Fronleichnam, 15.06.2017

Predigt des Gottesdienstes aus der Akademiekirche Katholische Akademie Die Wolfsburg in Mülheim


Predigt von Generalvikar Klaus Pfeffer

Liebe Hörerinnen und Hörer!

In diesem Moment bewegen sich durch viele Städte und Gemeinden die teilweise farbenfrohen Fronleichnamsprozessionen: Es sind Glaubensdemonstrationen der Katholiken. In den letzten Jahren war ich selber häufig dabei und zwar in Essen bei der sogenannten Essener Stadtprozession. Für mich ein beeindruckendes Bild: Zahlreiche Geistliche und eine große Menge an Ministrantinnen und Ministranten in ihren Gewändern; Gläubige aus Nigeria, Indien, Kroatien und vielen anderen Nationen, die im Ruhrgebiet zuhause sind. Sie präsentieren sich in farbenfrohen Trachten. Dann noch Chöre und Musiker, sowie natürlich viele weitere betende und singende Christen. Eine bunte Truppe.

Die Prozession bewegt sich dabei durch Straßenzüge, in denen sich ein anderes Bild zeigt: Mehr oder weniger erstaunt blickende Leute sind an den Straßenrändern unterwegs, viele von ihnen vor und in Imbissbuden, Cafés oder Kneipen. Manche Passanten erwecken den Eindruck, als kämen sie gerade erst verspätet von ihrer nächtlichen Zechtour heim. Wieder andere sind als Obdachlose erkennbar. Welten treffen hier aufeinander, denke ich mir. Manche Passanten zücken sogar ihre Smartphones, weil sie die Prozession offensichtlich so sonderbar und ungewöhnlich empfinden.

Zentrales Element dieser Glaubensdemo ist eine Monstranz, ein Schaugefäß mit dem kleinen Stück Brot, von dem wir Katholiken sagen: Das ist Jesus Christus selbst, sein „Leib“. Mehrfach durfte ich in den letzten Jahren diese Monstranz mit Christus in der Gestalt des Brotes durch die Straßenzüge der Essener City tragen.

Der Kontrast zwischen den Menschen in der Prozession und den Menschen am Straßenrand macht mich immer wieder nachdenklich: Die Menschen, die ich da am Straßenrand sehe, kommen in unseren Kirchengemeinden wohl eher selten vor. Menschen unterschiedlicher Kulturen, anderer Religionen und auch manche, die mit Religion gar nichts mehr anfangen können. Und nicht zuletzt Menschen, denen es wirtschaftlich und sozial nicht besonders gut zu gehen scheint. Ich frage mich: Was denken diese Menschen, wenn sie uns Katholiken sehen mit dem kleinen Stück Brot, das wir verehren? Ist das nicht völlig absurd, was wir mit dieser Demonstration behaupten: Dass dieses kleine Stück Brot viel kostbarer ist als alles, was uns diese Erde zu bieten hat? Dass dieses kleine Stück Brot viel mehr verspricht als alles, womit Geschäfte, Einkaufshäuser und Kneipen Befriedigung verheißen?

Es gibt immer mehr Menschen, die die Versprechen der Religionen tatsächlich für völlig absurd halten. Ein Jugendlicher sagte mir mal: „Religion erledigt sich bald von selbst. Kein Mensch braucht sie heute noch.“ Er hielt Religion für billige Vertröstung; für unwissenschaftliches Gerede, für eine Sache aus vergangenen Zeiten, die sich heute erledigt hat. Mich wundert<s>e</s> das nicht: In einer Welt, in der fast alles am Geld hängt, weil damit so unglaublich viel geregelt, an Problemen gelöst und an Besitz gekauft werden kann, ist die Vorstellung von einer jenseitigen Welt offensichtlich überflüssig geworden.

Aber dann erinnere ich mich doch auch an eine Szene während einer der letzten Fronleichnamsprozessionen: Während ich mit der Monstranz an Kneipen, Imbissbuden und Geschäften vorbeiziehe, kniet sich plötzlich eine Frau mitten in einem Pulk von Gästen vor einem Gasthaus nieder. Beim Blick auf die Monstranz segnet sie sich. Ihre Geste berührt mich: Mitten in der Welt des Konsums ein solches Zeichen! Nein, sagt diese Frau, all das hier, worum es sich in der City meist dreht, ist nicht so wichtig. Es gibt mehr als Essen und Trinken, Kaufen und Besitzen, Geld und materiellen Reichtum. Es gibt noch etwas ganz anderes, was uns Menschen viel tiefer nährt und woran alles hängt.

„Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein“, heißt es im Alten Testament und genauso im Neuen Testament (Dtn 8,3; Mt 4,4; LK 4,4). Das ist richtig, denn es ist die große Illusion, der viele Menschen erliegen: Als könnte ich mein Leben allein mit materiellen, irdischen Mitteln bestehen. Nein, so muss sich bereits das Volk Israel auf seinem mühsamen Weg durch die Wüste in der heutigen Lesung sagen lassen: Der Mensch lebt „von jedem Wort, das aus dem Mund seines Gottes kommt“; der Mensch lebt von liebevoller Zuwendung, von Hoffnung und Zuversicht, vom Glauben an etwas, das größer ist als alles Menschliche. „Nimm dich in Acht, damit du nicht hochmütig wirst und glaubst, aus eigener Kraft und mit eigener Hand den Reichtum deines Lebens schaffen zu können!“, heißt es in dem alten Bibelwort, und weiter: „Denk vielmehr an den Herrn, deinen Gott, denn er gibt dir die Kraft deines Lebens!“ Jesus greift diese Gedanken auf und sieht sich selbst und damit Gott als Nahrung, als Lebens-Mittel, als „lebendiges Brot“, das den Menschen tiefer und dauerhafter nährt als alles, was die Erde geben kann.

Das ist eine Provokation: Geld macht nicht satt. Materieller Wohlstand ist nicht alles. Es reicht nicht aus, was wir mit menschlichen Mitteln alles „machen“ können. Im Grunde wissen die meisten Menschen das auch. Denn trotz allen Wohlstands gibt es in unserem Land ein hohes Maß an Unzufriedenheit – und das nicht nur bei den sozial Schwachen und Armen. Es gibt auch reiche Menschen, die in ihrem Inneren zutiefst unglücklich sind. Die Seele, das Herz des Menschen lebt eben von ganz anderen Dingen als von dem, was es in Geschäften zu kaufen gibt. Und selbst da, wo einzelne Menschen für eine Weile ihres Lebens reich und erfolgreich sind, können Krisen, Krankheiten oder Schicksalsschläge urplötzlich das eigene Lebenshaus ins Wanken bringen.

Was aber – so frage ich mich – trägt über unsere begrenzten irdischen Möglichkeiten hinaus? Was gibt von innen her Kraft, wenn die äußeren Kräfte nicht mehr reichen? Welche Hoffnung gibt es, wenn die Grenzen des Lebens sichtbar und spürbar werden? Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry sagt: „Man kann nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr. Es gibt wieder zu entdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, das allein den Menschen zu befriedigen vermag!“[1]

Das „Leben des Geistes“ ist für mich der Ort des Vertrauens zur Welt des Gottes, der über allem ist und uns Menschen gewollt und geschaffen hat, und der uns liebt, uns Halt, Kraft und Perspektive gibt. Das Leben ist eine trostlose Sache, wenn es ohne einen liebenden Gott zu leben wäre. Wenn nur das irdische Brot zählt, dann wird das Leben zu einem mühsamen Kampf, der aber doch nie zu einem erfüllenden Ende führt. Das irdische Brot aber macht nicht satt. Es reicht nie aus. Erfülltes Leben braucht noch ein anderes Brot – eben jenes, „das vom Himmel kommt“. Darauf verweisen Katholiken am heutigen Fronleichnamstag. So wie jene Frau, deren Bild sich mir eingeprägt hat, als sie neben den gedeckten Tischen der Kneipen und Imbissbuden vor dem kleinen Brot in der goldenen Hostie niederkniet.

 


[1] Antoine de Saiunt-Exupéry, Das Licht des Herzens. Texte zur Orientierung hrsg. von Peter Helbich (= GTB 477), Gütersloh 1988, 29ff.


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Dieser Beitrag wurde am 15.06.2017 gesendet.


Über den Autor Generalvikar Klaus Pfeffer

Generalvikar Klaus Pfeffer, geboren 1963 in Werdohl, absolvierte von 1983 bis 1985 ein Volontariat und eine Redakteurstätigkeit bei der Werdohler Tageszeitung "Süderländer Volksfreund". Anschließend folgte ein Theologiestudium in Bochum und Innsbruck sowie seine Priesterweiheim Jahr 1992. Seit 2012 ist Klaus Pfeffer Generalvikar des Bischofs von Essen und Moderator der Bischöflichen Kurie.