Am Sonntagmorgen, 30.07.2017

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

„Ich lege meinen Unglauben in seine Hände“ - Versuch über das Beten

Autorin
Betest du? Oder: Wie betest du? Solche Fragen gelten in unserer Gesellschaft als ungehörig, als tabu. Das erstaunt mich. Wir leben doch auch sonst in einer Welt, in der intimste Details der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Etwa in den sozialen Netzwerken. Beim Thema Gebet aber ist die Schamgrenze erreicht. Ich finde das gut, wenn dahinter eine gesunde Scheu steht, Persönliches an die Öffentlichkeit zu zerren. Etwas, was nur mir gehört, was mir heilig ist. Und was könnte heiliger sein, als das Gespräch zwischen Gott und Mensch? Und trotzdem ist es auch ein bisschen schade. Denn durch das hartnäckige Schweigen, das man häufig sogar unter engagierten Christinnen und Christen findet, bleibt jeder allein mit seinen Versuchen, zu Gott in Kontakt zu treten. Und manch einer gibt irgendwann auf.

Als ich zu Beginn dieses Jahres Exerzitien gemacht habe, achttägige geistliche Übungen in der Stille und in der Einsamkeit, ist dieses Thema auch für mich wieder stärker in den Vordergrund getreten. Und ich konnte – neben allen Schwierigkeiten, die das Gebet so mit sich bringt - etwas sehr Banales feststellen: Das Thema Gebet hat schlicht und einfach auch etwas mit Ausprobieren zu tun. Der Jesuit und Exerzitienbegleiter Willi Lambert SJ schreibt dazu:

Sprecher
„Kostbar sind mir auch Worte von Ignatius“ (gemeint ist Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens), „man solle jene Weise des Betens wählen, ‚bei der sich einem Gott am meisten mitteilt’, und da man das nicht im Vornhinein so genau wisse, solle man verschiedene Weisen des Betens ausprobieren.“

Autorin
Für mich bedeutet das erst mal: Alles ist erlaubt. Man kann im Sitzen, Stehen, Knien,  Gehen und sogar im Liegen beten. Man kann zu vorformulierten Gebeten greifen und sich damit in eine jahrhunderte alte Gebetstradition einreihen: Vaterunser, Psalmen, Texte aus dem Gotteslob. Man kann eine Kirche oder eine Kapelle aufsuchen, sozusagen der Klassiker. Man kann sich aber auch schweigend auf einen Küchenstuhl setzen und eine Kerze anzünden und eine Zeitlang an Jesus Christus denken. Und selbst beim Autofahren ist Beten eine Option. Wichtig ist nur eins: der lebendige Kontakt zu Gott. Und wenn der partout nicht gelingen will, dann tut es auch die Sehnsucht danach. Der christliche Schriftsteller Georges Bernanos (1888 bis 1948) sagt sogar: „Der Wunsch zu beten, ist schon Gebet“.

In meiner kurzen Auszeit habe ich ein wunderbares kleines Buch entdeckt mit dem Titel „Wie betest du? 80 Jesuiten geben eine persönliche Antwort“. Es ist herausgegeben von Vitus Seibel SJ und spiegelt in faszinierender Weise wider, wie vielfältig Beten sein kann. Offen und schonungslos beschreiben die Ordensmänner die Not und die Freude des Gebets. Gerade das scheinbare Nicht-Gelingen, das Scheitern, kommt hier ehrlich zur Sprache. So schreibt Josef Anton Aigner, ein Jesuit aus Wien:

Sprecher
„Das schweigende Gebet  am Morgen ist oft ein zähes Ringen mit dem Schlaf, der mich immer wieder überfällt. Häufig ist es auch ein Ringen mit Gott, der sich mir entzieht.“  

Autorin
Und er erzählt, wie er schon als junger Ordensmann seinem Begleiter darüber geklagt hat:

Sprecher
„Seine Antwort war trocken. ‚Dann beten Sie eben zu diesem Gott, der sich Ihnen immer wieder entzieht.’ - Es war die hilfreichste Anleitung für mein Beten, die ich in meinem Leben bekommen habe.“   

Autorin
Natürlich ist Beten sehr individuell. Jeder Mensch muss seine eigene Zugangsweise finden. Deshalb wäre es fatal, eine Form des Betens zu wählen, die – und sei sie noch so erhaben – an der eigenen Persönlichkeit vorbeigeht oder Gott nur die polierte Fassade zuwendet. Zumindest im Gebet sollte es wirklich um die Wahrheit des eigenen Daseins gehen. Oder, wie es der Jesuit Karl Kern ausdrückt,

Sprecher
„Ich darf mir selbst im Gebet nicht ausweichen. Alle Regungen des Gemüts haben ihren Platz vor Gott.“

Autorin
Das ist leichter gesagt als getan. Denn die Begegnung mit mir selbst und meinen Gefühlen ist nicht immer einfach. Da gibt es Gelungenes und Verkorkstes, Schuld und Verletzungen, da gibt es große Freude und abgrundtiefe Verzweiflung. Und es gibt viele kleine Stoßseufzer aufgrund verpasster Lebenschancen. Das Gute aber ist: Ich muss mich gar nicht selbst zerfleischen angesichts dieses Sammelsuriums von Unzulänglichkeiten. Nein. Wenn ich mutig bin (und das ist leider viel zu selten der Fall), schaffe ich es, mich im Gebet genauso, wie ich nun mal bin, mit Gott zu konfrontieren. Mit all meinem Gelungenen und mit all meinen Fehlern wende ich mich ihm zu. Oder sollte ich besser sagen: Er wendet sich mir zu?

Und dennoch gibt es auch die andere Seite: Die persönliche Not eines Menschen kann so groß werden, dass Beten einfach nicht mehr gelingt. Mit großer Ehrlichkeit beschreibt dies Andreas Batlogg SJ:

Sprecher
„Das Verstummen – aus Wut, Aggression, Traurigkeit, Erschöpfung – ist auch eine Erfahrung. Sie verführte mich einmal dazu, monatelang überhaupt nicht mehr zu beten. Bei einem Freund habe ich es dann wieder gelernt. Wochenlang. Er hat einfach gesagt: Wir beten zusammen. Das war, im Nachhinein, spirituelle Starthilfe.“

Autorin
Beneidenswert, eine solche Hilfe von außen zu erfahren. Ein Privileg. Aber auch für andere Christinnen und Christen stehen die Chancen gar nicht so schlecht. Man denke nur an die vielen Exerzitienhäuser und Klöster in Deutschland, die Kurse anbieten und Gäste aufnehmen, aber auch an Einrichtungen wie etwa Citykirchen. Im normalen Alltag über die Not des Betens zu sprechen, ist jedoch schwierig geworden. Vielleicht war es das schon immer. Umso wichtiger finde ich es, beim Beten stets den einfachen Weg zu bevorzugen.

Als Kind liebte ich die Bücher über Don Camillo. Die Filme waren mir dagegen unbekannt. Ich glaube allen Ernstes auch heute noch, dass man hier etwas über die Einfachheit und Wahrhaftigkeit des Betens lernen kann. Don Camillo bespricht die großen und kleinen Katastrophen seines Lebens rückhaltlos mit dem Gekreuzigten, der in seiner ärmlichen Pfarrkirche hängt. Nichts ist zu banal, zu verwegen, zu albern, um nicht vor Jesus ausgebreitet zu werden. Und das Faszinierende: Dieser Jesus antwortet, laut und unverkennbar. Er ermahnt und besänftigt Don Camillo, der irgendwie immer in Nöten ist und in seinem Eifer oft über das Ziel hinausschießt. Und vor allem: Dieser Don Camillo-Jesus lächelt. Er hat offensichtlich seine stille Freude an dem Dorfpfarrer mit der überschießenden Energie.

Auf der Suche nach Einfachheit hilft mir aber auch der Blick auf die großen Heiligen. So schreibt Theresa von Avila im 16. Jahrhundert:

Sprecherin
„Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.“

Autorin
Das ist doch durchaus Don-Camillo-kompatibel.

Genauso wie die Tatsache, dass eigentlich keine Situation zu banal ist, um sie nicht für die Gottesbeziehung zu nutzen. So verrät Dieter Metzler über seine Arbeit auf dem Hauptpostamt 2 in Hannover:

Sprecher
„Der Schichtdienst wurde zu einer Begegnungszeit mit dem Herrn. Ich stieß auf die Bücher von Romano Guardini. Ich las in den Nachtpausen auch Augustinus, Teilhard und andere. So geriet ich in die Dimension des Göttlichen Geheimnisses, ein Ereignis, das ein entscheidender Anlass für meinen Ordenseintritt bei den Jesuiten wurde.“  

Autorin
Was für den einen aber die nächtliche Lektüre bedeutet, kann für den nächsten die Natur sein, die Begegnung mit den Armen und Benachteiligten oder auch die Faszination für das Leben an sich. Ignatius von Loyola nennt das schlicht: „Gott in allen Dingen suchen und finden“.

Willi Lambert, als erfahrener Exerzitienbegleiter so etwas wie ein Spezialist für das Thema Gebet, gibt zu, dass sein Beten eigentlich immer noch – genau wie in der Jugendzeit – getragen ist von der Begeisterung über das Wunder des Lebens, das Wunder der Existenz. Auf die Frage, wo er Gott „am meisten“ sucht und findet, antwortet er:

Sprecher
„Dass es überhaupt etwas gibt, mich und die Welt, das hat ein Staunen ausgelöst, das mich keinen Tag meines Lebens, fast könnte ich sagen keine Stunde, verlassen hat. Berührt-Sein vom Urgeheimnis aller Wirklichkeit, vielleicht ist dies so etwas wie das immerwährende Gebet.“

Autorin
Die schöne Ungebrochenheit, das fromme Staunen, das aus diesen Worten spricht,  erscheinen mir wie eine Idylle. Viel häufiger ist dagegen die Erfahrung, dass sich das Gebet im Laufe des Lebens stark verändert. Oft verändert es sich auch mit dem Älterwerden. Wenn es gut läuft, in Richtung Einfachheit: weniger Worte, weniger Bitten, Schweigen, bloßes Dasein vor Gott.  Aber es gibt auch Veränderungen im Gebet, die anstrengen und belasten: Erfahrungen der Nähe und der Liebe und Erfahrungen der Abwesenheit Gottes wechseln sich ab. Eine Feuerprobe, besonders für Menschen, die sehr intensiv beten. Auch der Münchner Jesuit Karl Kern musste dies erfahren:

Sprecher
„Mit Mitte dreißig erfuhr mein Beten während der Großen Exerzitien eine ungeahnte Intensität und gleichzeitig erlebte ich einen tiefen Absturz. Ich ahnte, was völliges Durchdrungensein vom Geist, der in uns betet, sein kann. Ich fühlte mich gepackt, erhoben und getragen – und dann auf einmal wie fallen gelassen. Der Boden der Glaubenssicherheit war weg.“  

Autorin
Was tun? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Mitunter kann es helfen, so jedenfalls die Erfahrung von Alfons Höfer SJ, sich bewusst zu machen, dass auch Jesus die Not des Betens kennengelernt hat. Zum Beispiel am Ölberg. Denn er ist Mensch. Genau wie ich.
Höfer:

Sprecher
„So kann ich ihm ohne Hemmung sagen, was mich bewegt und welche Anliegen und Probleme ich in mir trage. Deswegen ist mir wichtig, täglich einen Raum der Stille zu finden, wo ich auf ihn hören kann. Schon eine Viertelstunde kann genügen.“

Autorin
Und er gibt unumwunden zu:

Sprecher
„Die Fragen, ob er mich hört, wie er mich erhört und warum er mich nicht erhört, kenne ich sehr wohl. Dennoch weiß ich: Ich bin bei ihm und er ist bei mir. Ich lasse mich los und lege meinen Unglauben in seine Hände. Er schaut mich an. Ich schaue ihn an. Seine Ruhe und sein Vertrauen fließen auf mich über.“

Autorin
Genau darum geht es wohl beim Beten: sich als Mensch der Gegenwart Gottes aussetzen, der immer schon da ist. Auch wenn ich ihn nicht wahrnehme. Oder, um ein anderes Bild zu bemühen: Beten heißt, ich schaue Gott an und Gott schaut mich an. Das ist im Grunde alles.

Und doch verlangt dies eine gewisse Disziplin. Ein bisschen wie Zähneputzen, so der Religionspsychologe Bernhard Grom:

Sprecher
„Ich muss dafür … eine bestimmte Zeit vorsehen und bereit sein, mich so zu sammeln, dass ich der Gegenwart Gottes bewusst werden kann.

Denn das ist für mich das Ziel, gleich welchen Ausgangspunkt ich wähle: der Gegenwart Gottes in meinem Leben gewahr zu werden. Ich muss diese Gegenwart nicht erdenken, wie ich früher meinte. Darum baue ich mir zu Beginn der Betrachtung kein geistiges Bild von Gott auf und stelle mir zu diesem Wort nicht etwas Erhabenes vor, sondern werde einfach still und achte darauf, wie Er längst da und am Werk ist.“

Autorin
Dies ist übrigens grundsätzlich auch im Alltag, bei der Arbeit, in der Straßenbahn, in der Mittagspause, eigentlich überall möglich, wenn die Basis – eine feste Zeit, eine feste Routine - einmal gelegt ist. Für mich ist es dabei wichtig, diese Basis immer wieder einmal – zum Beispiel auf einem Exerzitienkurs - neu ausrichten zu lassen und dabei einen Gesprächspartner, eine Gesprächspartnerin zu haben. Manchmal genügt auch schon ein langer Waldspaziergang, um den Blickkontakt zu Gott wieder neu aufzunehmen. Oft gelingt dies, offen gestanden, allerdings auch nicht. Denn Begegnung, zumal die Begegnung mit Gott, ist nicht machbar, sondern Gnade.

Wenn der Blickkontakt aber gelingt, so Christoph Soyer SJ aus Berlin, dann …  

Sprecher
„ … ist es, wie wenn zwei Freunde sich schweigend mit einem leichten Lächeln zunicken, wissend, dass alles gut ist.“

Autorin
An den Schluss möchte ich noch eine Geschichte stellen, die ein alter Jesuit, Raimund Baecker aus Berlin, erzählt und die für mich so etwas wie eine Ermutigung zum Beten bedeutet:

Sprecher
„Als Junge im Alter von sieben Jahren bin ich in Bremen, der Heimat meiner Mutter, einem großen Beter begegnet: Franz Moschner. Er war Priester, und er war blind. Er hatte meine Eltern getraut. Nun wollte meine Mutter mich ihm vorstellen, und so besuchten wir ihn im Pfarrhaus. Wir warteten im oberen Stockwerk, als er die lange Treppe heraufkam. Sie sagte mir noch: ‚Du weißt, er ist blind. Du musst ihm die Hand geben.’ Aber während er bedächtig die Stufen emporstieg, schaute er unverwandt mich an. Ich wunderte mich, weil er doch blind war. Doch noch mehr staunte ich, als mein Blick auf sein Gesicht fiel. Noch nie hatte ich einen Menschen gesehen, dessen Antlitz so von Freude überflutet war wie seines. Später schrieb er, wie er betete. Ich gebe es frei wieder: ‚Ich musste nicht lange überlegen, wo Gott ist, wie er zu mir steht, was ich ihm bedeute. Ich brauchte nur zu ihm aufzusehen und zu sagen: Du siehst mich und du liebst mich, und war sofort bei ihm.’

Später habe ich diese Art zu beten von ihm übernommen. Mein Beten wurde einfacher. Unsichtbar bin ich Jesus begegnet, sei es, dass ich ihn in meiner Seele berührt habe oder er mich. Ich fühlte seinen Blick in meiner Brust …

Mit zunehmendem Alter wurde diese Art mein einziges Beten. Seither bleibe ich dabei. Ich sehe ihn unverwandt an, lächle, und dann schweige ich.“


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Dieser Beitrag wurde am 30.07.2017 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker ist Hörfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Sie studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig – z.B. für Fachlexika und katholische Zeitschriften, aber auch für Kalender und Buchpublikationen. Sie ist verheiratet und arbeitet ehrenamtlich als Therapiehundeführerin. Kontakt
info@katholische-hörfunkarbeit.de