Am Sonntagmorgen, 08.10.2017

von Pater Norbert Cuypers aus Berlin

„Nicht Leistung, sondern Frucht bringen ist unsere Berufung“ – Gedanken zu Johannes 15

Autor
Ich liebe Österreich. Sechszehn Jahre habe ich dort gelebt und viele schöne Erfahrungen mit den Menschen und ihrer Kultur sammeln können, die auch von der abwechslungsreichen Landschaft geprägt sind. So erinnere ich mich gern an die Weinberge der Wachau, die sich am steilen Ufer entlang der Donau erstrecken. Auch das Weinbaugebiet im Burgenland mit seinem sanften Klima kommt mir durch den Sinn. Wie oft durfte ich doch als guter Freund einer Weinbauerfamilie dabei sein, wenn gerade jetzt, im goldenen Oktober, die Weinlese beginnt und wie schön war es, später im Jahr dann mit dem ersten Wein in geselliger Runde anzustoßen. Weingärten und Wein: das sind für mich auch heute noch Zeichen von Arbeit und Lebensfreude, von Leistung und Fruchtbarkeit in unserem Alltag.

Wer die Heilige Schrift achtsam liest, findet dort viele Bilder und Gleichnisse aus der Natur, die Jesus dazu benutzt, seinen Schülerinnen und Schülern zu erklären, wie Gott in ihr Leben hineinwirkt. So spricht er beispielsweise von der Saat des Landmanns, die auf unterschiedlichste Böden fällt (Mt 13,3-9) und dementsprechend unterschiedlich wächst und gedeiht. Genau so, meint Jesus, kann das Wort Gottes im Leben eines Menschen Früchte tragen, je nachdem, wie es gehört und aufgenommen wird. +++ An anderer Stelle verweist Jesus auf das kleine, unscheinbare Senfkorn (Mt 13,31-32), das zu einem großen Baum heranwachsen kann. Ähnlich, so lehrt Jesus, verhält es sich mit dem Glauben an Gott, der vielleicht auch klein beginnt, aber dennoch langsam und stetig groß und stark werden kann. Das Gleichnis vom Weinstock und den Reben im 15. Kapitel des Johannesevangeliums benutzt Jesus schließlich, um die Bedeutung einer innigen Beziehung zwischen ihm und seinen Freunden deutlich zu machen. Dabei verheißt er ihnen auch, dass ihr Leben Frucht bringen wird, wenn sie mit ihm verbunden bleiben:

Sprecher
Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, in dem kann ich wirken, und er wird viel Frucht tragen. Wer sich aber von mir trennt, der bleibt unfruchtbar.“ (Joh 15,5)

Autor
Nur dem ersten Anschein nach vermittelt uns das biblische Bild einen Gedanken, den wir aus unserem beruflichen Alltag allzu gut kennen: Wer erfolgreich sein will, wer auf Karriere aus ist, der muss vor allem produktiv sein und sich geschickt mit den richtigen Leuten vernetzen. Das aber ist das unmenschliche Gesetz der ‚Leistungsgesellschaft‘, in der wir leben, meint der Jesuitenpater Piet van Breemen und hat äußerst wenig mit der befreienden Botschaft des Evangeliums gemein:

Sprecher
 „Die Welt, in der wir leben, ist beherrscht von einem Leistungsdruck. Diese ‚Droge‘ nehmen wir in uns auf mit der Luft, die wir atmen. Alle haben wir die Parole verinnerlicht: ‚Ich bin, was ich leiste‘. Auf vielerlei Weise wird uns beigebracht, dass Leistung lebensnotwendig ist. Von Jugend auf haben wir erfahren, dass alles verdient werden muss: Geld natürlich und Karriere, aber auch Erfolg, Anerkennung, Bestätigung, Dankbarkeit, Herzlichkeit, ja sogar Liebe. Unsere Leistungen sind die einzige Existenzberechtigung.“

Autor
Fatal ist es, wenn sich dieses Leistungsdenken unbemerkt auch in unser religiöses Leben einschleicht. Manch frommer Mensch kann dann der Versuchung erliegen, Gottes Liebe mit viel Anstrengung und durch eigene Leistungen verdienen zu wollen. Wer immer brav ist und die richtigen Gebete spricht, dem muss Gott doch auch mehr Gnade schenken als jenen, die das nicht tun. Wer so denkt, vergisst, dass er Gott im Grunde nicht nur beeindrucken will, sondern sich damit sogar über Gott erhebt. Vor Gott zählt nicht die Leistung. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Dieser Begriff lässt sich in der gesamten Heiligen Schrift nicht einmal finden. Wohl aber soll unser Leben fruchtbar sein für uns selbst und für das Leben der anderen. Genau daran erinnert uns das Weinstockgleichnis, das Jesus erzählt.

Zwar sind Leistung und Fruchtbarkeit Begriffe, die inhaltlich viel Ähnlichkeit haben: Beide erfordern den Einsatz des Menschen, seine Anstrengung und Sorgfalt. Und doch gibt es auch feine Unterschiede, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, wenn wir das Befreiende des Evangeliums nicht verpassen wollen. Im Gegensatz zu einem übertriebenen Leistungsdenken, bei dem der Mitmensch eher als Konkurrent gesehen wird, weist die Fruchtbarkeit darauf hin, dass es in unserem Leben vielmehr um das Miteinander, als auf das Gegeneinander ankommt. Darauf macht Piet van Breemen aufmerksam, wenn er schreibt:

Sprecher
Fruchtbarkeit setzt jedes Mal eine Beziehung voraus, die immer Aufnahmefähigkeit und Empfänglichkeit beinhaltet. Pflanzen müssen befruchtet werden, um Frucht zu tragen. Bei Tieren und Menschen ist es noch evidenter, dass die Frucht nur aus der Beziehung hervorkommt. Und im Reich Gottes geht es vor allem um Beziehungen, intime und bleibende, wie z. B. der Vergleich mit Weinstock und Reben zeigt.“

Autor
In den Jahren, in denen ich als Steyler Missionar in Papua Neuguinea gelebt und gearbeitet habe, ist mir aufgefallen, wie sehr dort der Wert des zwischenmenschlichen Miteinanders hochgehalten wird. Dort in der Südsee habe ich den Grundsatz gelernt, der mich bis heute im Alltag prägt: ‚Mir geht es gut, wenn es dir gut geht! ‘ Und so setzt ein Papua Neuguinese alles daran, die Beziehung so zu gestalten, dass es dem anderen an nichts mangelt. Dann, und nur dann, kann auch er zufrieden und glücklich sein. Für diese Erfahrung, die mir die Menschen in Melanesien mitgegeben haben, bin ich sehr dankbar.

Wenn ich heute darüber nachdenke, was mich wirklich erfüllt und mich zutiefst glücklich macht in meinem Leben, dann ist es ja tatsächlich nicht nur das Lob und die Anerkennung, für das, was ich beruflich leiste. Selbstverständlich tut mir auch das gut. Was mir aber im Grunde viel wichtiger ist, sind tiefe, innige Beziehungen zu anderen Menschen. Freundschaften eben, bei denen ich mich zweckfrei angenommen fühle. Ähnlich sieht es auch der Jesuit Piet van Breemen:

Sprecher
„Nicht nur unsere Begabung und Talente, sondern unser ganzes Leben ist eine freie Gabe Gottes. Wir müssen unsere Existenzberechtigung gar nicht durch unsere Leistungen verdienen. Wir müssen auch nicht um jeden Preis bedeutsam sein. Unentgeltlichkeit ist eine lebensnahe Art, zu zeigen, dass unser Leben ein reines Geschenk ohne Berechnung ist. Dem entspricht das Urverlangen in jedem Menschen, zweckfrei bejaht und geliebt zu werden. Wenn wir nur wegen unserer Leistung geschätzt werden, dann verletzt das im Tiefsten.“

Autor
Das Bild vom Weinstock und den Reben, wie wir es im Johannesevangelium finden, hat Jesus aus der Natur genommen. Es lohnt sich, noch einmal einen genaueren Blick darauf zu werfen. Ob unser Denken und Handeln nämlich ausschließlich von Leistung oder auch von Fruchtbarkeit geprägt ist, zeigt sich auch in unserem respektvollen Umgang mit der Schöpfung. Als Christ glaube ich, dass sie uns von Gott zur Bewahrung für kommende Generationen anvertraut ist. Das wiederum bedeutet, dass wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen. In diesem Zusammenhang weist Piet van Breemen darauf hin, dass die große Würde des Menschen darin besteht, dass er nach christlichem Verständnis ein Mitarbeiter Gottes ist:

Sprecher
„Wir sind berufen, an der schöpferischen Aktivität Gottes teilzuhaben. Die Schöpfung ist uns anvertraut. In der Leistungshaltung verschiebt sich der Schwerpunkt weg von der Mitarbeit mit Gott auf die Ichzentriertheit hin. Damit schneiden wir uns von der von Gott gewirkten Fruchtbarkeit ab und verurteilen uns selbst zum Fluch der kompletten Eigenleistung.“

Autor
Gerade in Zeiten des globalisierten Welthandels ist es wichtig wahrzunehmen, wie sehr wir durch die Gier nach Profit und Gewinn, aber auch durch die Lust auf Luxus, Gefahr laufen, die Bewahrung der Schöpfung aus dem Blick zu verlieren. Afrikanische Staaten verkaufen zum Beispiel ihre fruchtbarsten Ländereien an andere Nationen, während die heimische Landwirtschaft zugrunde geht. In Südamerika werden kostbare Regenwälder unwiderruflich abgeholzt, um Soja in unfassbaren Mengen anzubauen. Damit werden bei uns Schweine und Rinder gemästet, um unseren unstillbaren Hunger nach Fleisch zu stillen. Man kann sich leicht vorstellen, was das alles für die Natur und unser Klima bedeutet. Es gäbe noch viele andere Beispiele, die zeigen könnten: Gerade der Reichtum unserer westlichen ‚Leistungsgesellschaften‘ geht auf Kosten der Armen. Ja, ich weiß, wir können das nicht mehr hören und einfache Antworten auf die Fragen, die damit verbunden sind, gibt es nicht. Aber wir werden es uns wohl noch so lange anhören müssen, bis wir endlich bereit sind, uns intensiver mit der Problematik auseinanderzusetzen und vor allem unseren Lebensstil zu ändern. Jedenfalls bin ich Papst Franziskus dankbar, dass er in seinem 2015 veröffentlichten Lehrschreiben ‚Laudato si‘ auf diese fatale Fehlentwicklung unserer Weltgemeinschaft ausdrücklich hingewiesen hat.

Ein weiterer Aspekt, warum ich von einer Spiritualität der Fruchtbarkeit überzeugt bin, anstatt nur auf eigene Leistung und Erfolge zu vertrauen, kommt mir aufgrund eigener Lebenserfahrung in den Sinn. Schon in der Schule werden Kinder danach benotet, wie viele Fehler sie machen im Diktat oder in der Rechenaufgabe. Aber was, so frage ich mich, sagt das eigentlich über den Wert und den Charakter des einzelnen Kindes aus? Mein kindliches Selbstwertgefühl wurde jedenfalls mehr als einmal angeknackst, als ich in Mathematik mal wieder der Schlechteste der Klasse war.

Fokussiert menschliche Leistung nicht viel zu oft ausschließlich auf das eigene Können? Die Fruchtbarkeit hingegen, zu der uns die biblische Botschaft einlädt, lässt Gottes Kraft auch in unserer menschlichen Schwäche zum Zuge kommen. Darum bin ich sicher, dass ein Mensch, der um seine Fehler und Schwächen weiß und sie auch annehmen kann, auf Dauer zufriedener und glücklicher wird, als jener, der ausschließlich leistungsorientiert denkt und sich dabei keinen Fehler erlauben mag. Der langjährige Exerzitienbegleiter Piet van Breemen:

Sprecher
„Die Natur hat ihre Höhen und Tiefen. Nicht jede Frucht ist vollkommen gestaltet; gelegentlich ist mal eine teilweise misslungen. Im Weizenfeld wächst auch Unkraut. Die Leistungsgesellschaft möchte das alles beseitigen. Sie klammert das Schwache aus und vergöttert den Erfolg und die Effizienz. Sie ist oft zu zielstrebig und verdrängt dabei gewisse Werte, manchmal in rücksichtsloser Weise. Da wird viel unverdientes Leid zugefügt, in flagrantem Gegensatz zum Evangelium.“

Autor
Noch ein letzter Gedanke, der mir im Zusammenhang mit dem biblischen Bild von Weinstock und den Reben wichtig erscheint: Es liegt in der Natur der Sache, dass sowohl unsere körperliche als auch unsere geistige Leistungskraft nachlässt, je älter wir werden. Am Ende steht dann oft die völlige Hilfsbedürftigkeit. Sich das einzugestehen ist alles andere als leicht. Das erlebe ich selbst bei vielen alten Mitbrüdern im Orden. Jahrzehntelang haben sie Schulen geleitet, Brunnen gegraben, Gemeinden aufgebaut. Jetzt, wo sie alt und krank sind, kommt ihnen ihr Leben oft nutzlos und wertlos vor. Nicht anders ergeht es alten Menschen in der Zivilgesellschaft.  Und so wundert es mich nicht, dass man in unserer westlichen ‚Leistungsgesellschaft‘ anfängt, über ‚lebenswertes‘ und ‚weniger lebenswertes‘ Leben laut nachzudenken. In einem Zeitungsinterview hingegen meinte Franz Kamphaus, Altbischof von Limburg:

Sprecher
„Die Würde sprechen wir uns nicht zu, darum können wir sie einander auch nicht absprechen. Sie ist uns vorgegeben, sie darf nicht angetastet werden.“

Autor
Ich bin überzeugt: Eine Spiritualität der Fruchtbarkeit erweitert unser Verständnis für das, was wirklich zählt im Leben. Gerade alte Menschen, die das im Herzen begriffen haben, wirken auf mich sehr weise und reif. In ihrer Nähe fühle ich mich wohl. Denn sie haben sich – oft schon sehr früh - dem Geheimnis des Fruchtbringens anvertraut. Der mit 90 Jahren selbst hoch betagte Piet van Breemen schreibt:

Sprecher
„In der Fruchtbarkeit bleibt Raum für das Geheimnis, das wir nicht durchschauen, sondern dem wir uns anvertrauen. Wir lassen es sich entfalten, wir lassen es geschehen. Wir sind aufmerksam und engagiert, aber auch entspannt und voller Zuversicht.“

Autor
Die biblische Bildrede vom Weinstock, wie ich sie verstehe, zeigt mir, dass mein Leben auf lange Sicht nur dann eine echte Erfüllung findet, wenn ich verinnerliche, was der heilige Ignatius einmal so formuliert hat: „Handle so, als ob alles von dir und nichts von Gott abhinge. Und vertraue so auf Gott, als ob alles von Gott, nichts aber von dir abhinge.“

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 08.10.2017 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de