Wort zum Tage, 12.08.2017

von Klaus Böllert aus Hamburg

Bessere Zeiten

Letzten Sonntag im Gottesdienst habe ich folgenden Satz gehört: „In dieser unserer immer schnelllebigeren Welt…“. Mal abgesehen von dem etwas merkwürdigen Deutsch ärgert mich das negative Denken bei solchen Sätzen. Seit ich bewusst am Gottesdienst teilnehme, höre ich in der Kirche immer wieder, dass die Welt oberflächlicher wird, immer vergnügungssüchtiger, konsumorientierter, ungerechter, hektischer. Ich bin 53 Jahre alt. Ich höre das jetzt schon seit 40 Jahren.

Wenn diese Negativspirale der Wahrheit entspricht, ist das auch eine ziemlich große Ohrfeige für die Christen in Deutschland und der Welt. 54 Millionen Deutsche sind Mitglied in den beiden großen Kirchen. Es gibt allein 1,25 Milliarden Katholiken auf der Welt. Was für ein Armutszeugnis, wenn da alles immer schlechter wird.

Und es stimmt ja auch nicht. Kurz nur zwei Beispiele. Einmal können auf der Welt immer mehr Menschen gut ernährt werden. Sicher ist es erschreckend und schlimm, dass zurzeit rund 800 Millionen Menschen hungern oder mangelernährt sind. Aber vor 30 Jahren waren es noch 200 Millionen Menschen mehr, obwohl heute viel mehr Menschen auf der Welt leben.

Ein anderes Beispiel dafür, dass eben nicht alles immer schlechter wird: In Deutschland werden immer weniger Kinder geschlagen. Als ich Kind war - so Ende der 60er Anfang der 70er Jahre – sagte die große Mehrheit der Eltern, dass Schläge natürlich zur Erziehung gehören. Heute sagt das nur noch etwa jeder Zehnte.

Gottes Reich ist wie ein Senfkorn. Ein sehr kleines Samenkorn, das zu einem großen Strauch heranwächst. Mit Jesus, so glauben wir Christen, hat das Reich Gottes angefangen, sich auszubreiten, auch wenn es erst am Ende der Zeiten vollendet sein wird. Ich darf ruhig wahrnehmen und mich darüber freuen, wenn sich das Reich Gottes ausbreitet. Zum Beispiel im Kampf gegen den Hunger; zum Beispiel bei den Kinderrechten.

Sicher dürfen wir Christen nicht blauäugig durch die Welt gehen und nur noch das Gute sehen. Aber jeder weiß doch, dass Lob, dass Freude über das Erreichte mehr motiviert als Tadel. Das merke ich schon bei meinen Kindern. Fünf Fehler im Diktat? Gut gemacht. Und nächstes Mal schaffst Du vielleicht nur drei. Das motiviert mehr als Gemoser. Und genauso ist es bei Erwachsenen. Wen sollte ein sinnloser Kampf gegen den Hunger motivieren?

Wenn ich das nächste Mal im Gottesdienst etwas über „diese unsere Welt“ höre, könnte es doch auch mal Dank für das Erreichte sein.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 12.08.2017 gesendet.


Über den Autor Klaus Böllert

Klaus Böllert ist Diplomtheologe und Journalist. Er arbeitet in der Stabsstelle Medien des Erzbistums Hamburg als Hörfunkredakteur und füllt als solcher die kirchlichen Sendeplätze beim NDR. Privat lebt er wenig auffällig, aber sehr glücklich mit Frau und zwei Kindern im Norden Hamburgs.

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klaus.boellert@googlemail.com