Feiertag, 03.10.2017

von Joachim Jauer aus Kirchberg

„Geheimpriester und Papst“ Christen als Wegbereiter der Wende von 1989

Joachim Jauer war zur Zeit der Revolutionen von 1989 als Korrespondent des ZDF für die DDR und für Osteuropa an den Orten des Geschehens dabei. Er sagt: Es waren Christen in Polen und Ungarn, in der Tschechoslowakei, in Rumänien und in der DDR, die in den Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur ein Gegenkonzept vorlebten, die als erste das Schweigen über das Unrecht brachen und die der sozialistischen Propaganda die Wahrheit entgegen hielten. So wurden sie zu Wegbereitern der Wende.

Herbst 1978: Eine kirchenpolitische Sensation. Ein Pole, Karol Wojtyla, wurde zum Papst gewählt, ein Kirchenmann aus dem kommunistischen Machtbereich. Entsetzen von Moskau bis Ost-Berlin. Denn dieser polnische Papst wollte so bald wie möglich seine Heimat hinter dem „Eisernen Vorhang“ besuchen. Die führenden Genossen in Warschau waren zerstritten und ratlos. Gegen den Protest aus Moskau und Ost-Berlin rangen sich die polnischen Kommunisten acht Monate später durch, die Reise des Papstes durch sein Heimatland zu genehmigen. Vergeblich versuchten sie aber,  landesweite Sympathiekundgebungen für den Papst zu unterbinden. Doch es kam schlimmer als es die herrschende Kommunistische Partei befürchtet hatte.

Pfingsten 1979 kam Karol Wojtyla als „Papst der Menschenrechte“ nach Warschau, wo auf dem Siegesplatz ein hohes Kreuz aufgestellt war. Am Vorabend des Pfingstfestes, an dem die Christen weltweit die Entsendung des Heiligen Geistes feiern, predigte der Papst dann vor vielen hunderttausend Gläubigen. Mit seinem Schlusssatz wurde Johannes Paul zum spirituellen Vorarbeiter in der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur.

„Odnów oblicze ziemi, tej ziemi.“

„Der Geist Gottes komme herab auf die Erde und erneuere, verändere das Antlitz der Erde“, rief der Papst aus. Und nach einer Pause betonte er noch einmal „das Antlitz dieser Erde hier“. Das polnische Wort „ziemia“ darf erweitert auch als Land oder Nation verstanden werden. Also forderte der Papst, der „Geist Gottes“ möge diese kommunistische Volksrepublik verändern. Ganz Polen hörte das über Radio oder Fernsehen. Und die Genossen ahnten, was die Papst-Worte auslösen könnten. Denn weit über 90 Prozent der Polen waren katholisch.

Die Machthaber zeigten sich angesichts der Begeisterung der Massen hilflos. Auf den Polen Wojtyla waren sie stolz, der Papst als Gegner des Regimes machte ihnen Angst. Der ehemalige Staatspräsident, der Kommunist Wojciech Jaruzelski, urteilte später:

„Ein polnischer Papst, das bedeutete viel für den Ruhm Polens in der Welt, doch die Partei hatte Angst, dass die katholische Kirche ungemein gestärkt würde und dass das alles durch diesen Papst nach schlimmer würde.“                                              

Der Papst hob das polnische Volk von den Knien hoch

Es kam so schlimm, wie die Partei befürchtete. Zehn Millionen pilgerten 1979 zu Fuß durch das Land, um den Hoffnungsträger aus Rom zu sehen. Auch Katholiken aus der DDR und den sozialistischen Nachbarstaaten waren zur Messe auf den Wiesen bei Krakau gekommen. Zweieinhalb Millionen Menschen nahmen an dieser größten Versammlung teil, die in den Jahrzehnten des Moskauer Kommunismus jemals ohne oder gar gegen die Partei organisiert worden war. Es war kein Kreuzzug, den der Pole Karol Wojtyla nach Osteuropa begonnen hatte. Der Mann, der den braunen und roten Terror in seiner Heimat erlebt hatte, wollte Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden. Die  Massen in den Arbeiter- und Bauernstaaten wussten jetzt, dass sie einen hatten, der ihre Sprache sprach. Nach der Wende räumte der ehemalige Ministerpräsident, der Kommunist Mieczyslaw Rakowski, ein:

„Ich begriff plötzlich, wie sehr diese Millionen Hunger nach einer neuen Sprache hatten. Bis dahin gab es ja nur Parteijargon ohne jeden Bezug zum Alltag der Menschen. Und jetzt eine völlig andere Sprache – ohne leere Parolen aber voller Hoffnung auf ein besseres Leben.“

Papst Johannes Paul II. hatte den Polen Hoffnung geschenkt. Hoffnung auf ein besseres Leben. Für dieses bessere Leben kämpfte ein Jahr später der Arbeiter Lech Walesa, ein Elektriker der Danziger Lenin-Werft. Und mit ihm an die hunderttausend polnische Arbeiter entlang der Ostseeküste. Sie streikten wochenlang. Es ging vor allem um Lebensmittel und höhere Löhne … und gestärkt durch die Worte von Johannes Paul II. um Freiheit.                               

Streik: Das war in Polen unerhört, widersprach total der kommunistischen Doktrin. Ein freies Arbeiterbündnis gegen die Diktatur der Arbeiterklasse. Und die Kirche war bei den Streikenden. Vor der Werft mit dem Namen des sowjetischen Revolutionärs Lenin feierten die Streikenden heilige Messe. Eine  riesige Gemeinde im Blaumann: Bittgottesdienst und frommer Protest zugleich.

Ex-Regierungs-Chef Rakowski erinnerte sich:
„Selbstverständlich war es der Papst, der dem Volk den aufrechten Gang beigebracht hat, der das Volk von den Knien aufgehoben hat. Daraus entstand die Solidarnosc.“

Das Volk von den Knien aufgehoben, was für ein Eingeständnis: Der Dauerstreik in zahllosen Betrieben hatte Erfolg. Solidarnosc wurde von der Regierung als freie Gewerkschaft anerkannt, die erste offizielle Opposition im sozialistischen Lager. Die Arbeiter triumphierten. Eine Urkunde garantierte ihnen höhere Löhne, aber vor allem Streikrecht, Presse- und Informationsfreiheit. Es war ein Anfang vom Ende der kommunistischen Alleinherrschaft. Streikführer Walesa zeigte den jubelnden Arbeitern den Kugelschreiber, mit dem er den Vertrag mit der Regierung unterzeichnet hatte. Er trug das Bild von Johannes Paul. Der polnische Pontifex hatte mitgeschrieben.

In Moskau schlug Staats- und Parteichef Breshnew Alarm. Die Führer der Bruderstaaten des Warschauer Pakts wurden in den Kreml einbestellt. Das Sitzungsprotokoll sieht in Polen die Alleinherrschaft der Partei in Gefahr. Der Warschauer Pakt, das kommunistische Militärbündnis unter Führung Moskaus drohte, in Polen einzumarschieren, um den „Sozialismus zu retten“.

Die Strafexpedition vollzog Polens Führung dann selbst. Parteichef Jaruzelski verhängte Ende 1981 das Kriegsrecht, den Ausnahmezustand. Um den Einmarsch der Bruderarmeen zu verhindern, führte Jaruzelski Bürgerkrieg gegen die Solidarnosc.

Noch während des Kriegsrechts kam der Papst wieder nach Polen. Dort war trotz des Ausnahmezustands eine katholische Konterrevolution mit dem Kruzifix unterwegs. Wieder waren Millionen dabei. Johannes Paul kam als Vermittler zwischen der Solidarnosc-Opposition und dem Regime. „Gebt nicht auf!“, rief er, „Habt keine Angst!“

Einen Monat später wurde das Kriegsrecht aufgehoben, doch Solidarnosc blieb verboten, agierte im Untergrund und stürzte genau zehn Jahre nach dem ersten Papstbesuch in Polen die kommunistische Diktatur.

Und heute? Heute ist die katholische Kirche wieder gefordert. Heute ermahnen polnische Bischöfe ihre Regierung eindringlich, den Prozess der Versöhnung mit Deutschland nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Schon vor über fünfzig Jahren hatten polnische Bischöfe ihren deutschen Mitbrüdern nach Vernichtungskrieg und Vertreibung geschrieben: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Denn für die autoritären Strukturen und den verbreiteten Nationalismus der heute herrschenden PiS-Partei hat die Solidarnosc nicht zehn lange Jahre gekämpft und Opfer gebracht.

Der Prophet Micha und ein Lock im Anorak als lauter Protest

In den achtziger Jahren sammelte sich lauter Protest gegen die Hochrüstung auf deutschem Boden in West und Ost. Gegen sowjetische SS 20 in der DDR richtete der Westen amerikanische Pershing 2–Raketen. Auch in der DDR bildete sich eine eher leise Friedensbewegung im kirchlichen Raum. Sie sangen von Brot und Wein und Frieden ohne Furcht. Und sie übernahmen ein Wort des Propheten Micha, der „Schwerter zu Pflugscharen“ forderte, also Umbau von Waffen zu friedlichem Gerät. 

„Ein jeder braucht sein Brot sein ?Wein,
und Frieden ohne Furcht soll sein.
Pflugscharen schmelzt aus Gewehren und Kanonen,
dass wir im Frieden beisammen wohnen.“

Der evangelische Jugendpfarrer Harald Bretschneider verbreitete diese Sehnsucht nach Frieden des Propheten Micha. Er nutzte die Abbildung einer sowjetischen Plastik, die in New York vor den Vereinten Nationen steht. Sie zeigt einen Muskelmann, der mit einem Hammer aus einem Schwert eine Pflugschar schmiedet. Ein Foto davon war in vielen Jugendbüchern der DDR abgedruckt. Nur für den „innerkirchlichen Gebrauch“ ließ der Pfarrer listig ein graphisches Abbild des Muskelmannes mit der Inschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ auf Stoff drucken. Für Papier hätte er eine staatliche Druckerlaubnis einholen müssen. Diese runden Stoff-Aufnäher hefteten sich zehntausende junge Leute an ihre Anoraks oder Parkas. Für die Partei, propagierte die DDR als „ersten Friedensstaat auf deutschem Boden“ und sah in der kirchlichen Friedensaktion eine unzulässige Konkurrenz. Sie verbot das kirchliche Friedenssymbol. Also forderten Lehrer Schüler auf, das Abzeichen zu entfernen. Der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner:

„ Die waren unter dem Druck der Partei natürlich genötigt, dieses Symbol abzutrennen. Und was machten sie. Sie schnitten gleichzeitig einen kreisrunden Fleck aus ihrem Anorak heraus, den Stoff gewissermaßen mit. Und die Polizei konnte nichts mehr sagen, denn das Symbol war abgetrennt. Aber jeder wusste natürlich, was da gewesen war.“

Das leere Loch im Anorak als plakativer Protest gegen die Partei.
1981 begann die evangelische Kirche in der DDR mit einer Friedensdekade ein ständiges Gebet für den Frieden. Gegen Ende der achtziger Jahre zog es immer mehr Menschen, Christen und Nicht-Christen zu diesen Friedensgebeten. Unter dem Dach der Kirche erfuhren sie einen Schutzraum für freie Rede.

Die Katholiken lebten in der DDR in doppelter Diaspora, sie wurden als Christen  vom atheistischen Staat bedrängt, waren aber auch Minderheit im traditionellen Lutherland  Sie blieben in ihren kleinen aber stets voll besetzten Kirchen ganz überwiegend unter sich und leisteten eher stillen Widerstand. Jeden Sonntag hielten sie während der Messe gewissermaßen eine Stunde frommen Sitzstreik gegen den „real existierenden Sozialismus“.

Die Protestanten boten in mit ihren „Montagsgebeten“ den Mühseligen und Beladenen einen Platz zum Ausruhen von den Mühen des DDR-Alltags. En Ehepaar schrieb der Leipziger Nicolai-Kirchengemeinde anonym.

„Wir sind keine oder nur halbherzige Christen. Wir haben uns in das Friedensgebet ‚eingeschlichen’. Wir sind Feiglinge, die in der Auseinandersetzung mit diesem Staat vorsichtig sind. Wir bedauern die, die glauben, in diesem materiell und staatsmoralisch verwahrlosten Land noch etwas ändern zu können und denken stets nur das Eine: Fort, fort. Wir sind nun bereit, sogar über Jesus Christus und dessen Art zu helfen, nachzudenken. Wir wollen uns trösten lassen.“

Den Montagsgebeten folgten die Montagsdemonstrationen

1989: Nach Fürbitten und Gebet, freier Rede und offenem Protest in den Kirchen gingen die Menschen in Plauen, Dresden und Leipzig auf die Straße. Heute leider oft vergessen, dass Ungarn zuvor Hunderttausend DDR-Bürgern auf eigenes Risiko und gegen den Widerstand aus Ost-Berlin Mitte September die Grenze Richtung Westen geöffnet hatte. Außerdem hatten an die zehntausend DDR-Bürger in den bundesdeutschen Botschaften von Prag und Warschau ihre Ausreise in den Westen erzwungen. Die Flüchtlinge waren die Speerspitze der „friedlichen Revolution“.

Denn die Botschaftsbesetzer und die sogenannten Ausreiser machten den Daheimgeblieben Mut, mit dem Schlachtruf „Wir bleiben hier“ überall in der DDR Freiheit zu fordern. In Leipzig gingen alle Protestmärsche von der Nicolaikirche aus. Ohne Montagsgebete keine Montagsdemonstration. Die Christen hatten die Menschen gelehrt, statt Steinen Kerzen in die Hände zu nehmen und  - anstelle von Hassparolen zu brüllen -  „Dona nobis pacem“ – Schenke uns Frieden -  zu singen.

Und heute? Als die Menschen in der DDR damals für die Freiheit auf die Straße gingen, ahnten sie nicht, dass die errungene Freiheit über ein Vierteljahrhundert danach von Pegida- und AfD-Krakeelern als deren „freie Meinungsäußerung“ missbraucht würde

Ein Geheimpriester wurde zum Moderator der Massen

Herbst 1989: Wie bei einem Dominoeffekt kam das Ende von Moskaus Satelliten. In Berlin erzwangen Zehntausende am 9. November die Öffnung der Mauer. Am Tag nach dem Mauerfall wurde in Bulgarien der kommunistische  Diktator Shiwkow gestürzt. In Polen hatte die Solidarnosc bereits freie Wahlen durchgesetzt und eine erste demokratische Regierung erkämpft. Ungarn war auf dem Weg zur Demokratie. Nur eine Woche nach der Öffnung von Mauer und Grenze zur Bundesrepublik begann im tschechischen Prag und im slowakischen Bratislava die „Samtene Revolution“. Neben dem Kopf der Opposition, dem Schriftsteller Václav Havel, trat als Moderator der demonstrierenden Massen auf dem Prager Wenzelsplatz Václav Malý auf, ein katholischer Priester mit staatlichem Berufsverbot. Malý, ein langjähriger Gegner des Regimes, wurde von der Staatssicherheit verfolgt, über 250  Mal verhört und auch geschlagen, saß Monate lang im Gefängnis in einer Zelle mit drei Mördern.

„Einer hat die Mutter von zwei Kindern umgebracht, der zweite hat seine Mutter umgebracht, der dritte hat einen Taxichauffeur umgebracht.  Und ich musste mit ihnen zusammenleben in einer Zelle. Sie war zwei Meter und vier Meter, also sehr kleine Zelle. Dort war auch die Toilette. Also ich musste dort nackt sein vor den anderen und ich musste auch mit ihnen sprechen. Und das war für mich wirklich eine gesegnete Zeit. Ich habe gelernt zu beten“.

Der Moment machte Mut, das Vater Unser öffentlich zu beten

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis musste er Zwangsarbeit leisten – als Toilettenreiniger und Heizer in Hotels. In seiner Freizeit feierte er geheim in Wohnungen Eucharistie, war als Beichtvater und Seelsorger in Prag und Umgebung unterwegs.

Der Priester Malý war Sprecher der systemkritischen „Charta 77“, die die Einhaltung der Menschenrechte verlangte. Im November 1989 stand er an der Seite des Oppositionsführers Václav Havel. Während der entscheidenden Großdemonstration von einer Million Menschen auf dem Letna-Platz setzte er den Höhepunkt der „Samtenen Revolution“. Zwei Polizisten in Uniform baten öffentlich um Verzeihung für die Prügelattacken der Sicherheitskräfte gegen die Opposition. Moderator Malý erklärte, dass er katholischer Priester sei.

„Also versuchte ich den Menschen zu zeigen: Das ist ein Geschenk von Gott, das ist nicht nur Folge der veränderten politischen Lage in der Welt, damals Gorbatschow, der Papst Wojtyla, die haben Verdienst auch für unsere Freiheit, die polnische Solidarnosc usw., also ich wollte zeigen, dass das vor allem ein Geschenk von Gott ist, der vergibt. Und deshalb ich in dem Moment den Mut gehabt, das Vater Unser zu beten“.

„Wer um Verzeihung bittet, dem muss man verzeihen“, sagte Malý. Alle seien unter der Diktatur schuldig geworden, durch Mittun, Wegschauen oder Schweigen.

Das an diesem Tag noch kommunistisch gelenkte Fernsehen übertrug den Massenprotest zum ersten Mal live … und das „Vater Unser“ auch. Am nächsten Tag war das halbe Land im Generalstreik. Kurz darauf traten die Parteiführung und die kommunistische Regierung zurück. Der Priester Václav Malý lehnte ein Regierungsamt unter Václav Havel ab. Er wollte endlich Pfarrer sein. 7 Jahre nach der Samtenen Revolution wurde er zum Bischof geweiht. 

„Nur eine Kirche ohne Macht ist eine mächtige Kirche“, sagt Bischof Malý, der die Ohnmacht der Kirche in der Diktatur erlebt hat.

„Wir müssen vor allem eine dienende Kirche sein. Viele, die auf der Suche nach dem Geistigen sind, identifizieren sich nicht mit der christlichen Lehre. Aber auch um diese Menschen muss sich die Kirche kümmern. Wir müssen sie ertragen. Wir denken, sie müssten doch schnell die kirchliche Lehre annehmen, aber dazu fehlt es an Geduld mit diesen Menschen, mit dem Risiko, sie zu verlieren.“

In den Tagen der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde mehrfach geurteilt, unser Land sei nun größer und protestantischer geworden. Doch die übergroße Mehrheit von Kirchenfernen in den sogenannt neuen Bundesländern hat das vereinte Deutschland atheistischer gemacht. Auch bei unserem Nachbarn Tschechische Republik hat der Kommunismus eine Mehrheit dem Christentum entfremdet. Nur noch gut jeder zehnte Tscheche bekennt sich zu einer Kirche.

Und heute? Václav Malý, der Dissident mit dem Hirtenstab sieht die Lage nüchtern. „Wir sind vor allem eine städtische Kirche, keine Volkskirche, keine Nationalkirche“, sagt der Prager Weihbischof. Er hofft auf eine „neue Generation von Konvertiten. In jeder größeren Pfarrgemeinde würden jedes Jahr zu Ostern einige Konvertiten getauft, zwei oder drei, manchmal fünf. Malýs Wahlspruch lautet: Pokora a Pravda. Zu deutsch: Demut und Wahrheit.

Nein, es war in den sozialistischen Staaten keine christliche und in der DDR keine protestantische Revolution, die schließlich auch zur deutschen Einheit geführt hat. Doch Christen in Polen und Ungarn, in der Tschechoslowakei, in Rumänien und in der DDR haben in den Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur ein Gegenkonzept vorgelebt. Es waren viele Christen, die als erste das Schweigen über das Unrecht brachen. Sie setzten Wahrheit gegen die Propaganda einer sozialistischen neuen Welt. Denn die Menschen hatten die selbst ernannte Diktatur der Arbeiterklasse und die ewige Vorwärtslüge von einer Zukunft im Kommunismus satt.

Quelle:
Jauer, Joachim: Urbi et Gorbi. Christen als Wegbereiter der Wende, Freiburg, 2009.

  


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Dieser Beitrag wurde am 03.10.2017 gesendet.


Über den Autor Joachim Jauer

Joachim Jauer war langjähriger Korrespondent des ZDF in der DDR, Moderator der Sendung "Kennzeichen D", Sonderkorrespondent in Mittel- und Ost-Europa und Fernsehchronist der Revolutionen von 1989. Jauer ist Autor der Bücher "Urbi et Gorbi"(Herder 2009) und "Kennzeichen D" (camino 2015).