Am Sonntagmorgen, 03.12.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

Töne des Glaubens: Die Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Der Kammerchor der Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart probt unter der Leitung von Professor Alexander Burda. Das Besondere: Fast alle Studentinnen und Studenten leiten selbst Chöre.  

Insgesamt 42 Studierende sind eingeschrieben an der Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Rottenburg am Neckar. Neben der Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg ist dies die einzige katholische Einrichtung dieser Art.  Sie wurde 1972 als Kirchenmusikschule gegründet und vor 20 Jahren durch den damaligen Bischof Walter Kasper zur Hochschule erhoben. Die Studierenden stammen aus verschiedenen Bistümern, aber auch aus dem Ausland, zum Beispiel aus Portugal oder Japan.  Der Rektor der Hochschule ist Professor Stefan Palm. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Organist, Pianist und Cembalist ist begeistert von den jungen Leuten.

Stefan Palm
Ja, das sind Menschen, die wirklich dafür brennen, das zu machen. Kirchenmusik zu studieren. Es ist ja nicht wie in einem anderen Studium, dass man Abitur macht und sagt: jetzt studier´ ich Mathe und geht einfach dahin, schreibt sich ein, hat vielleicht noch ´nen Numerus-Clausus zu erfüllen. Die müssen ja von Kindheit intensiv sich mit Musik auseinandergesetzt haben, Privatunterricht genommen haben, viele Jahre Klavierunterricht genossen haben, um überhaupt die Aufnahme bestehen zu können.                                             

Autor
Obwohl alle für die Musik brennen, manche Studierende entdecken sich erst im Studium so richtig. Das erlebt Christine Müller, Dozentin für Gesang und chorische Stimmbildung, immer wieder. Der Körper als Instrument ist vielen zu Beginn des Studiums unbekannt.

Christine Müller
Und das liegt, denke ich, oft auch daran, dass die nach dem Stimmbruch keine Gelegenheit mehr haben zu singen und praktisch die neue Stimme gar nicht ihr Eigenes wird. Das ist oft bei jungen Männern zu beobachten, die gerne an der Orgel sitzen und sich in anderen Dingen musikalisch austoben, aber gerade nicht mit der Stimme. Es gibt auch viele Mädchen, bei denen das so ist. Und das ist natürlich für uns ganz, ganz schade, weil das ist was ganz Wichtiges: Dass die Jugendlichen mit ihrer Stimme umgehen!                                 

Autor
Die Studierenden werden individuell gefördert, um Gehör und Stimme zu schulen.

Christine Müller
Und das bedeutet oft auch ´ne große persönliche Hürde, den Mund aufzumachen und laut zu werden - im eigentlichen Sinne. Und dann kommen Studenten, die schon viel Erfahrung mit dem Singen haben. Und das Erste, was wir machen, ist natürlich, die Stimmen stimmhygienisch und gesund zu bilden, so dass sie leistungsfähig werden. Leistungsfähig heißt, dass sie die Anforderungen, die dieser Hochschulbetrieb aber auch der spätere Beruf an sie stellt, gut bewältigen können.

Autor
Wenn Nieneke Hamann mit Studenten ein Klavierstück erarbeitet, dann werden immer und immer wieder einzelne Passagen geübt. Möglich ist das nur im Einzelunterricht. Rektor Stefan Palm ist froh darüber, dass die Hochschule ihn anbieten kann. Auch wenn das die Ausbildung sehr teuer macht.

Stefan Palm
Die Studenten haben 60 Minuten Orgelunterricht in Literatur, 60 Minuten in Improvisation, 45 Minuten Klavierunterricht, 45 Minuten Gesangsunterricht, 30 Minuten Chorleitung. Das ist alles Einzelunterricht. Wir haben hier 27 Dozenten und 42 Studenten zurzeit, wobei die Dozenten natürlich nicht alle „Vollzeit“ sind. Aber trotzdem ist es ein Verhältnis, dass auf einen Vollzeitdozenten dreieinhalb Studenten kommen. Das ist ein Traumverhältnis natürlich                             

Autor
Bezahlt vom Bistum Rottenburg-Stuttgart, das an seiner Hochschule, die eine Fülle von Abschlüssen anbietet, keine Studiengebühren erhebt. Viele Studierende leben in der Hochschule am Rand von Rottenburg, denn zu ihr gehört auch ein Wohnheim.

Stefan Palm
Das ist nochmal ein Standortvorteil. Sehr familiär ist: Es gibt drei Stockwerke Studentenheim. In jedem Stockwerk gibt es eine Gemeinschaftsküche, wo man abends zusammensitzt, kocht gemeinsam. Und wenn ein Student morgens nicht zum Unterricht kommt, kann man oben ans Zimmer klopfen und sagen: Steh mal auf!

Autor
Für Verena war Musik lange nur ein Hobby. Sie hat Querflöte gespielt, erst mit 16 die Orgel entdeckt. Und nach der Schule wollte sie eigentlich Maschinenbau studieren. Doch es kam ganz anders.

Verena
Dann habe ich nach dem Abitur so´n Überbrückungsjahr hier an der Hochschule gemacht, also den C-Kurs und wollte aber immer tatsächlich Maschinenbau studieren. Und hab dann aber hier meinen Gefallen gefunden und wollte einfach nicht mehr weg. Und jetzt schätze ich das total, dass ich die Entscheidung getroffen habe. Was mir viel Spaß macht, ist die Vielseitigkeit. Also, ich bin jetzt nicht so der Orgelfreak oder Klavier. Und z.B. Gesang habe ich auch erst im Studium entdeckt. Davor habe ich gar nie gesungen. Aber jetzt haben wir Unterricht in Gesang, Klavier, Chorleitung. Chorleitung war für mich davor auch gar nicht wichtig. Und jetzt habe ich sogar selber ´nen Kirchenchor und leite den jede Woche. Und es macht mir total viel Spaß. Das habe ich keine Sekunde bereut.

Verena
Glaube war für mich vor meinem Studium so ´ne Nebensache eher. Ich war schon in der Kirche, habe auch schon manchmal Gottesdienste gespielt, aber damals waren die Gottesdienste nur so Musik machen, nicht mit Glauben verbunden. Und jetzt finde ich schon, dass Glaube eigentlich das ist, warum ich Kirchenmusik studiere. Weil gerade die Lieder, die ich dann in der Kirche begleite, sollen ja die Leute zum Glauben ermutigen. Man sagt ja: Wenn man singt, betet man doppelt.

Autor
Jacyntha kommt aus Lissabon. Auch für sie gibt es eine enge Verbindung zwischen Musik und Glaube. Doch sie bekennt: Als Musikerin hat sie es nicht immer einfach.

Jacyntha
Mir persönlich hilft Musik, weil ich finde: Das ist schon ein Weg als Gebet sozusagen. Natürlich muss ich auch aufpassen, weil man übt oft in der Kirche und dann ist mehr Arbeit als Meditation. Wir sind so beschäftigt mit so viel Sachen, dass ab und zu ist einfach schwierig.

Autor
Prof. Ruben Sturm ist Organist am Rottenburger Dom. An der Hochschule lehrt er Literaturspiel und Improvisation an der Orgel. Zunächst kommt es für ihn darauf an, dass sich die Studierenden am Instrument wohlfühlen und Lust haben zu spielen.

Prof. Sturm
Es gibt eben Leute, die sich da relativ schwertun, die man erst mal so ´n bisschen aus der Reserve locken muss, erst mal auftauen muss, auf gut Deutsch gesagt. Und dann gibt es natürlich andere, die an sich so ´n Spieltrieb bereits mitbringen und einfach loslegen, die man erst mal ausbremsen muss, erst mal wieder drei Schritte zurückgehen muss, um ´n gewissen Wildwuchs auch zu entfernen, den die schon mitbringen. Das ist dann oft schwieriger, als wenn man jemand von Null aufbaut. 

Autor
Erarbeitet werden Kompositionen von Reger, Mendelssohn, Buxtehude und Franck. Und immer wieder Stücke von Johann Sebastian Bach, dem König der Orgelliteratur. Doch in der Ausbildung geht es nicht nur um Literatur, es gehr vor allem darum, zu spielen und gleichzeitig zu komponieren.

Prof. Sturm
Ein sehr guter Improvisator hat mal gesagt: Im Grunde sind 80 Prozent in etwa erlernbar. Und der Rest ist eben die Inspiration. Und jenseits des Handwerklichen gibt es natürlich auch die Möglichkeit, völlig frei zu improvisieren. Wobei selbst da, im sogenannten Freistilringen, auch gewisse Vorgaben möglich sind. Beispielsweise Improvisieren in Kirchentonarten oder in ´nem Modus von Messiaen ist wesentlich einfacher als in irgendeiner barocken Form zu improvisieren.

Autor
Natürlich ist die Orgel kein reines Konzertinstrument. Meist wird sie ja in Gottesdiensten gespielt und die Gemeinde singt dazu. Das spielt schon bei der Ausbildung eine entscheidende Rolle, die sich ausrichtet an der

Prof. Sturm Art und Weise der Gemeindeführung, also ich sag bewusst Gemeindeführung. Früher hieß es mal Gemeindebegleitung. Aber es ist letztlich ja ´ne aktive Führung des Gemeindegesangs. Und das ist auch ganz wichtig bei der Aufgabe des Organisten, dass eben der Gemeindegesang geführt ist und eben nicht nur begleitet ist. Das Begleiten impliziert halt, dass die Leute für sich singen und man mogelt sich da irgendwie als Hintergrundmusik dazu. Das ist ja nicht gemeint, sondern es geht ja letztlich darum, den Gemeindegesang zu führen und ein Stück weit weiter zu entwickeln unter musikalischen und sängerischen Aspekten.     

Autor
Dazu braucht man allerdings einen langen Atem. Doch den brauchen Studierende bereits in ihrem Studium. Da heißt es üben, üben, üben. Genug Möglichkeiten dafür gibt es – an der Hochschule und in der Stadt, so Rektor Stefan Palm, der allerdings bedauert, dass der Hochschule ein richtiger Konzertsaal mit Orgel fehlt.

Prof. Palm
Wir haben sieben Orgeln hier im Haus. Und die meisten Studenten wohnen ja auch hier. Das heißt: Sie können also wirklich Tag und Nacht üben. Die dürfen 24 Stunden die Orgeln benutzen, die Räume sind schallisoliert. Also, die Ausrede, ich konnte nicht üben, die gibt´s bei uns nicht.

Autor
Zum Fächerkanon der Hochschule gehört auch die Gregorianik und der Liturgiegesang.  Inga Behrendt ist die einzige Frau, die dieses Fach in Deutschland als Professorin unterrichtet.

Prof. Behrendt
Oh, ich liebe das, diese himmlischen Endlosschleifen, gar keine Frage. Und für mich führt es auch zum Gebet hin, dieses permanente Bibellesen auf musikalische Art und Weise ist für mich ein großer innerer Reichtum, den ich da erleben darf.

Autor
Für die Professorin ist Gregorianik ein wertvoller Schatz der Kirche, der in Gottesdiensten und donnerstags bei der „Musik zur Marktzeit“ in der Stadt dargeboten wird. Von der Hochschule, die als einzige in Deutschland sogar den Masterabschluss in Gregorianik anbietet.

Prof. BehrendtWir machen das zusammen. Ich sing etwas vor, dann wird es nachgesungen.

Diese Gesänge haben immer auch einen ganz bestimmten Ort in der Liturgie. Das sind ja an sich schon Gebete. Und wenn ich das dann vorsinge und wir dann das zusammen gesungen haben, dann erschließt sich ganz schnell ganz vieles. Da muss man gar nicht viel sagen, da kann man dann im gemeinsamen Singen viel mitbekommen. Es ist ja sozusagen Gregorianisches Synchronsingen.

Autor
Neben den klassischen Instrumenten, der Gregorianik und dem Chorgesang hat in Rottenburg auch das Jazz-Piano seinen Platz, ebenso Work-Shops für Pop-Musik. Das Angebot ist groß. Darüber hinaus kooperiert die Kirchenmusikhochschule mit der Hochschule der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Ebenso mit der Valpareiso University in den Vereiningten Staaten. Nicht nur Jacyntha ist dankbar für das breite Angebot, obwohl sie mit acht Semestern bis zum Bachelor zwei Semester mehr braucht als in anderen Studiengängen üblich.

Jacyntha
Ich denke, ich habe nur zwei Semester.  Jetzt muss oder will ich einfach alles greifen. Alles, was ich noch zwei Semester kann dann einfach lernen, lernen, lernen. Leider haben wir später nicht die Möglichkeit, unsere Lehrer zu fragen: Ja, welche Fingersatz muss ich hier machen? Oder soll ich dann schneller spielen? Später man übt nicht so viel, wenn man eine Stelle hat. Deswegen ist das siebte und achte Semester sehr wichtig. Leider läuft die Zeit sehr, sehr schnell!             


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Dieser Beitrag wurde am 03.12.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de