26. Sonntag im Jahreskreis, 01.10.2017

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche Herz-Jesu in Reinbek


Predigt von Regens Dr. Jürgen Wätjer

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde!

Da fragt eine Frau ihren Mann: „Hat dir das Essen heute geschmeckt?“
Der Mann antwortet: „Merk dir, wenn ich nichts sage, bin ich zufrieden.“

Warum ist eine solche Antwort gefährlich?
Sie macht das Verhältnis der Menschen untereinander langsam, aber sicher sprachlos. Die Frau will wissen, wo sie dran ist. Sie hat ihr Bestes gegeben. Sie will gelobt werden. Doch der Mann merkt das nicht. Ihm geht es nur um das Essen, nicht um die Beziehung, die durch das Reden über das Essen gepflegt werden könnte. Die Frau kocht eines Tages nur noch Essen. Und das Essen hat nichts mehr mit der Beziehung zu tun. Ein gemeinsames Handeln ist sprachlos geworden. Irgendwann wird es ihr dann egal sein, ob dem Mann das Essen geschmeckt hat oder nicht. Das Verhältnis zwischen den Beiden ist abgestumpft. Der eine redet und tut nichts, der andere redet zunächst zwar falsch, tut dann aber doch das Richtige.

So erzählt das Gleichnis im heutigen Evangelium.

Handeln ist wichtiger als Reden. Das steht eindeutig im Evangelium. Aber ist dann das Reden nicht mehr notwendig?

Dieses Gleichnis regt mich an, das Verhältnis von Reden und Handeln von uns Christen anzuschauen. Sprechen verleiht dem Handeln den Beziehungsaspekt und macht Vieles eindeutig. So hilft es auch, menschliche Beziehungen zu fördern. Eine Kultur des Sprechens finde ich wichtig.

Sie kommt immer mehr abhanden, weil in vielen Wohnungen pausenlos der Fernseher oder Computer redet. Und wenn da jemand etwas dazwischenredet, stört der nur mit seinem Reden. Die Kultur des Sprechens geht verloren. Nur durch Sprechen und durch das Setzen von Zeichen werden wir zu Gemeinschaften zusammenwachsen. Nur durch Sprechen werden wir die Beziehung zu den anderen aufnehmen. Beziehungen sind wichtiger als Sachen. Das ist das Erste.

Ein Zweites ist wichtig:
Die Gesprächskultur muss den Bereich der menschlichen Gefühle und das Herz einbeziehen. Anerkennung ist für den Menschen wichtig. Er muss von anderen wissen: das hat mir gefallen, das finde ich gut. Oder er muss auch eine Kritik hören: Ich denke da anders, und zwar aus folgendem Grund. Der andere bekommt dadurch eine Möglichkeit, seine Gründe zu nennen. Dabei wird der eine dem anderen nicht seine Gründe einfach an den Kopf werfen, sondern hinhören, was der wirklich meint.

Der große Theologe Karl Rahner wurde einmal von seinen Studenten gefragt, warum er immer so treffend antworten könne. „Ja, wissen Sie, wenn mir jemand eine Frage stellt, dann überlege ich immer: Was ist die Frage hinter der Frage? Und darauf antworte ich.“ Wenn ich mit jemandem rede, kann ich darauf achten: Was will sie? Was braucht er? Wie kann ich durch mein Reden mit ihm und ihr in Beziehung treten?

Und ein Drittes brauchen wir in einer christlichen Sprechkultur:
Wir müssen auch fähig werden, Unangenehmes auszusprechen. Wenn Menschen zusammenleben, gibt es Missverständnisse und auch Fehler. Da sagt einmal einer etwas Falsches: und wer hätte das noch nicht getan! Oder einer gibt etwas Falsches weiter; oder es kommen sonst noch Gerüchte auf.

Dann schwelen die Gefühle, Ärger staut sich an; und bei irgendeiner Gelegenheit wirft er dem anderen dieses oder jenes an den Kopf. Der Streit ist perfekt, Spannungen bleiben. Es wäre viel hilfreicher, wenn wir offen damit umgehen könnten: Da hat jemand etwas falsch gemacht, eine Dummheit gesagt oder sonst etwas gemacht, was den Frieden stört. Er merkt es, oder er merkt zumindest, dass der andere ihn schief anschaut.

Sollte er nicht zu diesem gehen und sagen:
„Du, ich habe das und das gesagt.
Ich denke, das war von mir nicht recht.
Ich bitte dich um Entschuldigung.“

Und dieser sollte dann antworten:
„Ist schon gut. Du hast mich tatsächlich geärgert.
Ich habe das in mich hineingefressen.
Aber jetzt ist die Sache begraben.“

Oder sie sagt:

„Ich habe auch schon mal etwas falsch gemacht. Ganz unüberlegt. Es ist gut, dass du gekommen bist.“

Eine solche Kultur des Friedens könnte unsere Beziehungen um ein Vielfaches bessern. Die Sprache ist uns gegeben, nicht dass wir uns missverstehen, sondern dass durch sie alles eindeutiger wird. Und deshalb ist die Sprache so wichtig! Es reicht also oft nicht, nur etwas zu tun.

Es muss auch besprochen werden; angesprochen, damit es eindeutig wird und die Beziehungen dadurch wachsen – und zwar im Sinne Jesu. Dann werden Handeln und Reden übereinstimmen. Dann ist das Reden zu einer Weise des richtigen Handelns geworden.

Amen.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 01.10.2017 gesendet.


Über den Autor Regens Dr. Jürgen Wätjer

Dr. Jürgen Wätjer, geboren 1963, ist Regens (Leiter der Priesterausbildung) des Erzbistums Hamburg. Er ist Pastor im Pastoralen Raum Bille-Elbe-Sachsenwald und arbeitet als Diözesanrichter im Bischöflichen Offizialat der Diözesen Hamburg und Osnabrück. Zudem ist Dr. Wätjer Prior der Hamburger Komturei St. Ansgar des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem.