Wort zum Tage, 17.06.2017

von Pastoralreferentin Maria-Anna Immerz aus Augsburg

Schon und noch nicht

Er ist mir unauslöschlich im Gedächtnis: 17. Juni, Tag der deutschen Einheit. Wir hatten schulfrei; willkommen, dieser freie Tag extra jeden Sommer! Doch es war ein ernster Tag. Eltern und Lehrer erinnerten an die Aufstände im Osten und wie die russische Armee sie blutig niedergeschlagen hat. Die Sehnsucht nach Einheit nährte sich von diesem Gegenbild: So grausam kann und darf es nicht bleiben! Dann kam die deutsche Einheit, 1990. Nach Demonstrationen mit Kerzen und Gebeten, dank glücklicher Fügungen, die die politisch Verantwortlichen erkannten und nutzten – Gott sei Dank! Wir feiern weiter „Tag der deutschen Einheit“. Jetzt am 3. Oktober. Ein anderer Tag. Weil nicht mehr Sehnsucht aus blutigem Erleben, sondern Dank für Glück und guten Willen unser Gefühl von Einheit prägen. Hoffentlich! Denn zum neuen „Tag der deutschen Einheit“ gehört wieder die Achtsamkeit und, ja, die Sorge, dass die Einheit nicht bröckeln wird, dass sie nicht fahrlässig oder mutwillig angegriffen wird. In Deutschland. In Europa. Zwischen den Kontinenten.

Erreicht – doch längst nicht vollkommen. Überholt – und topaktuell. Eine eigenartige Spannung heute, wie bei so vielem in dieser Welt. Manche finden, sie macht das Leben interessant. Andere zermalmt sie.

„Ich bin das Alpha und das Omega, Anfang und Ende“, heißt es in der Bibel; von Jesus Christus. Gott bietet den Menschen eine Klammer, damit die Spannung von „schon erreicht“ und „noch nicht erledigt“ gut wird; damit Menschenleben und Menschheitsgeschichte spannend bleibt, aber nicht im Hamsterrad verkommt. Jesus hat viel von dieser Klammer erzählt – zum Beispiel: Im kleinen Samenkorn steckt schon die ganz große Fülle. Mit seiner Art, wie er, Jesus, für die Menschen da war, ist Gottes Reich angebrochen, und muss doch Tag für Tag weiter wachsen. Du bist von Gott geliebt und erlöst – lebe so, und sieh zu, wieviel sich noch weiter zum Guten verändert! Das hat Jesus die Menschen spüren lassen – damit nie Worthülse blieb, wenn er sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“  Dass das keine Worthülse blieb, zeigten die Christen der Montagsdemonstrationen im Osten. Im Glauben, Gott ist dabei, wagten sie Widerstand und Aufbruch. Einheit gelang. Weil sie vertrauten: Diese geheimnisvoll-göttliche Klammer zwischen Himmel und Erde trägt. „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Auch dieser 17. Juni 2017 ist einer dieser Tage. Spannend!


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Dieser Beitrag wurde am 17.06.2017 gesendet.


Über die Autorin Maria-Anna Immerz

Maria-Anna Immerz, geboren 1959, studierte Philosophie und Theologie in München und in Freiburg im Breisgau. Seit 1985 ist sie Pastoralreferentin im Bistum Augsburg und somit aktiv in verschiedenen Tätigkeitsbereichen auf gemeindlicher und diözesaner Ebene. Frau Immerz ist Beauftragte für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Augsburg sowie für den Fachbereich Schwangerenberatung. Seit 2011 ist Frau Immerz Diözesanbeauftragte für den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk und seit 01.09.2013 Theologische Referentin im Generalvikariat. Frau Immerz lebt in Augsburg.

Kontakt
maria-anna.immerz@bistum-augsburg.de