32. Sonntag im Jahreskreis, 12.11.2017

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Lambertus, Stromberg


Predigt von Dechant Karl-Hermann Kemper

Liebe Schwestern und Brüder!

Gefragt nach einem Bild, welches das menschliche Leben gut veranschaulichen könnte, antworte ich oft mit dem Bild eines Weges. Dieses Bild nimmt vieles in den Blick und greift es umsichtig auf: den Lauf der Zeit, den Wechsel von Anstrengung und Entspannung, Aufbruch und Ankunft, die Bedeutung von Weggefährten und deren Hilfestellungen und nicht zuletzt die stete Frage nach dem Gepäck. Dass ich nicht auf der Strecke bleibe, weil mir etwas fehlt oder aber weil der Ballast durch Überflüssiges zu groß geworden ist. Es ist ein Bild, das ich, glaube ich, mit vielen Menschen teilen kann, unabhängig von Glauben und Einstellung.

Wie merkwürdig anders ist das Lebensbild, welches Jesus im Gleichnis vorstellt. Es setzt ein Ziel voraus, stellt dies über alles und gibt dem Leben so eine irritierend passive Beschreibung. Auch wenn die Bildwelt des Gleichnisses in unseren Ohren sperrig klingen mag und von ihm nicht unbedingt eine anziehende Attraktivität ausgeht, lohnt es sich auf jeden Fall, in dieses ganz andere Bild einzutauchen.

Zunächst: dieses Bild kennt ein Ziel. Es verbirgt sich im Symbol der Vermählung, des Festes und des Hochzeitssaales. Der Weg dorthin bleibt im Dunklen und ist geprägt von einer diffusen Stimmung des Wartens auf den richtigen Zeitpunkt des Aufbruchs. Der Weg wird hier gerade nicht zum Ziel. Damals wie heute scheint mir dies ein befreiendes Korrektiv dafür zu sein, nicht bereits von diesem Leben alles zu erwarten. Und darum auch diesem Leben nicht alles abverlangen zu müssen. In der Sehnsucht nach echter Erfüllung bereits jetzt entsteht so oft ein Kreis von Bedürfnis und Befriedigung. Und dieser Kreis beginnt sich immer schneller zu drehen. Unter dem Druck, aus dem Leben so viel Gewinn wie möglich herauszuholen, entwickelt sich ein Hamsterrad. Frustration und Erschöpfung sind die Folge.

Jesu Gleichnis erinnert daran, dass unser Leben nicht das Ziel, sondern erst der Weg ist.

Den wahrscheinlichen Rat einer jeden Werbeagentur missachtend zeichnet das Gleichnis von den zehn Jungfrauen ein recht passives Bild: Warten, erwarten, sich gedulden, suchen, Ausschau halten. Hier wird Zeit nicht zu knapp, sondern zu lang. Die notwendigen Eigenschaften sind daher Ausdauer, Umsicht und Vertrauen.

Auch hier nehme ich eine notwendige Erweiterung meines Lebensbildes wahr. So sehr ich mich auch als aktiven, gestaltenden und selbstbestimmten Menschen sehen möchte, kann mir die Wirklichkeit meiner Abhängigkeiten und meiner viel zu oft engen Grenzen nicht verborgen bleiben: Grenzen der Belastbarkeit, Krankheiten, Gefühle der Ohnmacht, Versagen oder Schuld, Misserfolge und Scheitern. Dazu gesellt sich das Wissen um meine begrenzten Möglichkeiten, Verhältnisse zu ändern oder zu beeinflussen. Mit vielen anderen Menschen finde ich mich in der Situation wieder, auszuhalten, zu warten, zu ertragen, geduldig zu sein und vor allem: zu ringen um die Hoffnung und die Sehnsucht in meinem Leben.

Kein Wunder, dass das Szenario im Gleichnis dunkel ist. In der Dunkelheit verblasst vieles, im Grunde alles, wenn es nicht irgendwo ein bisschen hell wird, ein Funke Hoffnung und Vertrauen zu finden ist. So wie bei den klugen Jungfrauen, die für den glaubenden Menschen stehen. Er ist der Mensch, der auch in der Nacht des Lebens das Licht des Vertrauens und der Hoffnung auf das von Gott verheißene Ziel nicht erlöschen lässt. Dieses kleine Licht ist für ihn überlebenswichtig. Gerade weil die Nacht an dem Licht nagt und die Dunkelheit immer stärker wird.

So kommt das Gleichnis schließlich auch zu seiner Kernaussage: Bevorrate dich mit dem Öl, das dein Licht nicht ausgehen lässt!

Und so frage ich mich, was mir geholfen hat, meinen Glauben nicht zu verlieren. Woher ziehe ich die Kraft, immer wieder aufzustehen und die Dunkelheit nicht siegen zu lassen? Wie vertiefe ich die Liebe zu Gott, der meine Sehnsucht und meine Hoffnung ist?

Liebe Schwestern und Brüder, die Antworten liegen in meiner ganz persönlichen Geschichte mit Gott. Und dazu gehört, das Persönliche übersteigend, das Gebet und die Kraft, die ich aus dem Wort Gottes und aus dem Sakrament ziehen kann. Ebenso wie die Gottesdienstgemeinschaft, die Gemeinschaft der Suchenden und Glaubenden, die für meinen Weg von tiefer Bedeutung ist. Und zugleich wird mir deutlich, dass die Art und Weise meines Lebens erloschenes oder leuchtendes Licht sein kann. Genau das aber kann für den Menschen neben mir vielleicht der Grund sein, sein eigenes Licht der Hoffnung nicht ausgehen zu lassen.

Darum gilt auch für diesen Gottesdienst: Bitte bevorraten sie sich!

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 12.11.2017 gesendet.


Über den Autor Dechant Karl-Hermann Kemper

Karl-Hermann Kemper ist leitender Pfarrer der Kirchengemeinde St. Johannes, Oelde und Dechant des Dekanates Ahlen/Beckum. Gebürtig aus dem Ruhrgebiet, Jahrgang 1966, studierte er in Münster und Innsbruck. 1992 wurde er zum Priester geweiht. Nach Kaplanstätigkeiten in Bocholt und Geldern war er 11 Jahre lang in einem münsterländischen Dorf, in Enniger. Seit 2010 ist er in Oelde tätig.