Morgenandacht, 19.06.2017

von Monsignore Winfried Haunerland aus München

Hoffnung auf bessere Zeiten

Vielleicht kennen Sie Tage, an denen Sie morgens früh aufwachen und sofort wieder an das denken, was gestern war. Wenn das etwas Schönes und Erfreuliches war, dann zaubert Ihnen das vielleicht ein Lächeln auf die Lippen oder Sie spüren in sich eine große Dankbarkeit. Aber oftmals holt uns auch das wieder ein, was gestern misslungen war, wo wir verletzt wurden oder selbst andere verletzt haben. Der Rückblick gibt dann nicht Auftrieb, sondern lähmt.  Das Unerledigte ist wie eine Last, von der der neue Tag schon geprägt ist, bevor er richtig begonnen hat.

Noch schlimmer ist es, wenn ich das Vergangene als Ganzes in den Blick nehme. So denken manche mit Trauer an ihre Jugend und die Chancen, die ihnen damals verwehrt waren. Sie träumen von einer Gegenwart, die anders wäre, wenn es in der Vergangenheit nicht bestimmte Fehler, familiäre Einschränkungen und Hindernisse gegeben hätte. Dann wird die Vergangenheit für alles verantwortlich gemacht, was ich in der Gegenwart tue oder auch nicht tue.

Aber es gibt auch die entgegengesetzte Gefahr, nämlich die Gefahr, von einer vermeintlich heilen Welt in der Vergangenheit zu träumen. Nur ist die Rede von der guten alten Zeit eine Selbsttäuschung. Auch in der Vergangenheit war nicht alles besser. Wer der Vergangenheit nachtrauert, flüchtet aus der Gegenwart in eine Zeit, die es so in der Regel nie gegeben hat.

Natürlich können Erfahrungen aus der Vergangenheit helfen, die Gegenwart zu bestehen. Deshalb beschäftigen sich Christinnen und Christen mit den Glaubenserfahrungen der Menschen früherer Jahrhunderte, vor allem mit den Glaubenserfahrungen, die das Volk Israel mit seinem Gott gemacht hat, und mit den Glaubenserfahrungen, die die Jünger Jesu vor 2000 Jahren gemacht haben. Aber hier wäre es ebenso gefährlich, mit einem nostalgischen Blick zurückzuschauen. Auch die Menschen in biblischer Zeit haben nicht in einer heilen Welt gelebt und waren in ihrem Glauben angefochten.

Warum aber fragen Christen dann überhaupt nach dem, was diese Menschen geglaubt haben?  Ganz einfach: Weil ihr Glauben auf die Zukunft ausgerichtet war. Wer die Gegenwart gestalten will, braucht nicht nur Erfahrungswissen, sondern auch einen Ausblick in die Zukunft, damit er Ziele hat, für die der Einsatz lohnt. Schüler und Studierende werden zu Anstrengungen motiviert, damit sie es im Leben einmal zu etwas bringen. Anders ausgedrückt: Man muss und kann auch schwierige Zeiten ertragen und durchstehen, weil eine Hoffnung auf bessere Zeiten existiert.

Aber die Rede von einer besseren Zukunft kann auch Vertröstung sein. Werden die Armen morgen wirklich mehr Wohlstand haben, wenn sie sich heute einschränken? Und was haben die Kranken von heute davon, dass es morgen vielleicht eine Heilung für ihre Krankheit gibt? So sehr wir von der Hoffnung leben, dass es einmal besser wird – wir müssen realistisch die Grenzen anerkennen, die unsere Welt und Lebenszeit vorgibt.

Doch die christliche Zukunftshoffnung beschränkt sich gerade nicht auf diese Weltzeit. Sie weiß, dass wir Menschen an Grenzen kommen, die wir nicht überwinden können. Aber die christliche Hoffnung geht davon aus, dass diese Grenzen vor Gott keinen Bestand haben. Die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, die Zukunft, die wir von Gott erwarten, besteht nicht nur aus dem kleinen Glück des Alltags und aus kleinen Schritten der Verbesserung. Christliche Hoffnung ist auf das Reich Gottes ausgerichtet, das ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, der Wahrheit und der Liebe ist.

Weil wir aber dieses klare Bild unserer Zukunft vor Augen haben, können wir erkennen, welche Schritte auf dieses Ziel hin sachgerecht sind. Alles, was dem Frieden und der Gerechtigkeit dient, alles, was zur Wahrheit und Liebe beiträgt, lässt das vollendete Reich Gottes schon heute aufleuchten. Wir können dieses Reich nicht bauen – und müssen es auch nicht. Aber wir können schon unsere Gegenwart auf das Reich Gottes hin ausrichten.


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Dieser Beitrag wurde am 19.06.2017 gesendet.


Über den Autor Monsignore Winfried Haunerland

Monsignore Winfried Haunerland ist seit 1982 Priester des Bistums Essen. Nach Tätigkeiten in der Seelsorge sowie in der Priesteraus- und -fortbildung war er Professor an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz (Österreich) und an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seit 2005 ist er Professor für Liturgiewissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und leitet dort das Herzogliche Georgianum, ein überdiözesanes Priesterseminar. Kontakt
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