Morgenandacht, 05.08.2017

von Schwester M. Ancilla Röttger OSC aus Münster

Beten – wie geht das?

"Der Atem ist ein Lebensbegleiter. Vom ersten Schrei im Kreißsaal bis zum letzten Atemzug markiert er Anfang und Ende des Lebens. Wir können einige Zeit ohne Nahrung, Wasser und Licht überleben - aber nur wenige Minuten ohne Luft."[1] schreibt die Journalistin Diana Laarz in einem Artikel über den Atem, die Luft zum Leben. Es ist faszinierend, wenn man sich einmal näher anschaut, was mit dieser Luft in unserem Körper geschieht. Und pro Tag atmen wir etwa 20.000-mal ein und aus. Das Faszinierendste fand ich allerdings, dass der Atem eine Verbindung zwischen dem menschlichen Bewusstsein und dem Unbewusstsein ist.

Wir atmen, ohne nachzudenken. Das vegetative Nervensystem ist für die Atmung zuständig, und genauso wie das Herz im Schlaf weiterschlägt, atmen wir im Schlaf weiter. Bei körperlicher Anstrengung oder Angst atmen wir schneller, bei einem Schrecken halten wir die Luft an und wenn wir schlafen, atmen wir langsamer. Dafür ist das Nervensystem verantwortlich. Doch „was den Atem von allen anderen vegetativen Funktionen unterscheidet“ – schreibt die Journalistin –: „Die Menschen können ihn bewusst beeinflussen. Wir können dem Herzen nicht befehlen, langsamer zu schlagen. Wir können vom Magen nicht verlangen, die Verdauung einzustellen. Aber wir können beschließen, langsamer oder schneller zu atmen. Der Atem schlägt also eine Brücke, weil er willkürlich beeinflusst, was sonst unwillkürlich geschieht.“[2] Und indem wir bewusst langsam atmen, können wir durch den Atem das Herz beeinflussen, dass es langsamer schlägt.

Der Atem, eine Verbindung zwischen Geist und Körper. Das liegt den unzähligen Atemübungen zugrunde, die für die Einstimmung in die Meditation genommen oder die als heilende Therapie genutzt werden. Sich auf den Atem zu konzentrieren und langsam ein- und auszuatmen, schafft Konzentration in der Zerstreuung und Gelassenheit in den Turbulenzen des Alltags.

Der Atem als Lebenshauch hat noch eine weitere Bedeutung. Nicht nur, dass er unsere Worte zum anderen bringt, sondern wenn ich mit dem Namen Jesu ausatme, geschieht zugleich eine Konzentration unseres Wesen auf Gott hin. Ja, es geschieht noch mehr:

Der amerikanische Franziskaner Richard Rohr spricht über den Atem im Zusammenhang mit dem Gottesnamen, wie er im ersten Testament  Mose geoffenbart ist. Moses entdeckt beim Schafe hüten einen Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt. Und aus dem Feuer offenbart sich ihm Gott, der ihn in eine neue Aufgabe sendet. Mose will nicht so recht und es fallen ihm alle möglichen Ausreden ein. Schließlich fragt er, welchen Namen er denn den Israeliten nennen soll, wenn sie nach dem Gott fragen, der ihn sendet. Und Gott antwortet dem Mose: „ich bin der Ich-bin-da … Das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen“ (Ex 3,14+15).

Im Hebräischen geschrieben als das Heilige Tetragramm, das nur aus Hauchlauten besteht, war der Gottesname für die Juden unaussprechlich. Man kann ihn nur umschreiben und andere Namen für ihn finden. Und Richard Rohr betont, die Unaussprechlichkeit habe noch einen viel tieferen Grund: „Letztlich wurde das Wort überhaupt nicht gesprochen, sondern es wurde geatmet. Viele Experten sind überzeugt, dass die korrekte Aussprache der Versuch ist, den Klang des Ein- und Ausatmens zu repetieren und zu imitieren. Das, was wir in jedem Augenblick unseres Lebens tun, nämlich atmen, bedeutet demzufolge nichts anderes als den Namen Gottes auszusprechen, ob wir es wissen oder nicht. So wird er zu unserem ersten und letzten Wort, wenn wir die Welt betreten und wieder verlassen.“[3]

Was für ein wunderbarer Gedanke: Wir leben, weil Gott uns Atem geschenkt hat, und dieser Atem spricht ohne Unterlass seinen Namen.

Dazu kommt – auch ein Hinweis des Franziskaners -, dass es alle Menschen, egal welcher Religion, welcher Nationalität, welchen Standes, miteinander verbindet: Alle atmen.

Tiefer, als wir es oft denken, sind wir Menschen miteinander in Gott verbunden.


[1] Diana Laarz, Atem - die Luft zum Leben, in: GEO, Ausgabe 02 2017, S. 34-50, hier S. 36.

[2] Ebd. S. 42

[3] Richard Rohr, Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker, München 2010, S. 27/28.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 05.08.2017 gesendet.


Über die Autorin Schwester Ancilla Röttger OSC

Schwester M. Ancilla Röttger osc, 1951 in Meschede geboren, studierte in Münster Physik und Mathematik. Nach Beendigung des Referendariats trat sie 1976 in den Klarissenkonvent am Dom in Münster ein, wo sie bis heute lebt.