Verklärung des Herrn, 06.08.2017

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Ottilia in Absberg


Predigt von Domvikar Reinhard Kürzinger

Sehen, worauf es ankommt

„Mit sehenden Augen blind sein“ (Minnesang)
„Mit sehenden Augen blind sein“ (das eigentlich Notwendige nicht sehen!) Schon bei den Minnesänger im Mittelalter ist diese Redensart zu finden.Damit gemeint ist eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten, beinhaltet aber auch eine Schelte an die Zeitgenossen. „Wir sin mit sehenden ougen blint“ ( Minnesangs Frühling 97,40). Vielleicht hat ja ein Minnesänger in der Burg, die ursprünglich in Absberg stand, diese Worte schon rezitiert?

„Wie blind wir manchmal sind...“

Da entgeht mir, wie sich jemand verändert.
Da bemerke ich nicht, wie jemand hinter meinem Rücken intrigiert.
Da sehe ich nicht, wie jemand leidet.

Für etwas blind sein.Oder etwas nicht sehen wollen, weil ich einen Streit mit jemand vermeiden will.

„Jeder Mensch ist ein Geschenk Gottes“ (Regens Wagner)
„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe...“, heißt es im Evangelium. Gefallen findet Gott nicht nur an seinem Sohn. Gefallen findet er auch an uns. Auch wir sind seine Söhne und Töchter. Egal ob jung oder alt, gesund oder krank, fromm oder distanziert. Sein Augenmerk gilt auch uns. Wir sind von ihm gewollt, geliebt, gerettet.

Im Leitbild der Regens Wagner Stiftung für Arbeit mit Menschen mit Behinderung steht die Passage:

"Jeder Mensch ist ein Geschenk Gottes, unabhängig von Gesundheit oder Krankheit, Stärke oder Schwäche. Bedingungslos nimmt Gott uns an, so wie wir sind. Jedem kommt zu jeder Zeit die gleiche und unverlierbare Würde zu.

Wenn wir sehen, worauf es ankommt – dann wird uns die Vielfalt unserer Gaben bewusst. Diese Gaben sind der Proviant auf unserem Weg, die uns Kraft und Stärke schenken. Wir müssen diese nur teilen...“

Auf dem Berg verbinden sich Himmel und Erde
„Jesus nahm drei Jünger beiseite und führte sie auf einen hohen Berg.“

In Hochglanz-Prospekten der Tourismusbranche würde das heute so beworben:

Sonnenaufgang über den Gipfeln. Nebel im Tal. Das erleben Sie beim Wandern in den Bergen. Den Stress hinter sich lassen. Zur Ruhe kommen. Den Blick schweifen lassen. Über den Dingen stehen.

Die Probleme werden im Tal gelassen. Der Wanderer läuft sich frei von Kummer und Sorgen. Er entdeckt den Berg als Rückzugsort in unberührter Natur. Er genießt die grandiose Aussicht. Und gewinnt eine neue Perspektive. Dort oben ist er dem Himmel ganz nah!

Verklärte Sicht
Jesus gewährt seinen Begleitern auf dem Berg Tabor einen Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, die all die Widerwärtigkeiten des Lebens verklärt. Eine Zukunft, die alles zum Guten führt. Eine Zukunft, die auch jedem von uns offen steht.

Der Berg der Verklärung ist in den Niederungen des Alltags ein Symbol der Hoffnung! Alles wird sich klären, alles wird zu einem guten Ende kommen. In der Welt da draußen und in meiner persönliche Lebenswelt.

Wie ein UFO
Am gegenüberliegenden Ufer des Brombachsees steht auf der Anhöhe eine kleine Kapelle. Von dort oben hat der Besucher einen wunderschönen Blick über den Stausee mit den vielen Segelbooten. Das ganze Panorama vor Augen! Eine himmlische Aussicht.

Der moderne Bau sieht aus wie ein Ufo, das am See gelandet ist. Mit einer besonderen himmlischen Botschaft: Der am Kreuz hängende Christus hat ein Lächeln aufgesetzt. Sehr zur Verwunderung des Besuchers. Christus strahlt regelrecht vom Kreuz herab!

Kein ängstlicher Blick, trotz der Torturen der Folter. Kein schmerzverzerrtes Gesicht, trotz der Qualen der Kreuzigung. Keine Leidensmine - und das als Hingerichteter! Christus macht keinen geschundenen, sondern einen triumphierenden Eindruck. Die dunklen Stunden von Leiden und Schmerz, von Trübsal und Tod werden durchflutet vom Österlichen Licht. Der Auferstandene strahlt vom Kreuz herab. Der Gekreuzigte hat einen verklärten Gesichtsausdruck. Er verkörpert den Ostersieg über den Tod. Der Künstler drückt das mit dem am Kreuz hängenden lächelnden Christus auf sehr originelle Weise aus.

Das Glück festhalten
Zurück auf den Berg Tabor: Auf einmal ist Jesus wie verwandelt. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne. Himmlischer  Glanz umstrahlt ihn. Jesus zeigt sich im Licht des Auferstandenen.Für die Jünger tut sich eine andere Welt auf. Und sie fühlen sich wie im Himmel. Im Alltag erfahren Sie in der Nachfolge Jesu dagegen die Wirklichkeit des Kreuzes. Kopfschüttelnd und ablehnend begegnen Ihnen die Menschen. Man stellt Ihnen nach, bedroht und verjagt sie.

„Doch für einen Augenblick reißt der graue Alltag auf. Alles Schwere, alles Bedrängende und Beklemmende, alle Angst fällt von ihnen ab. Sie erleben einen Augenblick, in dem sie mit sich und der ganzen Welt eins sind und die Nähe Gottes greifbar ist.“

Und darum wollen sie Hütten bauen, sprich die Nähe Gottes und den Augenblick des Glücks festhalten. Doch müssen die Jünger wieder vom Berg heruntersteigen, in die Niederungen des Alltags. Solche Augenblicke dürfen auch wir erleben: Augenblicke, in denen wir dankbar sind, weil es uns gut geht, Augenblicke in denen wir nicht mehr grübeln, sondern zufrieden sind mit uns selbst, Augenblicke, in denen wir nicht mehr mit unserem Schicksal hadern, sondern ausgesöhnt sind mit unserer Lebensgeschichte. „Es sind Erfahrungen von Glück und Gelingen, von Liebe und Mitmenschlichkeit, von Begeisterung und Freude.“ Solche Augenblicke helfen uns, den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren.

Die Blickrichtung wechseln
Sehen, worauf es ankommt. Ein Geschenk des Himmels und eine Herausforderung auf Erden. Nicht wegsehen, nichts ausblenden. Eine tiefere Sichtweise entwickeln. Genau hinschauen. Ein freundliches Gesicht aufsetzen.

In den Niederungen des Alltags müssen wir immer wieder die Blickrichtung wechseln. Wohlwollend auf andere blicken, wie es Paul Weismantel im folgenden Text empfiehlt:

„Die Blickrichtung wechseln,
mich auf die andere Seite
stellen, um von dort aus
die Situation zu betrachten.

Einen Schritt zurück treten,
mehr Abstand gewinnen, um
noch mehr Zusammenhänge
und Hintergründe zu sehen.

Mich auf den Stuhl der
anderen Person setzen,
um nachzuempfinden,
wie es ihr damit geht.

Mit den Augen des anderen
wahrnehmen, mit seinen Ohren
hören, um zu berücksichtigen, was
ich sonst übersehe und überhöre.

In der Unterscheidung
der Meinungen auf meine
innerste Stimme hören, um
ihr zu trauen und zu folgen.“


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Dieser Beitrag wurde am 06.08.2017 gesendet.


Über den Autor Domvikar Reinhard Kürzinger

Domvikar Reinhard Kürzinger ist Leiter des Referates Wallfahrts- und Tourismuspastoral in der Diözese Eichstätt und Vizepräsident des EU-Förderprojektes Jakobuswege e. V.
Er unterrichtet als Dozent für Homiletik im Priesterseminar und nimmt einen Lehrauftrag an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wahr. Zudem fungiert er als Rundfunkbeauftragter der Diözese.