind, ohne etwas leisten zu müssen.

Ich bitte die jungen Paare in unseren Gesprächen irgendwann, ihre Gedanken auf den Punkt zu bringen und in wenigen Worten zusammenzufassen, was ihre Beziehung im Kern tragfähig macht. Und sie staunen dann meist nicht schlecht: Obwohl es ihre Gedanken, Ideen und Wünsche sind, wählen sie doch genau die Worte, die das kirchliche Trauversprechen vorsieht. Für viele klingen die im ersten Moment etwas abgedroschen; aber sie sind sehr tiefgründig: Das Miteinander der Partner gelingt, wenn der eine den anderen annimmt – so wie er ist als Mann und Frau mit allen Eigenheiten; wenn sich die Partner lieben, achten und ehren, wenn sie also respektieren, was jeder aus seiner Familie so mitbringt. Und das alles nicht nur heute, wenn es gerade reinpasst, sondern langfristig: in Gesundheit und Krankheit; in guten und schlechten Tagen.


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Dieser Beitrag wurde am 11.11.2017 gesendet.


Über den Autor Thomas Macherauch

Als gebürtiger Karlsruher, geboren 1977, ist Thomas Macherauch nach seinem Studium der Katholischen Theologie in Freiburg Pastoralreferent in der Erzdiözese Freiburg geworden. Nach seiner journalistischen Medienausbildung am ifp München betreute er die Öffentlichkeitsarbeit seines Dekanats und war Pastoralreferent in der katholischen Seelsorgeeinheit Mühlhausen. Seit Februar 2015 ist Thomas Macherauch Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Bruchsal. Kontakt:         referent@kath-dekanat-bruchsal.de
Information:  www.kath-dekanat-bruchsal.de