Wort zum Tage, 07.10.2017

von Guido Erbrich aus Magdeburg

Evangelisch-Katholisch

„Wann spricht der denn mal evangelisch?“. Meine kleine Tochter war enttäuscht, der befreundete evangelische Pastor war gegangen. Nun war er weg und sie hatte kein einziges evangelisches Wort aus seinem Munde gehört. Klar, es gibt englisch, russisch, französisch, polnisch, da muss doch auch evangelisch irgendwie anders klingen.

Erklären Sie mal einem aufgeweckten Kind, dass evangelisch nicht die Sprache ist, die in „Evangelistan“ gesprochen wird. Nein, der Pastor spricht genauso wie wir, obwohl er nicht katholisch ist.

Wäre nicht „evangelisch“ eine wunderschöne Bezeichnung für Menschen, die nach dem Evangelium leben? Also nett zu ihren Mitmenschen sind, sich gegen Unrecht auflehnen und versuchen ehrlich und gut durchs Leben zu gehen. Dieses „evangelisch“ könnte eine Sprache sein, in der Wort und Tat zusammen klingen; eine Sprache, die die frohe Botschaft der Bibel aktuell ins Heute hinein sagt. Und die könnten Methodisten und Baptisten genauso gut sprechen wie Katholiken, Orthodoxe und die evangelischen Christen. Vielleicht würde dann Glauben auch etwas ansteckender sein.

Vielen Menschen außerhalb der Kirchen ist es schließlich schwer zu vermitteln, dass die Christen in so vielen verschiedenen Varianten auftreten. Für die Einordnung dieser Artenvielfalt könnte dann das Wort „katholisch“ helfen. Denn das Wort „katholisch“ steht in seiner Wortbedeutung für die allgemeine und umfassende Kirche  und geht dabei weit über ein römisch-katholisches Konfessionsverständnis hinaus. Es ist im besten Sinne ein Einheitswort.

Mit diesem Verständnis von „evangelisch“ und „katholisch“ könnten die Christen darangehen, die Erde gemeinsam zu verändern. Diese Kraft ist in unseren Breiten zur Zeit der ersten ökumenischen Versammlung 1988/89 und der friedlichen Revolution 1989 schon einmal glänzend aufgeblüht.

Es waren Christen vieler Kirchen die in den letzten Jahren der DDR gemeinsam den Traum eines anderen Landes träumten und bereit waren, für dieses Ideal auf die Straßen zu gehen. Dabei überwanden sie Grenzen und zum Schluss fiel auch die Mauer, die ganz Europa trennte.

Christen sollten sich ruhig „katholisch“ verstehen und „evangelisch“ sprechen.  Sonst geht es ihnen wie dem kleinen Jungen, der von seiner Kindergartenfreundin gefragt wird: „Bist du auch katholisch?“ „Nein“, antwortet der Kleine, „ich habe eine andere Konfrontation.“


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Dieser Beitrag wurde am 07.10.2017 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Seit 2010 ist er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg.

Kontakt
Guido.Erbrich@roncallihaus.de