Am Sonntagmorgen, 18.06.2017

von Sabine Demel aus Regensburg

Strafrecht in einer Kirche der Liebe?

Autorin
„Wer liebt, hat Recht“ – was für eine schöne Aussage! „Wer liebt, hat Recht“ – das ist der Titel eines Romans von Anita Lenz. Darin erzählt sie das Ehedrama einer gut situierten Frau namens Maja, die nach 27 Ehejahren von dem Doppelleben ihres Mannes mit einer Geliebten erfährt. Entsetzen, Fassungslosigkeit, Wut und Lähmung machen sich breit. Aber dann entschließt sich Maja dazu, verstehen zu wollen, wie es dazu kommen konnte. Wie es passieren konnte, dass sie von dem Doppelleben ihres Mannes nichts gemerkt hat, wieso sie alle Anzeichen für eine Entfremdung übersehen hat. Sie versucht herauszufinden, warum ihre Ehe zwar gut aussah, aber nicht gut war. Ihr Fazit lautet: „Wer liebt, hat Recht“.

Sprecherin
Wenn dieses Fazit stimmt, warum tun wir uns dann in bestimmten Situationen so schwer mit der Liebe? Und warum ist manchmal gerade in der Institution, die sich die Liebe auf ihre Fahnen geschrieben hat, so wenig von Liebe zu spüren? Behauptet nicht die katholische Kirche von sich, eine „Gemeinschaft der Liebe“ zu sein? Kann man nicht in fast jeder Predigt hören, dass die Handlungsmaxime von Christen die Nächstenliebe sein muss? „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe ... Das ist mein Gebot: Liebet einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,9.12). Werden diese Bibelverse aus dem Johannesevangelium nicht allzu gerne von der katholischen Kirche zitiert?

Sprecherin
Gerade die katholische Kirche spricht zwar ständig von der Liebe, aber reagiert sie nicht  gerade dann, wenn es darauf ankommt, ganz schön lieblos? Oder wie lässt sich das mit der Liebe vereinbaren, dass einem Religionslehrer an einer katholischen Schule gekündigt wird, nur weil er sich hat scheiden lassen, eine neue Liebe gefunden und ein zweites Mal geheiratet hat? Oder wie ist die Exkommunikation, die höchste Kirchenstrafe dafür, dass einige Frauen sich gegen die Rechtsordnung zu Priesterinnen weihen lassen, mit dem Anspruch der Liebe vereinbar? Ganz zu schweigen davon, dass einer schwangeren Frau, die sich nicht anders aus ihrer höchsten Not zu befreien weiß, als ihr ungeborenes Kind abzutreiben, von der katholischen Kirche die Exkommunikation angedroht wird. Ist das nicht eine Bankrotterklärung für die Liebe in der katholischen Kirche? Müsste sie nicht vielmehr diesen Menschen nachgehen, ihnen beistehen und vergeben, statt sie bloßzustellen, zu isolieren und zu bestrafen?

Autorin
In der Tat, das sind Anfragen, die man – zumindest auf die Schnelle – gar nicht so leicht widerlegen kann. Hier hilft es vielleicht, einmal auf eine andere Beispielliste zu schauen, die es ebenfalls gibt: Da schikaniert ein Religionslehrer nachweisbar immer wieder seine Schülerinnen, aber außer einer Ermahnung, dies künftig zu unterlassen, passiert augenscheinlich nichts. Warum schreitet die Kirche nicht klar und deutlich ein?  Eine stadtbekannte Bordellbesitzerin geht jeden Sonntag ganz selbstverständlich zur Kommunion, ohne dass das von Seiten der kirchlichen Autorität unterbunden wird. Ein Pfarrgemeinderat beschwert sich beim Bischof, dass ihr neuer Pfarrer viele vor den Kopf stößt und die Gemeinde spaltet; doch die Beschwerde scheint ungehört zu verhallen. Bei solchen Vorfällen tauchen dann genau die entgegengesetzten Fragen auf: Muss hier nicht etwas getan werden? Kann man das einfach so weiter laufen lassen? Muss nicht auch in der Kirche als Gemeinschaft der Liebe gegen Verfehlungen vorgegangen werden, weil sie sonst bald keine Gemeinschaft der Liebe mehr ist, sondern eine Gemeinschaft, in der man die Liebe nach Lust und Laune mit Füßen treten kann?

Sprecherin
Damit steht nun die Frage im Raum, wie die katholische Kirche ihrem Anspruch, eine Gemeinschaft der Liebe zu sein, am ehesten gerecht werden kann: mit oder ohne Maßnahmen gegen alle, die gegen die Liebe verstoßen?

Sprecherin
Klar ist: Eine Gemeinschaft lebt wesentlich vom freien Impuls der Liebe ihrer Glieder. Sie lebt aber ebenso wesentlich von der Verbindlichkeit bestimmter Verhaltensnormen, zu deren Einhalten jedes Gemeinschaftsglied verpflichtet ist und deren Nichteinhalten von der Gemeinschaft geahndet werden kann. Denn das, was die besondere Stärke der Liebe ist, ist zugleich auch ihre entscheidende Schwäche: die Freiwilligkeit. Die Haltung der Liebe kann nur postuliert, nicht aber eingeklagt werden. Folglich kann mit Hilfe der Liebe aufgezeigt werden, wie ein gutes, gedeihliches und faires Miteinander aussieht, aber garantiert werden kann es nicht.

Autorin
Um das Mindestmaß eines guten und fairen Miteinanders in einer Gemeinschaft sicherzustellen, ist der Einsatz von allgemeinverpflichtenden Regeln notwendig, von Regeln also, die für alle Gemeinschaftsglieder verpflichtend sind, und zwar so sehr verpflichtend, dass deren Einhalten mit sogenannten „Zwangsmaßnahmen“ durchgesetzt werden kann.

Sprecherin
Allgemein verpflichtende Regeln und Zwangsmaßnahmen sind aber keine Mittel der Liebe, sondern Mittel des Rechts, mitunter sogar des Strafrechts.

Anders ausgedrückt: Der Einsatz von Recht ist sozusagen das letzte Mittel, womit eine Gemeinschaft ihre grundlegenden Güter und Werte – und damit letztlich sich selbst – vor willkürlicher Missachtung und (allmählicher) Zerstörung schützen kann.

Autorin
Und das allerletzte Mittel einer Gemeinschaft, um ihrer eigenen Existenz willen, ist der Einsatz eines ganz bestimmten Rechtsmittels: nämlich das der Strafe. Wer straft, fügt der bestraften Person in begrenzter Weise ein Übel zu. Mit dieser Maßnahme werden zwei Ziele verfolgt: eines, das auf die Gemeinschaft bezogen ist, und eines, das auf die Person bezogen ist. Zum einen soll die Gemeinschaft vor weiterem Schaden geschützt werden und zum anderen der Täter zu Einsicht und Wandel bewegt werden, um ihn wieder in die Gemeinschaft eingliedern zu können. Das gilt in der Gesellschaft genauso wie in der Kirche, auch wenn die Kirche natürlich ganz andere Strafen hat als die Gesellschaft.

Sprecherin
Auf den Punkt gebracht, kann man sagen: Die Tatsache, dass es auch in der Kirche Strafen gibt, steht nicht in Widerspruch dazu, dass sie eine Gemeinschaft der Liebe ist. Ganz im Gegenteil. Auch und gerade für eine Gemeinschaft der Liebe sind Strafen lebensnotwendig. Andernfalls hätte die Gemeinschaft der Liebe keinen Bestand. Sie wäre schutzlos allen Angriffen, jeder willkürlichen Verletzung ihrer Grundlagen und jedem gewaltsamen Unterlaufen ihrer Gemeinschaftsordnung ausgeliefert. Noch zugespitzter formuliert: Erst die Existenz einer Rechts- und Strafrechtsordnung trägt wesentlich dazu bei, dass die Kirche ihre Identität als Gemeinschaft der Liebe bewahren und in glaubwürdiger Weise ihre Sendung erfüllen kann.[1]

Sprecherin
So wenig Recht und Gesetz an sich in Widerspruch zur Liebe stehen, so sehr kann allerdings die Art und Weise, mit Recht und Gesetz umzugehen, in Widerspruch zur Liebe geraten. Das ist dann der Fall, wenn nicht Recht und Gesetz im Dienst der Liebe stehen, sondern umgekehrt die Liebe dem Recht und Gesetz untergeordnet wird. Dass diese Unterordnung der Liebe nicht passiert, muss in ganz besonderer Weise in der Kirche beachtet werden. Denn schließlich versteht sich die Kirche  nicht nur als irgendeine Gemeinschaft der Liebe, sondern als die von Gott gegründete Gemeinschaft der Liebe.

Autorin
Und genau dieses Selbstverständnis der Kirche als die von Gott gegründete Gemeinschaft der Liebe führt zwangsläufig zu einer Rechtsordnung mit einigen Besonderheiten im Vergleich zu einer weltlichen Rechtsordnung.

So wird Recht und Gesetz in der katholischen Kirche nicht nur mit Hilfe der Vernunft und dem Willen der Mehrheit begründet, sondern mit Hilfe der Vernunft, die sich auf die im Glauben zugängliche Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus ausrichtet, also auf die Offenbarung, wie sie in der Bibel erzählt und durch die Tradition  bezeugt ist. Hiernach ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden, um alle Menschen zum Heil zu führen. Leben und Wirken, die Worte und Taten Jesu Christi, sein Leiden, Sterben und Auferstehen offenbaren, dass das Heil der Menschen in der Gemeinschaft mit Gott und seiner bedingungslosen Liebe liegt. Damit geht als zweite Besonderheit der kirchlichen Rechtsordnung einher, dass es ihr zwar auch um eine Friedens- und Freiheitsordnung im Hier und Jetzt geht, aber darüber hinaus auch noch oder sogar hauptsächlich um die geistliche Freiheit und den geistlichen Frieden, also um das Seelenheil der Menschen. Deshalb gibt es in der Rechtsordnung der katholischen Kirche auch Bestimmungen, die auf die Gesinnung und die innere Einstellung der Kirchenglieder Bezug nehmen, z.B. wann und wie der einzelne die Sakramente zu empfangen, den Gottesdienst zu feiern oder sich um ein heiliges Leben zu bemühen hat.

Sprecherin
Mit diesem Anspruch der kirchlichen Rechtsordnung, zwar durchaus die irdische Wirklichkeit zu erfassen, diese aber zugleich auch auf die Offenbarung Gottes hin zu überschreiten, ist eine weitere Besonderheit verbunden. Das Letztkriterium einer solchen auf das geistliche Wohl, auf das Seelenheil der einzelnen, ausgerichteten Rechtsordnung muss immer die Offenbarung der Liebe Gottes in Jesus Christus sein. Das hat zur Folge, dass im Konfliktfall nicht der Buchstabe des Gesetzes, sondern die dahinter stehende theologische Wahrheit der göttlichen Liebe verpflichtend ist.

Autorin
Aber Vorsicht! Hier ist vor dem Missverständnis zu warnen, dass Liebe ein rechtliches Instrument wäre. Das geht gar nicht. Denn Liebe ist eine ethische Haltung, mit rechtlichen Vorgaben, Methoden und Instrumenten umzugehen.[2] Diese Haltung kann dann auch dazu führen, bei einem objektiv schuldig gewordenen Glied der kirchlichen Gemeinschaft sozusagen „Gnade vor Recht“ walten und ihm so Gerechtigkeit im christlichen Sinn widerfahren zu lassen. Das heißt aber eben gerade nicht, dass der Gnade immer der Vorrang vor der Anwendung des Rechts einzuräumen ist. Denn das wäre willkürlich und damit ungerecht.[3]

Sprecherin
Für jede andere, insbesondere für eine staatliche Rechtsordnung, ist diese Logik der „Gnade vor Recht“ als eine mögliche Ausdrucksform der Gerechtigkeit bzw. Liebe undenkbar[4]. Hier müssen ganz andere Maßstäbe zugrunde gelegt werden. In einer staatlichen Rechtsordnung muss „Gerechtigkeit“ sehr allgemein definiert werden, damit sie von allen BürgerInnen jedweder Weltanschauung, Wert- und Moralvorstellung akzeptiert wird.

Autorin
In der Rechtsordnung der katholischen Kirche ist „Gerechtigkeit“ dagegen sehr konkret und inhaltsreich definiert, weil sie auf das gemeinsame Bekenntnis des katholischen Glaubens Bezug nimmt und nehmen muss. Daher verlangt „Gerechtigkeit“ in der katholischen Kirche, an der Liebe Gottes Maß zu nehmen, während sie im Staat die Gewährleistung der Gleichbehandlung und die Rechtssicherheit fordert. In der Rechtsordnung des Staates wird deshalb so etwas wie Liebe, Barmherzigkeit und Gnade als „eine nicht notwendige Ausnahme vom Recht“ verstanden, in der Rechtsordnung der katholischen Kirche dagegen als notwendiger Bestandteil der Gerechtigkeit, so dass eine rigorose Anwendung des Rechts sogar als „ungerecht“ gilt.[5]

Sprecherin
Spätestens an dieser Stelle kommt die Frage auf: Und was heißt das nun für die eingangs genannten Beispiele des Religionslehrers mit ziviler Scheidung und Wiederheirat und der Frau, die abgetrieben hat, auf der einen Seite und für die Bordellbesitzerin und den Pfarrer, der die Gemeinde spaltet, auf der anderen Seite?

Sprecherin
So nachvollziehbar der Wunsch ist, die allgemeinen Überlegungen zu Liebe und Recht auf diese oder andere konkrete Fälle anzuwenden, sie kann hier nicht geleistet werden. Denn wann genau rechtliche Maßnahmen die Liebe und Barmherzigkeit schützen und wann genau umgekehrt die Liebe und Barmherzigkeit vor rechtlichen Maßnahmen geschützt werden muss, verlangt ein sorgsames Abwägen der konkreten Einzelumstände. Jede allgemeine Aufzählung von Kriterien würde die notwendige Flexibilität von Liebe, Barmherzigkeit und Recht unsachgemäß einengen.

Autorin
Wie in der Praxis Liebe, Barmherzigkeit und Recht zusammenzuführen sind, kann nur durch einige Orientierungsfragen aufgezeigt werden. Welche Ursachen liegen dem Handeln zugrunde? Ist es selbst ein Verstoß gegen die Liebe? Ist es Versagen oder persönliches Ablehnen eines Grundsatzes, einer Lehre oder Regelung? Wie beurteilt die Person selbst ihre Tat bzw. ihr Verhalten? Ist sie bereit, nach ihrem Teil der Verantwortung zu suchen und diese zu tragen? Ist sie bereit, zu bereuen, was zu bereuen ist, und wieder gut zu machen, was wieder gut gemacht werden kann? Identifiziert sich die Person generell mit der Gemeinschaft der Kirche? Ruft sie Unruhe und Ärgernis in der Gemeinschaft hervor? Wird durch die entsprechende kirchliche Maßnahme oder gerade im Gegenteil durch keine entsprechende kirchliche Maßnahme die persönliche Glaubwürdigkeit und die der Kirche beeinträchtigt? Durch welches Tun oder Unterlassen wird das Seelenheil der betroffenen Person wie der Gemeinschaft mehr gefördert?

Sprecherin
In einem konkreten Fall Liebe und Recht zusammenzuhalten und nicht gegeneinander auszuspielen, kann nicht abstrakt bestimmt werden, sondern verlangt immer einen detaillierten Abwägungsprozess. Das ist der Preis, der dafür zu entrichten ist, dass man die Liebe in das Recht hinein geholt hat.


[1] Vgl. Krämer, P., Strafen in einer Kirche der Liebe, in: „Strafrecht“ in einer Kirche der Liebe: Notwendigkeit oder Widerspruch, hrsg. v. Müller, L., u.a., Berlin 2006, 9-22, 17.

[2] Vgl. Pree, H., Kirchenrecht und Barmherzigkeit. Rechtstheologische und rechtstheoretische Aspekte, in: AKathKR 184 (2015), 57-74,  67.

[3] Vgl. Nelles, M., Summum ius summa iniuria? Eine kanonistische Untersuchung zum Verhältnis von Einzelfallgerechtigkeit und Rechtssicherheit im Recht der Kirche, St. Ottilien 2004, 245.

[4] Vgl. ebd., 244.

[5] Vgl. ebd., 118, 128, 334.


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Dieser Beitrag wurde am 18.06.2017 gesendet.


Über die Autorin Sabine Demel

Sabine Demel, geboren 1962, ist promovierte und habilitierte Theologin und seit 1997 Professorin für Kirchenrecht an der Universität Regensburg. Sie ist Mitbegründerin des Vereins AGENDA-Forum katholischer Theologinnen und des Vereins DONUM VITAE zur Förderung des Schutzes des menschlichen Lebens in Bayern e. V. sowie Vizepräsidentin der „Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von Theologie und Recht, Beteiligungsstrukturen in der Kirche  und die Ökumene. Sie tritt für eine lebensnahe Auslegung der kirchlichen Gesetze ein und will aufzeigen, wie Recht in der Kirche zu Frieden und Freiheit beitragen kann.

Kontakt
sabine.demel@ur.de