Morgenandacht, 12.10.2017

von Eva Maria Will aus Köln

Gänsehaut!

Wenn ich in der Küche das Essen zubereite oder den Abwasch mache, läuft im Hintergrund oft das Radio. Die Musik, die zwischen den Textbeiträgen eingespielt wird, rauscht oft genug an mir vorbei. Aber wenn mich die Musik ergreift, setze ich mich hin und höre zu. Ähnlich kann es mir ergehen, wenn ich ein Bild betrachte: Noch heute spüre ich die Gänsehaut, als ich zum ersten Mal ein Gemälde von Ursula Koschinsky in einem Bildband sah, den Freunde aus Anlass ihres 90. Geburtstages herausgegeben hatten.

Das Kunstwerk, das mich damals schaudern ließ, hat Koschinsky um 1953 herum gemalt[1]. Das Gemälde wird im Wesentlichen durch drei Farben dominiert: ein grau-blau, ein mattes weiß und ein eindringliches rot. Die abstrakte Gestalt in der Bildmitte in einem weißlichen Gewand ist durch ein weit ausladendes Flügelpaar, einen zart angedeuteten Heiligenschein und den Botenstab als Engel gekennzeichnet. Der Engel ist von einem dunklen Wasser umgeben. Doch der Himmel über dem Wasser leuchtet gefährlich rot. Links ist der Sonnenball zu sehen, rechts die Mondsichel als Zeichen für die kosmischen Mächte und als Zeugen für eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes. Auf den drei Booten des Meeres drängeln sich Menschen dicht an dicht. Und auch auf dem Festland herrscht ein furchtbares Durcheinander: Menschen laufen zwischen zerstörten Hütten und Häusern, die feuerrot erhellt sind, anscheinend ziellos hin und her. Andere laufen auf das Ufer zu. Die Arme haben sie nach oben gereckt. Und inmitten des Chaos der Engel – scheinbar unbewegt - als ruhender Pol.

Die Szene, die Ursula Koschinsky gemalt hat, ist nicht fiktiv, sondern bezieht sich auf das tausendfache Flüchtlingselend am Ende des Zweiten Weltkrieges. Für einen großen Teil dieser Menschen endete die Flucht aus Ostpreußen damals in der eisigen Ostsee. Das Bild, das Koschinsky um 1953 ausführte, war ihr gewiss ein Herzensanliegen, auch wenn es eine Auftragsarbeit war. Denn Ursula Koschinsky stammte selbst aus Königsberg. Als sie im August 1944 mit ihrer Mutter im Küstenort Rauschen war, sah sie von dort aus, wie die ostpreußische Hauptstadt bombardiert wurde und sich der Horizont in der brennenden Stadt rötlich färbte. Einen Tag nach dem britischen Angriff kamen Mutter und Tochter nach Königsberg, wo eine unheimliche Totenstille an diesem heißen Sommertag herrschte. Ihr Haus war nicht mehr da. Als die Truppen der Roten Armee immer näher rückten, konnte Ursula Koschinsky Ende Januar 1945 mit einem Verwundetentransport in einem Zug von Rauschen nach Pillau und dann weiter mit einem Minenräumboot über die Ostsee nach Gdingen bei Danzig fliehen. Ihre Heimatstadt musste sie für immer zurücklassen. Der christliche Glaube und das Gebet gaben der damals 22-jährigen Frau während dieser Zeit des Schreckens die notwendige Kraft. Der Engel ist ein Sinnbild dafür. Doch die traumatischen Erlebnisse ließen sie nie mehr los[2].

Das Bild „Erzengel Michael und die Flucht über die Ostsee“ sah ich inmitten der großen Flüchtlingskrise, die im Jahr 2015 in Deutschland einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Tausende Menschen versuchten vergeblich, in Booten das Mittelmeer zu durchqueren, einen sicheren Hafen zu finden und ertranken dabei in den Fluten des Meeres. Das alte Bild bekam für mich dabei neue Aktualität. So wie damals Menschen vor Krieg und Gewalt auf der Flucht waren, so fliehen auch heute ungezählte Menschen täglich vor Gewalt und Verfolgung. Die Zahl der Flüchtlinge war noch nie so hoch wie heute: Es sind weltweit mehr als 65 Millionen. Sie suchen Sicherheit, Frieden und Wohlergehen. Und die Menschen, die es geschafft haben, die bei uns in Deutschland angekommen sind, wollen keine Fremden bleiben. Dort, wo ich arbeite, im Erzbistum Köln, gibt es für sie zahlreiche Unterstützungsangebote. Damit aus Fremden „Neue Nachbarn“ werden.

[1] Heinrich Otten, Die Malerin Ursula Koschinsky. Leben und Werk einer Königsbergerin (Berlin 2014).

[2] Vgl. dazu Heinricht Otten, S. 12, S. 44f und öfter.


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Dieser Beitrag wurde am 12.10.2017 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de