Am Sonntagmorgen, 05.11.2017

von Prof. Dr. Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg

Leben als letzte Gelegenheit - oder Hoffnung auf Ewigkeit?

Sprecher
„Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“ Mit eindrücklichen Bildern spricht der Psalm 126, den Johannes Brahms in seinem deutschen Requiem vertont hat, von der Endlichkeit menschlichen Lebens. Der Monat November greift das Thema in verschiedenen Variationen auf. Da gibt es zunächst einmal Allerheiligen und Allerseelen, an dem katholische Christen sowohl der verstorbenen Heiligen der Kirche als auch der Verstorbenen in ihrem persönlichen Umfeld gedenken. Es folgen der Volkstrauertrag, der an die Toten der Weltkriege erinnert, und schließlich der Totensonntag am Ende des Monats, das Totengedenken der evangelischen Christen. Zwischen dem goldenen Oktober mit seiner prächtigen Laubfärbung und einer Fülle an vielfarbigen Früchten und dem nachfolgenden, von Kerzen heimelig erleuchteten Dezember, zwischen orangeroten Kürbissen und dem Glanz der Weihnachtskugeln erscheint die Farbe ebenso wie die Stimmung des Novembers grau. Grau wie die Asche, das Symbol der Vergänglichkeit schlechthin.

Autorin
Endlichkeit und Vergänglichkeit zu akzeptieren, besonders die eigene Endlichkeit und Vergänglichkeit, fällt schwer. Schwerer als in vergangenen Zeiten, als die Lebenserwartung bedeutend kürzer, die Kindersterblichkeitsrate höher, viele Krankheiten unheilbar und der Tod allgegenwärtig war. Anti-Aging-Produkte, medizinischer Fortschritt und neueste Erkenntnisse der Molekularbiologie schüren die Hoffnung, dass der Tod doch irgendwann einmal besiegt werden könnte – und wenn komplettes Besiegen sich als Illusion erweisen sollte, so soll er doch so lange wie möglich hinausgezögert werden. Peter Diamandis, Mitbegründer einer Universität am bekannten Wissenschaftsstandort Silicon Valley in den USA, hat ein Forschungsinstitut gegründet, das dazu beitragen soll, das Lebensalter sukzessive auf – sage und schreibe - siebenhundert Jahre zu verlängern.

Sprecher
Zugleich setzen Menschen von heute angesichts der Begrenztheit der Lebenszeit  ihre ganzen Kräfte ein, um in der Zeitspanne, die ihnen zur Verfügung steht, so viel wie möglich auszuprobieren und zu verwirklichen, um mit allen Mitteln das Letzte herauszuholen. Sie wollen Events haben – die alte Rede vom Erlebnis ist ziemlich außer Mode gekommen: Eindrücke, Reisen, Kultur, Genuss, Beziehungen. Die Angst, etwas zu verpassen, ist groß, schon bei Kindern und Jugendlichen. Groß ist der Druck, das eigene Leben zu optimieren, bis in den Urlaub hinein. Hier sind ebenfalls Events angesagt; einfach in den Tag hineinzuleben, ist fast schon verpönt. 

Autorin
Auch die Attraktivität des Reinkarnationsglaubens hier in Westeuropa hat etwas zu tun mit der Tendenz, möglichst viele Lebensmöglichkeiten auszuprobieren. In den Ursprungsländern von Buddhismus und Hinduismus ist Wiedergeburt dagegen gleichbedeutend mit dem Ertragen von Leiden. Das Ziel sind dort nicht möglichst viele Wiedergeburten und neue Leben, sondern im Gegenteil der Ausstieg aus der Spirale von Geburt und Wiedergeburt hinein ins Nirwana und damit in die Sphäre des Göttlichen. Westlicher Reinkarnationsglaube dagegen wird genährt durch die Hoffnung auf weitere erfüllte Lebensoptionen – das zeigen Umfragen in aller Deutlichkeit.

Sprecher
Für die vielen, die nicht an Wiedergeburt glauben, bleibt das Leben die einzige und damit die erste und letzte Gelegenheit zu leben. „Das Leben als letzte Gelegenheit“ ist der Titel eines Buches, das 1996 erschienen ist und heute, über zwanzig Jahre später, nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Autorin ist Marianne Gronemeyer, Sozialwissenschaftlerin, ehemalige Professorin für Erziehungswissenschaften und jetzt publizistisch tätig. Gronemeyer lotet darin unter kulturgeschichtlicher, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive Ursachen, Verlauf und Konsequenzen der Moderne bzw. Postmoderne aus. Bei ihren Ausführungen geht es ihr nicht um eine allgemeine Kulturschelte. Sie denkt darüber nach, warum die Uhr erfunden wurde und welche Vorteile, aber auch welche Nachteile die Messung der Zeit mit sich bringt. Und sie reflektiert über den inneren Zwang zur Beschleunigung, der viele Menschen ergriffen hat. Gronemeyer ist keine Theologin. Aber sie formuliert eine entscheidende theologische Einsicht: Wo der vormoderne Mensch im irdischen Leben einen vorübergehenden Aufenthalt auf dieser Welt sah, setzt der moderne und postmoderne Mensch das irdische Leben absolut. Wo der vormoderne Mensch seine endgültige Heimat und Erfüllung im Himmel erhoffte, klafft heute für viele Zeitgenossen eine Leerstelle. Zur selbstverständlichen „Lebens-Erwartung“ gehörte früher die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. In vergangenen Jahrhunderten lebten die Menschen darum fünfzig, sechzig, siebzig Jahre plus unendlich. Heute beträgt die Lebenserwartung nur noch um die achtzig Jahre. Keineswegs möchte Gronemeyer zu einem Weltverständnis zurückkehren, das in der Erde ein Jammertal sieht und im Leben ein möglichst rasch hinter sich zu bringendes und irgendwie zu ertragendes Durchgangsstadium. Aber sie macht mit ihrer nüchternen Analyse darauf aufmerksam, welche Konsequenzen es nach sich zieht, wenn religiöse bzw. christliche Zukunftshoffnungen weitgehend  ausfallen.

Autorin
Dabei haben Christen guten Grund zu solcher Hoffnung. Sie sind davon überzeugt: „Das ist noch nicht alles“, oder, um den Titel einer bekannten Erzählung von Maurice Sendak aufzugreifen: „Es muss im Leben mehr als alles geben“. Christen haben dabei keineswegs ein Mehr an Wissen als andere, was die Zukunft betrifft. Aber sie können im wahren Sinne des Wortes „guter Hoffnung“ sein, nämlich erfüllt von der Hoffnung auf die Überwindung des Todes und die Fülle des ewigen Lebens. Grund dieser Hoffnung ist die Auferweckung Jesu Christi von den Toten, und das große Fest dieser Hoffnung ist Ostern. Jetzt im November scheint Ostern unendlich fern. Und doch ist Christen der tiefste Sinn von Ostern gerade jetzt besonders nahe. Denn Sterben und Auferstehen, Tod und ewiges Leben, Trauer und Hoffnung gehören in christlicher Perspektive zusammen.

Sprecher
Die christliche Hoffnung ist kein blindes Vertrauen, sondern begründete Hoffnung. Sie stützt sich auf die Erfahrung von Gottes heilvollem Handeln, das von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft reicht und die menschliche Geschichte von der Schöpfung bis zur Vollendung umfasst. Weil christlicher Glaube der Überzeugung ist, dass Gott als Schöpfer Welt und Mensch ins Leben gerufen hat und erhält, kann und darf er auch daraus schließen, dass er sie nicht einfach ins Nichts fallen lässt, sondern auch über den Tod hinaus eine Zukunft für sie bereithält. Auf besondere und unüberbietbare Weise wurde diese Hoffnung bestätigt und überboten in der Auferweckung Jesu Christi. Paulus nennt Christus im Korintherbrief den „Ersten der Entschlafenen“, der den vielen anderen vorangeht. Nicht ein unbestimmter Glaube an ein unbestimmtes Jenseits, sondern die Auferweckung Jesu Christi ist der entscheidende Grund dafür, dass Christen guter Hoffnung sein dürfen.

Autorin
Diese Hoffnung ist freilich längst nicht mehr selbstverständlich, auch für Christen nicht. Unterschiedliche Umfragen kommen darüber ein, dass in Deutschland knapp die Hälfte der Menschen, Nicht-Gläubige wie Gläubige, darunter auch Angehörige anderer Religionen, davon ausgeht, dass nach dem Tod alles aus ist. Diese Zahl ist seit Jahren konstant. Die andere Hälfte glaubt in unterschiedlicher Weise an eine Weiterexistenz über den Tod hinaus; nur wenige sind unentschieden. Aber auch wer von einem Leben über den Tod hinaus überzeugt ist, lebt heute in einer Diesseitigkeit, wie wohl noch nie zuvor. Dieser Diesseitsorientierung können sich auch jene nicht oder nur schwer entziehen, die sich zum christlichen Glauben an ein Leben nach dem Tod bekennen.

Sprecher
Der christliche Glaube setzt dem Leben als letzter Gelegenheit die Hoffnung auf Ewigkeit entgegen. Mit gutem Grund trägt der Totensonntag auch den Namen Ewigkeitssonntag. Ewigkeit – das klingt freilich nach „sehr sehr sehr lange“, nach einer „unendlich langen“ Zeitlinie, wenn in der Umgangssprache etwa davon die Rede ist, dass man auf etwas „ewig“ warten musste. Von seiner ursprünglichen Bedeutung her meint Ewigkeit jedoch etwas anderes. Im Alten wie im Neuen Testament ist „Ewigkeit“ ein zentrales Attribut Gottes: Gott ist der Ewige schlechthin. Seine Ewigkeit ist Ausdruck und Folge seiner Transzendenz: Sie steht für sein Freisein von aller zeitlichen Begrenztheit und ist damit ein Kontrastbegriff zur geschaffenen, durch Anfang und Ende begrenzten Welt und zum zeitlich begrenzten Menschen. Ewigkeit bezeichnet damit gerade nicht die unendliche Dauer Gottes, sondern steht für seine Überlegenheit über alle Zeit und ist damit keine zeitliche, sondern eine qualitative Kategorie. Die Ewigkeit Gottes ist seine Lebensfülle, und an ihr darf und kann der Mensch nach christlicher Überzeugung teilhaben. Auch wenn „Ewigkeit“ keine zeitliche Größe ist, so kann sie doch unter den Bedingungen dieser Welt nicht anders als in zeitlichen Kategorien zum Ausdruck gebracht werden, weil eben gar keine anderen zur Verfügung stehen. Genau genommen meint Ewigkeit „Nicht-Zeit“. Das ist aber unter den Bedingungen von Raum und Zeit, denen das Menschsein unterliegt, gar nicht denkbar – daher greifen Sprache und Vorstellungsvermögen zu einem Ersatzkonstrukt.

Autorin
Ewiges Leben ist grenzenlos, insofern es kein Ende hat und keine Angst vor Verlust kennt, insofern es „Ruhen“ in einem Glück ist, das einem nicht mehr genommen werden kann. Es ist grenzenlos, insofern es „ganzes“, heiles und geheiltes, gelingendes, geglücktes, versöhntes und vollendetes Leben ist. Es ist grenzenlos, insofern die eigene Individualität nicht untergeht, sich nicht auflöst, sondern umgekehrt sich erfüllt. Es ist grenzenlos, insofern es nicht Selbstentfremdung fordert, sondern im Gegenteil die höchste Form von Selbstverwirklichung bedeutet. Es ist grenzenlos, insofern es nicht auf die Beziehung zwischen Gott und den einzelnen beschränkt bleibt, sondern im Miteinander die anderen Menschen einschließt. Und es ist grenzenlos, insofern es nicht Eintönigkeit und Langeweile bedeutet, sondern höchste Lebendigkeit und Erfüllung.

Sprecher
Die Hoffnung auf ewiges Leben richtet sich darum keineswegs nur an die Adresse der Zu-kurz-Gekommenen, sondern ebenso an die Satten und Übersättigten, nicht weil sie ein noch größeres Event, einen noch größeren „Kick“ verspricht, sondern eine grundsätzliche Alternative dazu bietet. Sie nimmt den Druck, möglichst viele Möglichkeiten in dieser begrenzten Lebenszeit ausschöpfen und alle suggerierten Bedürfnisse befriedigen zu müssen. Sie entlastet von dem Dogma der bestmöglichen Selbstverwirklichung. Sie befreit von dem Drang, soviel als möglich aus diesem Leben herausholen zu müssen. Denn die Lebensspanne, auch wenn sie lange währen sollte, ist eine viel zu kleine Zeit, um nur einen Bruchteil der unendlichen Möglichkeiten, die die Welt bereithält, auszuschöpfen. Auf diese Weise schenkt die Hoffnung auf Ewigkeit Gelassenheit, auch und gerade dann, wenn es im Leben nicht so läuft wie ersehnt. Und sie bewahrt davor, dem eigenen Drang nach dem “Alles-Haben-Wollen” bedingungslos nachzugeben. Auf diese Weise kann sie zu einer Quelle für ethisches Handeln und für einen christlichen Lebensstil werden, nicht unter dem Vorzeichen des moralin-sauren erhobenen Zeigefingers, sondern unter dem Vorzeichen der Befreiung.

Autorin
Gewiss ist die Hoffnung auf ewiges Leben oft genug als billige Vertröstung missbraucht worden. Karl Marx hatte mit seinem Vorwurf, sie sei Opium für das Volk, nicht ganz unrecht. Doch das Verhältnis der Religion zur Welt hat sich längst nachhaltig verändert. Christlicher Glaube ist sich bewusst, dass die Aussicht auf ewiges Leben keine einlullende Beruhigung ist, sondern vielmehr ein Stachel im Fleisch. Sie lässt sensibel werden für erfahrenes Unrecht und Unheil. Hoffnung auf Ewigkeit und soziales Engagement sind darum keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Wer nicht im Tiefsten eine Vision von Erfüllung, von Gerechtigkeit und Heil hat, nimmt unerfülltes Leben überhaupt nicht wahr.

Sprecher
Nicht zuletzt: Billige Vertröstung ist etwas anderes als echter Trost. Es ist nicht zu bestreiten, dass die Hoffnung auf Ewigkeit für viele gläubige Menschen nach wie vor ein wichtiges Moment für die Bewältigung der Widrigkeiten in ihrem Leben darstellt. Die Hoffnung, dass dieses Leben nicht die letzte Gelegenheit ist, dass es darüber hinaus „mehr als alles“ gibt, birgt in sich tröstliche Kraft, besonders, wenn es schwer wird und alle Herrlichkeit „wie des Grases Blumen“ erscheint.


 

 


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 05.11.2017 gesendet.


Über die Autorin Sabine Pemsel-Maier

Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie studierte katholischen Theologie, Philosophie, Pädagogik und Germanistik; Promotion in ökumenischer Theologie. Außerdem übte Sie verschiedenste Tätigkeiten in Schuldienst, Lehrerausbildung, Erwachsenenbildung und Wissenschaft aus. Ihre Schwerpunkte sind: Ökumenische Theologie, Genderfragen, Religionspädagogik, Themen im Schnittfeld von systematischer und religionspädagogischer Theologie.

Kontakt
pemsel-maier@ph-freiburg.de